Die Polizei allein kann gegen Transzendenz-Wünsche, wie die des Mörders von Nizza, wenig ausrichten. Transzendenz erhebt einen Menschen über sich hinaus, der möchte, dass sich die Nachwelt an ihn und seine „Todes-Werke“ erinnert.

Es ist so schrecklich, wie viele Menschen weltweit den Sinn ihres kurzen Lebens in Tod und Zerstörung sehen. In erweitertem Selbstmord sozusagen. Extrem erweitert in diesem Fall: auf 84 arme, feiernde Menschen in Nizza gestern abend. Die Methode des Mörders erinnert mich an Jerusalem, wo nicht die unterdrückten, eingesperrten „Brüder“ aus dem Gaza-Streifen die Anschläge verüben – die schicken nur ihre Kinder zum Brotkringel verkaufen oder Körbe tragen nach Jerusalem, damit sie etwas Geld erlangen. Nein, es sind Söhne aus mittelreichen, mittelstabilen Jerusalemer Familien, die ihre Wut und ihren Zorn ausdrücken. Und, das behaupte ich jetzt, dabei kaum jemals an ihre Gaza-Brüder denken, sondern ihren eigenen Wahn ganz persönlich austragen. Eine Art von Selbsterhöhung, einen Größenwahn, die Erlangung von Transzendenz. Transzendenz bedeutet eine Art verkorkster Religion, eine Überwindung des Weltlichen – eine Art persönlicher Heiligenschein.

Dieses Phänomen ist so traurig, denn „gute“ Religion sieht Schöpfung und Kreativität vor, einen „lieben“ Gott, der erschafft und nicht zerstört. Transzendenz hingegen erhebt einen Menschen über sich hinaus, der möchte, dass sich die Nachwelt an ihn und seine Werke erinnert. Sich erhöhen, durch die Ermordung anderer. Ein monumentales Todeswerk erschaffen. Ein Serienmörder aus den USA stellte zum Beispiel kleine Denkmäler aus Leichen wie Skulpturen an die Autobahn.

Gesamtgesellschaftliche Frage

Gewisse Organisationen fördern nun diese Art von Transzendenz-Denken und erheben diese Ideologie in erwünschte Popkultur-Mentalität. Meiner Meinung nach ist es egal, ob man nun in der Wohnung des Mörders von Nizza eine IS-Flagge finden wird, oder nicht. Er hat auf jeden Fall sein persönliches Zerstörungs-Modell angepaßt und ausgeführt, weil momentan die Erwartung so hoch war. Apokalypse-Denken, Todeswahn, Mord – es gibt gerade sehr viel Werbung dafür. „Gewaltpornografie“ nannte ein syrischer Filmemacher dieses Phänomen, der selbst widersprüchliche, uneindeutige Bilder machen will, so dass man sich eigene Gedanken machen muss und nicht in einen Strudel gerät, sich triggern lässt.

In Jerusalem fuhr ein arabischer Bulldozzer-Fahrer auf der Jaffa Straße das Auto einer Holocaust-Überlebenden um, in Nizza konnte ein einziger LKW-Fahrer 84 Menschen mit sich in den Tod reißen. Er lebte seinen „persönlichen Knall“ aus, ob er den nun an eine Terror-Organisation anhängte oder nicht. Es ist sehr schwierig, gegen Transzendenz-Modelle vorzugehen, vor allem für die Polizei, die doch ideologisch und auch sonst fest auf der Erde verankert sein sollte, deswegen glaube ich, dass diese vielen Morde eine gesamtgesellschaftliche und religiöse Frage sind und die Polizei dem Problem nur nachlaufen und es einbremsen kann. Man muss das Leben, die Schöpfung, die Kunst vorziehen und die Polizei, die doch per se oft mit Tod und Zerstörung zu tun hat, wird dieses Problem, das auf dem Erbe von Kolonialismus, Kriegen und Todeswahn basiert, nicht alleine behandeln können. Hier sind KünstlerInnen, PhilosophInnen und TheologInnen gefragt. Und jeder „kleine Mensch“ mit Lebenssucht, der dem Todesfaszinosum widerstehen kann, dem allgegenwärtigen Sog, der sich, ausgehend vom Syrien-Krieg, gerade wie ein magnetischer Abgrund durch die Gesellschaften zieht.

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G. Szekatsch

G. Szekatsch bewertete diesen Eintrag 15.07.2016 13:06:37

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