Widerstand gegen ein Kriegsschiff?

Die Unverhältnismäßigkeit greift um sich. Und nur, damit weiße, halbwegs reiche Männer mit mindestens vier Facebook-Identitäten ihren Haß ausleben dürfen. Auf Kosten von Frauen und Flüchtlingen. Die imaginierten Herren über Leben und Tod. Wie früher.

Die tapfere Kapitänin, die Lampedusa mit einem Boot voller Flüchtlinge anlief, rammte ein Boot der Finanzpolizei, was ihr leid tat, wie sie sagte. Nun wird sie wegen „Widerstand gegen ein Kriegsschiff“ angegeklagt. Ist das nicht unverhältnismäßig? Ein Kriegssschiff? Das arme Kriegsschiff ging nicht einmal unter, wurde nur gequetscht.

Frontex verwendete auch schon Kriegsschiffe, die nicht einmal anhalten und stehenbleiben können, zur angeblichen „Flüchtlingsrettung“, wie Elias Bierdel erzählte. Ein anderer Kapitän, der 37 Menschen das Leben rettete und vor Gericht freigesprochen wurde. Er hatte auf See Flüchtlingsschiffe gefunden, die durch einen glatten Schnitt von so einem Kriegsschiff in zwei Teile geschnitten worden waren.

Jüdisches Museum München, Sophie Calle: L'Erouv de Jerusalem (1996)

Vulgarität versus Leben retten

Dieses mediale Theater und die künstliche Aufregung könnten so lächerlich sein, wenn sie nicht schon so gewaltige Ausmaße angenommen hätten. Hier der vulgäre, brutale, italienische Politiker, der Carola Rackete vorwirft „ein reiches weißes Mädchen“ zu sein. Ist Salvini selbst denn nicht weiß? Ist er nicht reich? Ist er in Wahrheit ein Abkömmling von Kolonialisierten? Vielleicht stammt seine Mutter ja aus einem ehemaligen Kolonialland Italiens? Die deutsche Frau solle nicht Italienern „auf den Sack“ gehen – so drückte er sich aus, der mächtige Politiker aus Italien.

Man hat also Vulgarität und ungehobeltes Männertum, Machogehabe, großes Aufdrehen gegen eine Frau, die es wagte, Land anzusteuern. So was. Was hätte sie denn tun sollen? Für ewig im Kreis fahren? Warum fühlen sich mächtige Männer aktuell so bedroht? Von einem einzigen Seerettungsschiff? Dass sie sogar billigend und unterstützend Tote in Kauf nehmen? Wird Italien bald der EU-Geldhahn abgedreht? Geht es um Erpressung?

Kunst ist langsam

Im jüdischen Museum München in der Ausstellung „Sag Schibbolet!“ wird auf feine, künstlerische Art gegen diesen Machtanspruch über Menschen protestiert. In einer Fotoserie zeigt Leon Kahane Fotos vom Frontex Büro in Warschau. Sterile, menschenleere Räume, unterkühlt in blau. Klimaanlage, Neonlicht, Sicherheitskontrollen. Die kleine Anstecknadel „Frontex“. Büroleute, die über Computer-Bildschirme Menschenleben steuern können. Überleben oder untergehen – ein Klick. Dem gegenüber steht das pralle Leben, der Überlebenswunsch der ehemals Kolonialisierten, die nun in Gegenrichtung zu den ehemals Herrschenden unterwegs sind.

Kunst ist Aufbau, Kunst ist Leben. Kunst ist klein und langsam. Kunst ist symbolisch. So bringt Ovidiu Anton in dem Film „Exchanging Lemons in Lefkosia und Lefkosa“ (2015) Zitronen über die Grenze. Tauscht zwei Zitronen aus, jubelt dem einen Zitronenbaum im türkischen Teil Zyperns eine griechische Zitrone unter und umgekehrt.

Leben und Tod

„Desert Bloom“ (2011) von Fazal Sheikh zeigt die Folgen der Bebauungspolitik in der Wüste Negev. Man sieht beige und brauen Flecken, leere Flächen, auf denen vor der Zwangsumsiedlung Beduinen lebten. Eine schöne, liebevolle Arbeit auf einem Tisch befragte Menschen zu ihren persönlichen Erinnerungen an Grenzen, von Sophie Calle: L’Erouv de Jerusalem (1996). Fotos und Texte. Eine Frau berichtet, wie sie in der Jerusalemer Yaffa Straße immer durch ein Loch im Grenzzaun zu den Arabern hinüber schaute und sich urviel Gedanken über deren Leben machte. Jemand anders, wie einmal ein Blumentopf mit einer Narzisse darin knapp neben seinem Kopf zerschellte. Der war aus einem Fenster über die Grenze gefallen.

Das Feine, Künstlerische wird immer gewinnen, denn es ist dem Leben gewidmet, während die Größenfantastereien der weißen Herrn auf Tod angelegt sind. Während diese Herren andere real oder imaginiert bedrohen, faseln sie in ihren öffentlichen Angst-Lust-Träumen noch davon, dass sie bedroht wären.

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