Manchmal fragt man sich ja was der Mehrwert von Journalismus überhaupt ist? Klar gibt es eine Gisela Friedrichsen, die so klar einen komplizierten Rechtsvorgang auf ein Minimum reduziert, der aber jedem Leser so einfach diesen Rechtsvorgang vor Augen führt, das man einfach nur noch vor Ehrfurcht erblassen kann. Gepaart mit einem analytischen Scharfsinn, der zeigt dass Friedrichsen auch jeden anderen Vorgang einfach analysieren könnte. Getrieben von einer Suche nach Wahrheit, die evtl. ihre Interpretation dieser Wahrheit ist, die aber so klar begründet ist, dass man als Leser ihren Ausführungen nur noch folgen kann, nein muss! Und ihr ist dabei so egal was andere sagen denken oder schreiben, denn sie hat einen Auftrag, der heißt Journalismus, Information ihrer Leser. Nicht nur für Jörg Kachelmann, auch für Friedrichsen ist der späte absolute Freispruch über drei Ecken durch das Kölner Gericht ein Ritterschlag, denn genau diesen Weg hat sie bereits sehr früh in ihren Artikeln vorausgesehen und aufgezeigt.

Doch viele Journalisten, ein beispielhafter kurzer und angewiderter Blick auf die Praktikantin bei der Bild, die dort unter dem Pseudonym Alice Schwarzer anscheinend als Gerichtsreporter sogar eigenständige Artikel ohne Korrektur eines Erwachsenen schreiben durfte, zeigt, auch bei großen Zeitungen fehlt es oft überhaupt an Interesse sich mit komplizierten Sachlagen auseinander zu setzen und die Wahrheit für die Leser finden zu wollen. Hinzu kommt ein oftmals sehr eigener und parteiischer Blick auf einen Sachverhalt, über den sich der Mensch an sich, aber auch der Journalist nicht hinwegsetzen möchte. Hinzu kommt das mit einer reisserischen Schlagzeile auf Kosten Kachelmanns sicherlich mehr zu hohlen ist, wie mit richtigem Journalismus. Ich möchte heute einen Journalisten, anonym, als Beispiel nehmen, der in der Beschneidungsdebatte genau zeigt dass eben nicht jeder Journalist eine Friedrichs ist. Wobei es sich hier um eine Meinungsäußerung, nicht aber um einen geschriebenen Beitrag handelt. Wo man, wenn es nicht sein Fachgebiet ist, schon mal daneben liegen kann und darf.

Stein des Anstosses der Beitrag von Jochen Bittner in der Zeit, die ich nicht gelesen, sondern nur auf diesen Satz hin gescannt habe:

„Der richtige Ausgleich zwischen Religionsfreiheit und dem Recht auf körperliche Unversehrtheit wäre es, eine Beschneidung erst ab der Volljährigkeit des Betroffenen zuzulassen, egal ob es sich um Muslime oder Juden handelt.“

Nun gibt es einen Journalisten in der FAZ, der sich darüber erregte und irgendwann schwappte es in meine Timeline mit den Worten:

„Beschneidung erst bei Volljährigkeit: @JochenBittner will das Zeichen des Bundes Gottes mit den Juden verbieten.“

Was so natürlich nicht stimmt, sondern die Forderung war, erst dann wenn die Personen Volljährig sind soll es erlaubt werden. Laut stren gläubigem jüdischem Glauben ist das zwar gleich einem Religionsverbot, wir erinnern uns an den Bar-Kochba-Aufstand gegen die römischen Besatzer, ebenso wie allein die Diskussion über ein Verbot natürlich einen Seitenhieb von jüdischer Seite auf die deutsche Geschichte gerade zu herausfordert. Und natürlich fahren in dem gleichen Wasser wie Beschneidungsgegner auch viele Antisemiten und Islamhasser mit, die sich für die Auswirkungen der Beschneidung eher weniger interessieren, sondern damit endlich auch die blöden „Kaffer“ hier raushaben wollen.

Beschneidung hat jedoch diverse Auswirkungen für die Betroffenen. Zum einen hat der Gesetzgeber eindeutig festgestellt das die Beschneidung nach den neusten medizinischen Methoden zu erfolgen hat, womit natürlich strenggenommen die Beschneidung schon mal verboten wäre, denn unnötige Amputationen entsprechen eben nicht den neusten Mitteln der Forschung. Ein anderer Punkt ist, dass kleine Babys nur von Spezialisten so betäubt werden können, dass diese schmerzfrei beschnitten werden können. Solche Spezialisten sind rar und werden für richtige Operationen benötigt. Womit wir dann bei einem Kniff der Religionsgemeinschaft sind, denn dieses Problem kam auch im Ethikrat hoch. Dort wird um zwei Methoden herumgestochert, eines ist eine „schmerzstillende“ Creme, das andere eine Lokalanästhetika (von einem Arzt – ergo Spezialisten) und dann noch süßer Wein (!). Spätestens beim süßen Wein, ein traditionelles Verfahren der Beschneider, scheint es eher Vodo, wie eine auf medizinischen und ethischen Standards geführte Diskussion zu sein.

