Was kosten Windeln, Herr Kurz?

Millionen Euro für ihn und hundert Euro mehr im Monat für uns pflegende Frauen, schlägt NVP-Kurz vor. Ein bitterer Scherz. Sehr gnädig. Fast wie der Haider-Hunderter damals, bei dessen Verteilung manche der in einer Schlange anstehenden Kärnterinnen weinen mussten.

Die Schallplatte empfängt mich jeden Tag dreimal. „Immer in der Mittagspause. Und sie wollte gar nicht!“ Die 87jährige Frau, die ich pflege, ist nur noch Haut und Knochen. Nur der Kopf und das Sprachvermögen sind groß, sonst alles dünn. Seit Jahren verläßt sie ihr Bett nicht. Vielleicht sollte man Herrn Kurz einmal die Windelpreise schicken? Vielleicht sollte er einmal öffentlich vor einer Kamera ausrechnen müssen, wie oft man einen alten Menschen pro Tag wickeln muss und wie sich das summiert im Laufe eines Monats?

„Immer in der Mittagspause. Ich saß unter dem Tisch. Und sie wollte gar nicht.“ Nachmittags erhält die Dame ein Glas Rotwein und kriegt dann rote Flecken im Gesicht. Ihr Vater, ein Bankdirektor, kam in der Mittagspause jedes Mal nach Hause und zwang die Mutter auf dem Küchentisch zum Sex, während das kleine Kind unter dem Tisch saß. „Sie wollte gar nicht. Sie wußte ja, dass ich da war.“

Eine Melange pro Tag

Validierung nennt sich die Methode, mit der man jemanden aus der Schallplatte heraus holt. Doch dann folgt direkt im Anschluß die nächste Schallplatte, die nächste Situation, die dringend aufgelöst werden muss. „Wäre er nur nicht zurückgegangen!“ Hundert Euro im Monat mehr, geteilt durch dreissig Tage, sind drei Euro irgendetwas pro Tag. Reichen also für eine Melange in einem Kaffeehaus zur Ruhe und zur Tröstung. Zum Beispiel, wenn man ins Gesicht gehauen wird, weil man eine warme Windel an der kalten Luft gegen eine kalte austauschen muss. Wahrlich ein schlagendes Argument dafür, zu Hause zu pflegen. „Wäre er nur nicht zurückgegangen in die Werkstatt!“ Kochen, füttern, abwaschen. Aufpassen wegen der Tschick. Sie darf nicht alleine rauchen wegen der Brandgefahr. Lüften geht bei dem Knochengestell auch nicht, ein Durchzug könnte ihr Tod sein. Der Ehemann war als Holzbauer zurück in die Werkstatt gegangen, um sich einen Pullover zu holen. Deswegen war er als Einziger in der Schiffsbau-Werkstatt, als sie in die Luft flog.

Ein besonderer Mensch

Am nächsten Tag: „Ein einziges Mal im Leben war ich schneller als er.“ Diesmal scheint sie aber amüsiert zu sein. Die Schallplatte läuft den ganzen Tag durch bis am Abend. Am nächsten Tag auch noch. Kochen, füttern, abwaschen. Windeln gewechselt hat heute früh schon die Nachbarin. Die spekuliert auf die Wohnung. „Ein einziges Mal musste er mich abtransportieren.“ Beim Heurigen hatte sie sich ein einziges Mal so schnell betrunken, dass ihr Ehegatte schauen konnte, wie er sie nach Hause bringt. Darauf war sie bis heute stolz. Denn sonst war es immer umgekehrt gewesen.

Man pflegt des einzelnen, ganz besonderen Menschen wegen und schaut, was man selber aushält und wie lange. Sicher nicht für Hundert Euro im Monat mehr. Das ist wirklich lächerlich, Herr Kurz. Vor allem als Ablenkung von Ihren Millionen.

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