Herrn Bhakdi, von Versachlichung ist bei Ihnen nichts zu spüren!

So, Freunde der Volksmusik und alle anderen Ewiggestrigen, ich habs getan und mir den Offenen Brief von Herrn Bhakdi an die Bundeskanzlerin durchgelesen. Und nun? Fragen über Fragen, aber Lösungen? Die sind nicht in Sicht!

Sehr geehrter Herr Bhakdi,

ich beziehe mich auf Ihren offenen Brief an die Bundeskanzlerin und das dazu veröffentliche Video, sowie auf ein Interview in Servus TV.

Ich gehe mit Ihnen überein, dass Maßnahmen, wie Sie jetzt verordnet wurden, in einer freiheitlichen Demokratie öffentlich diskutiert werden müssen. Dass solche Maßnahmen geprüft werden müssen und dass diese Maßnahmen mit dem Grundgesetz übereinstimmen müssen. Ich bin auch der Meinung, dass die Bundesregierung ohne Strategie in den sogenannten Lockdown reingegangen ist, und ihn ebenso verlassen hat. Doch das waren bereits alle unsere Übereinstimmungen!

Sie selbst teilen uns am Anfang Ihres Videos ihren beruflichen Hintergrund mit, sicherlich um Ihren Worten Gewicht zu verleihen. Doch dann machen Sie eine Aussage über die juristische Rechtmäßigkeit der jetzigen Maßnahmen. Da Sie hier nun als Laie in die Dinge der Juristen reingrätschen, mache ich das dann auch mal bei Ihnen.

Sie werfen in Ihren 5 Fragen, und den ergänzenden Äußerungen im Video, mehr Fragen auf, wie sie zu einer Versachlichung beitragen.

Sie behaupten in dem Interview in Servus TV, ab Minute 5:00,

„Wenn man ganz nüchtern Schweden betrachtet… die Zahlen sind genauso niedrig an Coronatoten wie hier in Deutschland und diese ganze Aufregung ist umsonst gewesen.“

Nun braucht man nur einmal die Bevölkerungsdichte in Schweden (23 pro km2) mit der in Deutschland (223 pro km2) zu vergleichen, um anschaulich zu machen, dass man Schweden sicherlich nicht als statistisches Modell für Deutschland nehmen kann, da die Bevölkerungsdichte pro Quadratkilometer einfach 10 Mal höher ist. Auf der anderen Seite nehmen Sie Italien, und schieben die dortige katastrophale Situation auf die Luftverschmutzung.

Apropos 10 Mal höher, denn Ihre Vermutungen stimmen hier leider überhaupt nicht! Nehmen wir einmal Stockholm, für Schwedenkenner die einzige Stadt, die an die Millionen Einwohner herankommt (950.000 Einwohner, Großraum Stockholm 2,1 Millionen) und vergleichen diese mit Hamburg (1,85 Millionen Einwohner), so gab es allein in Stockholm 10 Mal mehr Corona-Tote. Hinzu kommt, Hamburg gilt in Deutschland als besonders betroffen, da viele Hamburger wegen der früheren Ferien in Ischgl waren. Und auch die Wirtschaftsdaten von Schweden zeigen, dass dort nicht locker flockig weitergelebt wird, sondern Menschen sich stark einschränken in ihren Sozialkontakten und auch in ihrem Kaufverhalten. Wie bewerten Sie Ihre Aussage in dem Interview vor dem Hintergrund dieser Zahlen? Glauben Sie weiterhin man kann Schweden als Beispiel heranziehen, um Aussagen über Deutschland zu treffen?

Doch machen wir mit Statistiken weiter. In Ihrer Frage 1 stellen Sie den Unterschied zwischen Infektion und Erkrankung dar und fragen welche Zahlen hier genutzt wurden. Mit dem Satz:

„Darauf [also auf Anzahl Infektion oder Erkrankung] basierende Hochrechnung besagen, dass das Gesundheitssystem im Übermaß belastet wird.“ Sie unterstellen hierdurch indirekt, dass durch Nutzen falscher Zahlen Panik verbreitet wird.

Nun, so denke ich als Laie, gibt es diverse Werte die interessant sind:

1. Die Anzahl der Infizierten, um die Ausbreitung und die Geschwindigkeit dieser Ausbreitung zu prüfen. Eben diese Werte untersucht auch die Heinsbergstudie von Prof. Dr. Streeck. Auch ist genau diese Zahl wichtig, um zu prüfen in wie weit ein Lockdown funktioniert.

2. Dann wäre interessant, wie viele dieser Infizierten prozentual soweit erkranken, dass diese medizinische Hilfe in Anspruch nehmen müssen, und hernach der Anteil wo der Erkrankungsverlauf so schwer ist, dass eine Betreuung auf der Intensivstation gegeben ist. Oder reicht Ihnen hier die Zahl der Menschen die kurzzeitig an Geschmacksverlust leiden (immerhin ein Symptom), ohne ärztliche Betreuung. Denn auch diese Zahl hilft uns für die Bewertung eines Lockdowns nicht weiter, zumindest solange wir auch Dinge futtern wie Mc Donald, wo eh egal ist was unsere Geschmacksnerven melden.

