Was sollen Frauen, die keine Zeugen für Übergriffe haben, dann machen?

Erstaunlich im Falle Peter Pilz finde ich die Tatsache, dass nicht wenigen Ungläubigen die drei männlichen Zeugen nicht ausreichen, die sich an den Vorfall in Alpbach deutlich erinnern können. Diese völlig unterschiedlichen Männer meinten sogar, sie hätten den bekannten Politiker Peter Pilz, der einer ÖVP-Frau um den Hals fiel (vielleicht wollte er sich ja nur abstützen, suchte Halt und Schutz?), „abgedrängt“. Anscheinend hat ihn aber keiner, als Pilz wieder nüchtern war, auf den Vorfall angesprochen, denn sonst könnte er sich ja wohl an ein unangenehmes Gespräch am nächsten Tag erinnern. Diese edlen Retter haben sich dezent aus der Affaire gezogen. Erstaunlich finde ich aber auch, wie sich das Leute vorstellen, auf welche Weise sich Opfer von sexualisierter Belästigung normalerweise wehren können? Denn Täter suchen oft Situationen, in denen sie mit dem Opfer alleine sind. Dann steht Aussage der Frau oder des Kindes meist alleine gegen das Wort eines Täters. Wenn die Betroffenen sich überhaupt reden trauen.

Keine Öffentlichkeit

Erstaunlich ist ebenfalls, dass viele nicht realisieren, dass die Frauen extra nicht an die Öffentlichkeit gingen – im Gegenteil keine Öffentlichkeit wollten. Für Betroffene bedeutet Öffentlichkeit oft ein Spießrutenlauf. Es wird nicht mehr lange dauern, und die Namen der Opfer werden bekannt werden – ich wette. Irgendein ambitionierter Journalist wird sich nicht an die Regel halten, Opfer zu schützen. Dann wird es erst richtig losgehen. Die WählerInnen der Liste Pilz werden sich für ihren geplatzten Traum entschädigen wollen – leider bei den Falschen. Hätte Peter Pilz, der alte „Polithase“, öffentlich eingestanden, „leider habe ich ein Alkohohl-Problem und weiß nicht immer, was ich tue...“ Und: „Leider habe ich als Chef gewisse Bemerkungen und anscheinend auch Übergriffe nicht lassen können, tut mir wirklich leid, ich bin ein schlechter Chef gewesen. Chefs haben eine besondere Verantwortung den von ihnen abhängigen MitarbeiterInnen gegenüber.“ Dann hätte ihm diese Selbstkritik sicher nicht geschadet. Aber Pilz fühlt sich nun als Opfer einer Polit-Verschwörung – drunter macht er’s nicht. Seine enttäuschten AnhängerInnen auch nicht.

Chefredakteur Göweil von der Wiener Zeitung versuchte immerhin, seine Anzüglichkeiten verbunden mit beruflichen Belohnungen einen Moment später wieder zurückzunehmen. Trotzdem. Für eine freie Journalistin, die natürlich sehr gerne für die Wiener Zeitung arbeiten würde, eine heftige Bedrohung ihrer beruflichen Zukunft. Es gibt nicht viele Tageszeitungen und Arbeitsmöglichkeiten in Österreich. Ist die Wiener Zeitung dermaßen überlaufen, dass man Ambitionen von Freien nur durch gezieltes Mobbing vertreiben konnte?

Viele Grenzsituationen

Was sagt man zu einem Chef, der vor versammelter Mannschaft fröhlich verkündet, dass er heute früher Schluß macht, weil er bei der 16-jährigen Praktikantin Spaghetti kochen wird? Alle waren damals nur froh, dass er geht, niemand beschützte das Mädchen vor diesen Zudringlichkeiten. Sie blieb nicht lange im Geschäft. Was sagt man einer Freundin, die im Schlaf vergewaltigt wurde? Von einem Mann, mit dem sie bei Sinnen vorher gerne etwas gehabt hätte? Tut mir leid, aber wieso hast du dem vertraut? Konnte ja keiner wissen, dass dieser Filmemacher ein grenzüberschreitender Grobian ist? Einem Arbeitskollegen, der einem bei einer Benefiz-Veranstaltung „unabsichtlich“ am Busen greift, kann man auch nicht vor potenziellen Geldgebern eine „pracken“.

Es gibt oft Grenzsituationen, in denen man überfordert und hilflos ist, deswegen ist es jetzt in diesem Fall so wichtig, zu sehen, dass hier zwei Männer (der dritte lebt im Ausland und wurde noch nicht befragt) öffentlich für eine Frau einstehen, die nicht wusste, was sie tun soll. Die sich in der Situation nicht wehren konnte. Und die eigentlich nicht in die Öffentlichkeit wollte, weil sie klarerweise vor weiterer Bloßstellung Angst hat.

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