Warum nicht einfach Trauer ausdrücken?

Warum nicht zugeben, dass es schrecklich ist, wenn ein Mensch bei einem Polizeieinsatz stirbt? Warum nicht zugeben, dass Menschen andere Menschen als Sklaven hielten und unmenschlich ausbeuteten? Wo ist das Problem?

Nach dem Massaker von Charleston 2015, bei dem ein junger Weißer während einer Bibelstunde in einer Kirche neun AfroamerikanerInnen erschoss, begann in den USA die Diskussion um die alten Denkmäler zum Thema Sklavenhandel. Denn genau diese Kirche in Charleston wurde von einem ehemaligen Sklaven mitgegründet, der sich nach einem Lottogewinn selber freigekauft hatte. In Folge eines nicht ausgeführten Plans Sklavenhändler zu ermorden und mit den befreiten Sklaven nach Haiti abzuhauen, wurden im Jahre 1822 dann 35 Männer gehängt.

Nach dem Mord in der Kirche von vor fünf Jahren, die der Täter bewusst als historische Stätte ausgesucht hatte, wurden sehr viele Denkmäler in den USA friedlich entfernt. In New York wurde z.B. eine Kommission gegründet, in der alle Bürgermeister des Staates New York berieten, welche Denkmäler man mit Tafeln ergänzen, in ein Museum bringen oder künstlerisch bearbeiten lassen solle.

Steinerne Symbole vom Sockel holen

Der Täter von Charleston hatte eine Homepage mit dem Namen „Last Rhodesian“ auf sich registriert, in Videos meinte er, die „weiße Rasse“ besitze eine natürliche Überlegenheit und man müsse mit drastischen Aktionen die USA und Europa „zurückerlangen“. Täter denken sich selber gerne als Opfer und sehen ihre eigenen mörderischen Handlungen als „Notwehr“. Klassische Täter-Opfer-Umkehr.

„Als Antwort auf das Töten von Menschen werden Symbole umgeworfen“, sagte gestern ein Kunstprofessor im österreichischen Fernsehen. Wie Trauer und Wut ausdrücken?

Die heutige Trauer liegt auch anderswo. Zum Beispiel darin, dass ein junger Polizist in Ausbildung George Floyd am Rücken festhielt. Dieser Mann ging laut seiner weißen Mutter zur Polizei, weil er als Kind eines schwarzen Vaters zwischen Weißen und Schwarzen vermitteln wollte. Doch auch er unternahm trauriger- und tödlicherweise nichts, denn sein Ausbildner kniete auf der Kehle eines Menschen. Drei Tage bei der Polizei und den Ausbildner in Frage stellen? Erst zu spät maß der junge Mann den Puls von Floyd und stellte fest, dass er nicht mehr lebte (Reportage in der gestrigen New York Times). Floyd hatte sich geweigert, die Zigaretten zurückzugeben, nachdem sein 20-Dollarschein von dem Geschäft für falsch gehalten war. Ist das nicht unendlich traurig, für eine Packung Tschick qualvoll zu sterben?

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