Gegen die gefährliche Vermischung von Projektionen aus der Vergangenheit, notwendigen Bearbeitungs-Möglichkeiten und realen Gefahren.

Es ist leider so, dass sich einige Opfer, die sexuellen Missbrauch überlebt haben, an Holocaust-Überlebende „dran hängen“. Sie wollen durch die Beanspruchung dieses unendlichen Leides und Schmerzes zeigen, dass auch sie ein Teil eines riesigen Schmerzes sind. Es ist ein Abgrund. Missbrauchs-Überlebende bearbeiten ihre Verletzungen nämlich ständig neu, je nach vorhandener Kraft versuchen sie diese einzuordnen in den Weltschmerz. Das kann man jetzt an der ganzen „Islam ist gleich Vergewaltigung, Mord und Antisemtismus“-Debatte sehr gut sehen – der Schmerz wird nach außen verlagert, in andere imaginierte Menschen hinein.

Das hat mit realem Antisemitismus nichts zu tun. Schon gar nicht mit dem Kampf gegen heutigen Antisemitismus. Denn wer sich in diese Trigger-Vermischung hinein begibt, geht oft in dem hell lodernden Zorn aus alter Trauma-Energie unter.

Missbrauch im Exil

Schwierig ist die Thematik auch, wenn Holocaust-Überlebende nach der Flucht in den Pflegefamilien oder schon vorher sexuellen Missbrauch erleiden mussten. Ein Überlebender erfuhr zum Beispiel erst jetzt durch die Heimkinder-Aufdeckungen, dass das, was das bäuerliche Dienstmädchen in seiner Kindheit vor Auschwitz mit ihm machte, keine „frühe Einführung in die Männlichkeit“ war – wie er glaubte. Sondern Missbrauch. Er hatte kein Wort dafür. Ein ehemaliges Heimkind klärte ihn auf.

Eine andere Überlebende lief aus der schwedischen Pflegefamilie weg, in der sie missbraucht wurde. Doch bis heute in hohem Alter zeigt der sexuelle Missbrauch Folgen in ihrem auffälligen Verhalten. Man kann das trotzige, wütende kleine Mädchen noch gut erkennen. Ein Familien-Auftrag aus der betroffenen Generation kann sein, dagegen vorzugehen, was „die Nazis den Juden und ihren eigenen Kindern antaten“.

Trauma-Brücken

Die Vermischung von Triggern kann gefährlich werden, denn es bilden sich Trauma-Brücken, in denen sich Menschen verlieren können. Andere wollen plötzlich „den jüdischen Gemeinden“ die Welt erklären und ein gewisses Verhalten vorschreiben.

Trifft ein Holocaust-Überlebender auf eine Person mit wenig bearbeiteter, zerstörerischer Trauma-Energie aus sexuellem Missbrauch, kann das für den Holocaust-Überlebenden, der ja klarerweise älter und gebrechlicher ist, gesundheitliche Folgen haben.

Mit der Bitte genau hinzusehen und aufzupassen, was Projektionen aus der Vergangenheit, notwendige Bearbeitungs-Möglichkeiten und reale Gefahren sind.

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G. Szekatsch

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robby

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