Einmal davon abgesehen das über die Funktion der Vorhaut überhaupt nicht gesprochen wurde. Die Vorhaut ist eine der Hautgegenden die die meisten Nervenzellen hat. Medizinisch dient sie dem Schutz der Eichel vor Austrocknung und das diese Eichel durch zu viele Reize abstumpft. Wir erinnern uns, Beschneidung führt dazu dass der Mann länger kann. Ist doch voll geil, oder, rumnudeln bis der Arzt kommt, boa super ey. Und genau auch da ist natürlich das Problem, denn bei vielen Männern geht das Reizempfinden mit den Jahren soweit zurück das dieses zu Problemen beim Sexualverkehr führt, dieser Verkehr sogar schmerzhaft für die Partnerin ist.

Also doch nicht so geil ey… Wer sich auf die Suche in Internetforen begibt wird schnell fündig nach Männern die Rat suchen. Wie viele das betrifft kann man nicht genau sagen, denn zum einen spricht nicht jeder offen darüber. Zum anderen werden viele es auf allgemeine Probleme beim älterwerden zurückführen.

Somit geht es hier also nicht um ein überflüssiges Stück Haut, sondern um teilweise massive Probleme für Betroffene und deren Familien. Diese Personen wurden, trotz massiver Proteste, vom Ethikrat nicht angehört. Risiken, die bei Beschneidungen hochkommen, die sogar bis hin zu Totalamputationen führen, wurden auch nur am Rande sehr wohlwollend erwähnt. Das nun Gott diese Vorhaut nur bei Menschen, nicht aber bei anderen Säugetieren, die diese alle haben, abgeschnitten haben möchte sollen bitte Imame und Rabbiner direkt mit ihrem Cheffe klären, zeigt aber das diese Vorhaut wohl doch eine Funktion hat wenn sie sich bei allen Tieren so erhalten hat. Deshalb fordern Kinderärzte auch ein Verbot der Beschneidung bei Jungen.

Womit wir einen kurzen Schwenk zur weiblichen Beschneidung machen. Sieht man sich weibliche Geschlechtsorgane einmal an, so sieht man die Klitoris, die zur Stimulation dient, und zur Abstumpfung vor Umweltreizen mit einer Klitorisvorhaut versehen ist. Nur die wenigsten Gesellschaften führen eine FGM (Female Gender Mutilation) vom Typ 3 durch, die sogenannte pharaonische Beschneidung. Sehr oft anzutreffen, auch in einigen muslimischen Ländern durch den Islam gedeckt, ist die Typ I Beschneidung. Typ Ia betrifft die Beschneidung der Klitorisvorhaut, Typ I insgesamt auch die Beschneidung der Schamlippen ggf. mit Klitorisvorhaut. Nun fordern, wie oben beschrieben, Kinderärzte ein Verbot, natürlich zurecht, denn der Gesetzgeber hat natürlich das gleiche Problem gesehen. Zumindest kurz nach dem Gesetz das Beschneidung bei Jungen erlaubt, egal ob religiös oder nicht, wurde eines erlassen das dies bei Mädchen verbietet. Denn spätestens wenn es um Mädchen geht springen unsere Feministinnen, quark, der ganze Bundestag im Viereck. Jungen kann man das Zumuten, bei Mädchen ist das sexuelle Unterdrückung!

Womit jetzt natürlich rechtlich alles propper ist, Jungen, egal ob Eltern das nun cool finden oder es aus religiösen Gründen machen, kann man an den Genitalbereichen rumschnippeln, bei Mädchen ist das verboten. Eine offene Diskussion wurde abgewürgt und selbst Journalisten haben sich nur oberflächlich mit dem Thema beschäftigt. Eine offene Diskussion wurde auch durch unsere Politik mit Hinweis auf Ausländerfeindlichkeit sofort abgewürgt, eine Debatte zu medizinischen Nachteilen innerhalb der Religionsgemeinschaften wurde nicht mal im Ansatz angestoßen.

Wobei es erschreckend ist das hier der Gesetzgeber einfach so über alle Bedenken hinweggeht, anstatt bei diesem Problem das Verfassungsgericht anruft. Der Gesetzgeber hat den Religionsgemeinschaften ein Gesetz geschenkt, das ihnen erlaubt sämtliche Standards, inklusive Aufklärung und Menschenrechte, außer Acht zu lassen, nur damit man kleinen Kindern am Penis rumschnippeln kann. Wenn es sein muss auch von einem Wald und Wiesenbeschneider ohne irgend welche medizinische Ausbildung.

