„Zuhause lege ich den Schalter um“ – Interview mit Manuela Schwesig in der FA Sonntagszeitung

Liebe Redaktion der FAZ,

ich lese die FAZ, weil sie in meinen Augen heute eine der Zeitungen ist, die im Gegensatz zum Spiegel z. B. noch am wenigsten Kampagnenjournalismus betreibt. Doch bei einem „Interview“ wie dem oben genannten mit Ministerin Manuela Schwesig frage ich mich, warum man überhaupt noch eine Zeitschrift lesen soll? Da wird Frau Schwesig, immerhin eine Ministerin, dazu befragt, wie sie Familie und Beruf unter einen Hut kriegt. Da liest man wirklich Fragen wie „Schlafen Sie genug?“

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, würden Sie Herrn Trump so befragen? Würde Ihnen keine kritische Frage zu Donald Trump einfallen? Oder zu Sigmar Gabriel? Und warum sollte ich eine Zeitung kaufen, die sich ähnlich kritisch der Ministerin annähert wie es z. B. die Redaktion der SPD Homepage machen würde? Mir ist es völlig gleichgültig, ob Manuela Schwesig genug schläft, mir ist es auch gleichgültig, ob ihre Journalisten genug schlafen, ebenso, ob Sigmar Gabriel genug Zeit mit seiner Tochter verbringt oder ob Ursula von der Leyen morgens allen ihren Kindern die Pausenbrote schmiert. Was mich interessiert ist, wie sie ihren Ministerjob machen.

Und da gibt es Diverses, zu dem man Frau Schwesig Fragen hätte stellen könnte. Zum Beispiel, ob sie es für angemessen hält, sich in ein laufendes Gerichtsverfahren als Ministerin einzumischen oder ob es eventuell der Gewaltenteilung in diesem Land etwas abträglich sein könnte? Selbst der Richterbund kritisierte immerhin die Intervention, in erster Linie von Schwesig, im Fall Lohfink. Man hätte Frau Schwesig auch fragen können, nachdem auch die Revision mit einer Ohrfeige gescheitert ist, ob sie immer noch im Team Gina Lisa ist?

Eventuell kann Schwesig Ihre Plattform ja dazu benutzen, um dieses, nicht nur für mich, sehr verstörende Vorgehen zu erklären? Gerade nach dem Fall Kachelmann, bei dem die Medien zurecht gescholten wurden, weil sie massiv die Grenzen einer unabhängigen Berichterstattung überschritten hatten. Wie stellt sich eine Ministerin wie Schwesig Justiz vor? Gibt es ein "TeamRechtsstaat", daneben das "TeamGinaLisa", ist Rechtsfindung durch unabhängige Gerichte und Gewaltenteilung noch zeitgemäß oder wäre eine Demokratie wie sie gerade in der Türkei installiert wird, nicht doch die bessere Alternative? Denn wo ist hier der Unterschied, wenn auf eine unabhängige Justiz Druck ausgeübt wird?

Interessant wäre auch einmal die Finanzierung von Kampagnen, in denen es eher darum geht, andere Meinungen als Hasssprache und rechtsextrem zu brandmarken, anstatt einen politischen Dialog zu installieren.

Man könnte Frau Schwesig auch einmal fragen, warum sie als Ministerin einen Führerscheinentzug für Väter fordert, die ihren Unterhalt nicht zahlen, während immer mehr Väter bis auf einen Selbstbehalt runtergeklagt werden. Ihr eigenes Ministerium, als sie noch Landesministerin war, hat es nicht einmal geschafft, trotz sofortiger Pfändungsmöglichkeiten, über 14% des nicht gezahlten und vom Land vorgestreckten Unterhalts, zurückzuholen (hierzu Landesbericht Seite 10 links).

Mich würde es, gerade bei einer sozialdemokratischen Ministerin schon einmal interessieren, warum sie den Eindruck erweckt, Väter würden nicht zahlen wollen; das Ministerium unter Ihrer Leitung schafft es hingegen nicht mehr als 14 Prozent der Gelder mittels Pfändung einzutreiben. Anders ausgedrückt, man kann säumigen Vätern das Auto pfänden, aber nachdem das Auto weg ist, glaubt Schwesig, dass der Führerscheinentzug Väter dazu bringt, endlich den Unterhalt zu zahlen? Mich würde wirklich brennend interessieren, ob Frau Schwesig so naiv ist.

Man hätte so vieles fragen können, ein Interview kann auch für eine Ministerin die Möglichkeit sein Positionen zu überdenken, oder ihre Sichtweise zu erklären und evtl. ist meine Sichtweise auf die Familienpolitik von Schwesig ja absolut falsch. Doch nun weiß ich, Frau Schwesig schläft viel, wenn sie Zuhause ist, während ihr Mann dann aufsteht, um sich um das schreiende Kind zu kümmern. Auch hier hätte man einmal fragen können, wie es denn bei einer Trennung in einem solchen Fall gerichtlich geregelt werden sollte. Die Bundesregierung, ebenso das Familienministerium, lehnt das Wechselmodell ab, ändert in laufenden Untersuchungen zur Betreuung Studienkriterien ab und macht sonst alles um Alleinerziehende zu protegieren. Wie sieht Frau Schwesig das in ihrer eigenen Familie, wo der Vater sich überwiegend um die Familie kümmert und man sich nach einer evtl. strittigen Trennung vor Gericht trifft. Müsste ein Richter die Kinder von Schwesig in einem strittigen Scheidungsverfahren dann nicht in diesem Fall dem Vater zusprechen? Evtl. hätte Frau Schwesig ja dann mal ein paar mehr schlaflose Nächte…

Zu diesem Interview kann man hingegen nicht mehr viel sagen, wenn das die vierte Gewalt im Staate sein soll, dann braucht man Zeitungen leider wirklich nicht mehr. Wenn Zeitungen ihre elitäre Stellung und ihren Zugang zu Politikern nicht nutzen, um kritischen Journalismus zu betreiben, dann sollten Sie Sich wirklich fragen, warum sollen uns unsere Leser dafür bezahlen? Ich werde in Zukunft diesen Kampagnenjournalismus nicht mehr unterstützen, denn die Schlafzeiten von Ministerinnen interessieren mich nun wirklich nicht.

Mit freundlichen Grüßen

Ralf Roletschek / Roletschek.at https://commons.wikimedia.org/wiki/File:16-09-02-Wahlkampfabschluß_in_Warnemünde-RR2_4804.jpg

3
Ich mag doch keine Fische vergeben
Meine Bewertung zurückziehen
Du hast None Fische vergeben
4 von 6 Fischen

bewertete diesen Eintrag

Matt Elger

Matt Elger bewertete diesen Eintrag 02.03.2017 20:30:05

Margaretha G

Margaretha G bewertete diesen Eintrag 01.03.2017 09:46:52

fischundfleisch

fischundfleisch bewertete diesen Eintrag 01.03.2017 08:06:06

4 Kommentare

Mehr von KlausBärbel