Eine Stimmung wie am ersten Mai, nur ohne Backhendel und Liliputbahn im Prater. Niemand hätte geglaubt, dass sich diese Regierung so schnell selbst demontiert. FPÖler könnten nun hoffen.

Es ist lustig, Journalisten und Politiker im Fernsehen mit Sonnenbrand zu sehen, wenn man selber einen Sonnenbrand hat von der starken Sonne gestern und dem Aufenthalt an der frischen Luft. Tausende Menschen waren unterwegs, es herrschte Feierstimmung vor. Junge Leute lagerten im Volksgarten, es gab Musik. Andere riefen unentwegt: „Wir wollen den Basti sehen!“ Acht Stunden lang warteten wechselnde Menschenmassen vor dem Bundeskanzleramt, bis Sebastian Kurz endlich seine Meinung kundtat. Völlig cool eine Wahlrede hielt, um die enttäuschten FPÖler aufzufangen und denen eine neue Heimat zu bieten. Wir werden eh den strengen Kurs fortführen, versprach Kurz sinngemäß, liebe Flüchtlingsfeinde, ihr seid mir wichtiger als alle „Zugereisten“ der Welt. Wählt mich.

Es geht immer ums Geld

ÖVP-EU-Kandidat Karas sagt gerade im Fernsehen, dass er froh ist über die Entscheidung, sich von der FPÖ zu trennen. Er sei noch immer ganz „aufgerührt“. Nahverhältnis der Rechtspopulisten zu Russland, Geld aus Russland, sagt Karas. Und noch einmal: „Nahverhältnis zu Moskau“. Genauer wird er nicht.

Nun will Strache in Wien FPÖ-Obmann bleiben. Das wird ein beinharter Wiener Wahlkampf werden. Mal sehen, wie die finanzfernen Menschen in Wien auf ihn reagieren. Gestern fotografierte sich eine Frau mit ihrem Baby selbst vor dem Bundeskanzleramt. „Ich habe immer brav Steuern eingezahlt und nun in der Karenz habe ich Kürzungen als EU-Ausländerin, wie die Regierung gerade beschloss. Das finde ich schon ungerecht“, erklärte mir die Deutsche. Einen Mann hatten seine Eltern in Zwettl geschickt, um Fotos zu machen von diesem historischen Moment. Die Leute schienen hoffnungsfroh und freudig, es herrschte so eine Art sonniges Revolutionsgefühl vor, wie es Elias Canetti in seiner Biografie beschrieb - eine starke, erleichterte Stimmung schien das zu sein.

Hoffnung für FPÖler

Es gibt nun eine Chance für die enttäuschten FPÖler. Ganz für sich selbst im stillen Kämmerlein, ganz ohne soziale Medien, könnten sie sich einmal ganz alleine selber fragen, was eigentlich passiert ist und wie sie nun selbst weiter tun möchten in ihrem Leben:

Warum jemand glaubt, man müsse nur Medien einkaufen, um umwerfende Wahlerfolge zu haben. Hält der die Wähler nicht für blöd und dermaßen beeinflußbar? Ist das nicht Manipulations-Denke? Journalisten wären sowieso alle Huren, die man kaufen könne?

Warum jemand von Unternehmern, wie einem Waffenhändler oder Immobilienhändler, hohe Summen erhalten haben möchte. Und von einer unbekannten Lettin gewaschenes Geld möchte, egal woher das Geld kommt? Aus dem Frauenhandel zum Beispiel? Ist das wurscht?

Warum jemand an seiner eigenen Frauenfeindlichkeit (sinngemäß: die attraktive Tussi hat mich motiviert anzugeben...) scheitert. Frauen sind also „Lockvögel“, auf die ein „gstandener“, gewifter, erwachsener Mann herein„fällt“?

(Karas sagt gerade im Fernsehen, dass es ihm egal ist, wer das Video beauftragt hat, es gehe ihm um den Inhalt.)

Weg von der Führerdenke

Warum jetzt in der Ursache-Suche, immer wieder ein geheimes Führerdenken auftaucht, das am liebsten auf Juden (zur Auswahl: Soros, Mossad, Silberstein) oder Künstler (Böhmermann, Zentrum für politische Schönheit) projeziert wird. Es muss einfach irgendwo im Hintergrund einen geheimnisvollen, übermächtigen Führer geben, nicht wahr? Diese Art von umgedrehter Führer-Denke soll kein Rest aus der Vergangenheit sein?! (Hitler war doch auch ein enttäuschter, blockierter Maler, nicht wahr?)

Das erinnert mich an Demonstrationen, als ich jung war. Die Polizei fragte immer, wer die Leitung der Demo inne hätte, wer denn hier bitteschön der (An)Führer der Demo sei? Weil sie selbst in einer hierarchischen Institution arbeiteten, konnten sie sich schlecht vorstellen, dass Menschen aus eigener Initiative heraus eigenständig protestieren. Dass es ein schönes, selbstverantwortliches Leben ohne irgendwelche Führer/Anführer/Leiter gibt!

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