Warum soll Müll wichtiger als Menschen sein? Gemeinschaft ist wie Zauberei. Die ist bedrohlich für nicht wenige Machthaber.

Kerstin Kellermann

Warum wird immer alles Gemeinsame kaputt gemacht? Wo sich Leute treffen und eine leichte, lockere Stimmung herrscht. Wo gehandelt und gelacht wird, gestöbert, sich gefreut? Jede Woche freue ich mich auf den Flohmarkt am Wiener Naschmarkt. Ich suche zum Beispiel die Oma, von der ich jedes Jahr ein Paar selbstgestrickte Socken kaufe für den Winter. Ruhig steht sie meist unauffällig irgendwo, auf dem Kopf eine selbstgestrickte Haube. Keiner da. Stattdessen kleine Bagger, die leere Kartons wegschaufeln. Lauter Marktamt-Leute, die lachen. Polizei. Einer geht in die Luft, als ich mir an seinem Gürtel Schlagstock und Pistole anschaue und sage: „Gut schauen wir aus!“ Er sah wirklich gut aus, der junge Provinz-Kieberer. „Das war ein Scherz“, sagte ich zu seinem Rücken. Schlechte Stimmung. Am Rand des leeren Platzes, hinter der Absperrung Besucher, die es nicht fassen können. Um zwei Uhr im schönsten Sonnenlicht wird das Vergnügen Hunderter Menschen dichgemacht.

Kleine Elendshäufchen

Es gibt eh so wenig Gemeinsames in dieser schnöden Welt. Als Jugendliche sah ich regelmäßig den Eurovision Song Contest, um mich mit den Menschen da draußen eins zu fühlen. Hinter den Rollos die Karawanken, die Grenze zu Jugoslawien. Jedes Jahr liebe ich die Umstellung auf Sommerzeit oder Winterzeit, denn dann haben alle das gleiche Problem oder die gleiche Freude. Eine Stunde früher alles! Eine neue Zeit bricht an. Das Alltags-Leben auf den Kopf gestellt. Für alle Menschen gleichzeitig. Ich mag das.

Am Naschmarkt stören die kleinen HändlerInnen mit ihren kleinen Elendshäufchen irgendwen. Armut ist ja strafbar. Da darf man sich nicht findig irgendwo etwas zusammen klauben und das verscherbeln. Dabei passieren hier kleine Wunder. Einmal kaufte ich ein Bild und entdeckte Zuhause den Namen eines Freundes auf der Rückseite. „Ja, das ist von meiner Uroma, die sich in einem Dorf vor den Nazis versteckte. Mitsamt meiner Oma“, sagte er. „Sie malte viele Bäume.“ Dieser Freund verlor sein Kleinkind, kurz bevor ich das Bild fand. Beide Eltern Holocaust-Vorfahren. Und keine Therapie. Es war so elendiglich traurig, wie die Kleine starb. Dann fand ich dieses Bild bei irgendso einem Rom. „Zwei Euro und werde glücklich damit“, sagte er.

Kinderfoto: Walter

Kerstin Kellermann

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berridraun

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