3. Drittens die Zahl der Menschen, die sterben.

Sieht man sich diese Mitteilung an, so unterscheidet das RKI sehr wohl zwischen Erkrankten, dem Schweregrad des Verlaufes etc. Und somit stelle ich mir die Frage, warum sind Sie als jemand der den Wissenschaftsbetrieb kennt, nicht auf die Seite des RKI gegangen, um die Antwort auf Ihre Frage zu erhalten und dann ggf. die Werte zu prüfen? War Ihnen nicht klar, dass genau diese Vorgehensweise, einen offenen Brief an Frau Merkel zu senden, von dem Sie wissen, dass er nicht beantwortet wird, jedoch zur Bestätigung wildester Thesen in Kreisen von Verschwörungsdeppen herumgereicht wird, eben nicht zu einer Versachlichung der Debatte beiträgt?

In der Frage 2 behandeln Sie erneut eine Studie, Roussel et al. „Sars-CoV-2; Fear Versus Data”, in Int J Antimicrob Agents. 2020 Mar 19:105947.

Und hier findet man unter 4. Discussion folgendes:

“This study found that the mortality rate of common coronavirus infections is 0.8% in France. In comparison, the mortality rate of SARS-CoV-2 in European or American developed countries of a comparable economic level is 1.3% (Table 3). If the extrapolation of deaths in AP-HM hospitals is correct, in metropolitan France, this would represent 543/0.8 * 100 = 67 875 cases of patients hospitalized with a respiratory infection with common coronaviruses in 2 months, which is almost as many cases as for SARS-CoV-2 worldwide.”

Somit geht die Studie davon aus, dass in Frankreich fast 70.000 Patienten innerhalb von 2 Monaten hospitalisiert werden würden. Das wären selbst in Deutschland 15% sämtlicher Krankenhausbetten und würde die Zahl der Betten auf Intensivstationen völlig übersteigen. Unter diesen Umständen, glauben Sie wirklich, dass wir keinen Lockdown gebraucht hätten und die „Herdenimunität“ anstreben sollten? Auch unter der Vorausseztung, dass die Studie eindeutig sagt, dass die Sterberate von der Qualität und dem Zugang von medizinischen Einrichtungen abhängt. (“In fact, mortality from respiratory infections is extremely dependent on the quality of care and access to care…”)

Doch nehmen wir die Studie, die eindeutig die Todesrate in AP-HM Krankenhäusern (also Assistance Publique - Hôpitaux de Marseille) nimmt. Hier wollen Sie unbedingt eine Studie, die sich eindeutig in überwiegendem Masse auf Daten auf den Krankheitsverlauf in der Region Marseille bezieht und fragen ob diese Studie in Deutschland berücksichtigt wurde. Dann aber, in Frage 5, stellen Sie die Frage zur Vergleichbarkeit der Zahlen von Italien und Deutschland. Wobei Sie unterstellen, dass Italien eine höhere Luftverschmutzung hat. Gehen wir nun einfach mal, ohne dass hier Nachweise gebracht wurden, davon aus, dass die Luftverschmutzung einen Anteil an dem Verlauf in DREI Regionen in Italien hat. Ebenso in Spanien und in Frankreich, wobei hier das Elsass, direkt neben Deutschland, besonders betroffen ist. Warum wollen Sie eine Studie in einer Stadt am Meer, wo die Luftverschmutzung Aufgrund der Luftströmungen eher gering ist, in Deutschland berücksichtigen, aber die Zahlen in Italien (Elsass und Spanien) unter, Tote durch Luftverschmutzung abtun?

Dann spielen Sie darauf ab, dass die Mortalität so nicht stimmt, weil „Gleichzeitig wird weltweit der Fehler begangen, virusbedingte Tote zu melden, sobald festgestellt wird, dass das Virus beim Tot vorhanden war – unabhängig von anderen Faktoren.“

Nun gibt es die Zahl von 20.000 Grippetoten, die Sie ebenfalls nutzen, z. B. im Interview mit Servus TV. Diese Zahl errechnet die Grippetoten rein durch eine Übersterblichkeit, also der Zahl von Todesfällen über der Normalsterblichkeit. Sie kritisieren nun die Zahl der Coronatoten, bzw. wie diese ermittelt wurde. Wenn die Zahl der Grippetoten, die seit Jahren durch das RKI verbreitet wird, jedoch hinnehmen, müssen Sie eine Näherung auch bei Corona als zulässig hinnehmen. Die Übersterblichkeit in Regionen mit Corona liegt bei bis zu 500%. Wenn Corona nicht ein Auslöser war, wie kommen diese Zahlen zustande? Oder wollen wir jetzt, wie es Deutschland ja bereits getan hat, alte, kranke, behinderte Menschen opfern? Denn viele Vorerkrankungen, wie z. B. Diabetis, führen nicht zwingend zum Tod.

In diesem Sinne frage ich mich, ob Sie wirklich an einer Versachlichung der Debatte interessiert sind.

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