In wie weit das ganze rechtlich, auch im Hinblick auf das Grundgesetz, zu betrachten ist, kann man in dieser Zusammenfassung von 105 juristischen Beiträgen sehen. Darunter sind auch einige hochkarätige wie z. B. Tonio Walter oder Fischer.

Eines kann man zusammenfassend sagen, jüdisches Leben (und auch muslimisches wenn es dem jüdischen gleicht) muss in Deutschland mit allen Mitteln, auch mit einem offenen brechen der Verfassung unseres Landes geschützt werden. Das kann man so als richtig empfinden, doch das hier unser Verfassungsstaat komplett durch den Gesetzgeber ausgehebelt wurde, sollte man dann bitte auch offen so benennen! Sollte hier jemand einem Kind gegen seinen Willen einen Finger in den Po einführen, so gibt es tausende Stimmen, auch im aktuellen und damaligen Bundestag, die Kindern ein Recht einräumen wollen den Peiniger noch nach Jahrzehnten vor ein Gericht zu zerren. Kindern denen man gegen ihren Willen am Penis rumschnippelt, haben dieses Recht nicht, sie fallen unter einfache Körperverletzung, die verjährt ist wenn das Kind erwachsen ist und bis dahin von den Eltern ausgeübt wird. Wenig Chancen also dieses Gesetz zur Prüfung an das Verfassungsgericht zu bringen.

Das eine solche offene Schweinerei im deutschen Bundestag möglich ist hat zum einen mit unserer Vergangenheit zu tun, zum anderen aber auch damit, das viele Journalisten glauben nicht etwa eine neutrale Sicht auf einen Fall, sondern einfach nur ihre eigene geheiligte Sicht vertreten zu müssen anstatt das was dort passierte so zu bennen. Und es ist ja nicht nur beim Thema Beschneidung so das Journalisten heute einfach das nachplappern was Politiker sagen.

So erging es mir dann mit dem oben genannten Journalisten auf Twitter, der mir immer wieder weismachen wollte dass die ganze Beschneidung doch irgendwie richtig ist. Gleiches konnte man schon im Fall Kachelmann sehen, wo es einige wenige Leutchttürme des Journalismus gab, die im tosenden Sturm der Hexenjäger, Ankläger und Meinungsmacher ihrer Kollegen uns Lesern den moralisch richtigen Weg gewiesen haben. Heute braucht es immer länger eine Zeitung zu lesen, man muss schließlich selbst genau die Fakten gegenchecken, die eigentlich schon der Journalist prüfen sollte. Sicherlich ein Grund warum immer weniger Leser bereit sind für Meinungsjournalismus auch noch Geld zu bezahlen. Hoffen wir nur dass irgendwann innerhalb der Religionsgemeinschaften eine Diskussion angestoßen wird.

"Ich bin zuversichtlich, dass mein Volk so viele lebensbejahende, lebensfreudige und erkenntnisbringende Traditionen hat, dass unsere Identität und kulturelle Selbstachtung ohne Probleme überleben wird, wenn wir über die Beschneidung hinauswachsen, die ein grausames Relikt ist, das ich immer als eine Abweichung vom Herzen meiner Religion empfunden habe."

Frau Dr. Jenny Goodman, britisch-jüdische Ärztin und Psychotherapeutin:

PS:

Da ich nicht weiß ob obiger Journalist nun einfach mal so seine Meinung getwittert hat, wie das von jedem gerne gemacht wird, es also keine seiner Texte war, möchte ich hier auf Namensnennungen und Verzinkungen verzichten. Denn jeder Mensch hat das Recht sich in seiner Meinungsbildung zu irren…

PPS:

An den Journalisten, die verfassungsrechtliche Betrachtung zu Isensee, den ich selbst nur kurz überflogen habe, findet man ja bereits im Antwortlink. Es gibt übrigens noch einen anderen „hochkarätigen“, den Juraprof. Martin Hochhuth, der meinte das kölner Urteil sei Verfassungswidrig. Man kann ob Hochhuth nur noch gruseln, da werden Staatsanwaltschaften angewiesen nicht anzuklagen, und Hochhut das ok findet. Die Freiheiten der Staatsanwaltschaft hören da auf wo es um Strafvereitelung im Amt geht, und fangen da wieder an wo es um die Schikane unschuldiger geht. Da kann natürlich ein Hochhut keine juristische Grenze ziehen sondern sagt, ruft doch mal den Staatsanwalt an... Eine vernünftige rechtiche Bewertung der Sachlage aus seiner Sicht ist Hochhut bis heute jedoch schuldig geblieben. Es heisst nicht umsonst, Hochhut kommt vor dem Fall…

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