Seit über 2000 Jahren kennt man in unseren Breiten das Symbol der weißen Fahne: Ein inzwischen sogar völkerrechtlich verpflichtend anzuerkennendes Zeichen dafür, dass man aufgegeben hat. Es ist eine rechtlich verbindliche Schutzgarantie. In politischen Metaphern gesprochen, haben die Grünen das Handtuch, das Eva Glawischnig gestern geworfen hat, um einen Stab gewickelt, um es als grüne Fahne zu schwenken. Damit scheinen sie einen ganz besonderen Schutz für sich in Anspruch nehmen zu wollen: Den politischen Artenschutz.

Eigentlich können sie einem fast leidtun. Der Wind ist merklich rauer geworden für Grüne Parteien. Zum einen sind sie an ihrem eigenen Erfolg gescheitert: Alles, was die Mütter und Väter im Geiste der „68er“ seinerzeit an Gutem in den politischen Diskurs eingebracht haben, ist eine lagerübergreifende Selbstverständlichkeit geworden. Dass wir die Umwelt gut behandeln müssen, dass Frauen und Männer gleiche Rechte haben oder dass man Homosexualität nicht verbieten kann/darf. Das sind keine kruden Thesen von linksaußen mehr, das ist heute – zum Glück – Mainstream.

Zum anderen hat die politische Großwetterlage sich aber auch derart verändert, dass die Grünen eigentlich ihre ganze ideologische DNA umprogrammieren müssten, um in unserer Zeit bestehen zu können. Das bedingungslose Einstehen für offene Grenzen mag zu Zeiten des Vietnamkriegs eine anständige Haltung gewesen sein. Seit aber zehntausende Menschen jeden Tag an den Küsten Europas strandeten und stranden, geht dieses sture Verweigern jeglichen Grenzschutzes mit dramatischen kulturellen, ökonomischen und immer öfter auch sicherheitspolitischen Bedrohungen einher.

Die Sehnsucht nach dem starken Mann

Davon abgesehen können die Grünen, anders als etwa die SPÖ, weniger flexibel auf ein sich trauriger Weise zügig ausbreitendes Bedürfnis reagieren: der Sehnsucht nach dem „starken Mann“. Wir leben (wieder) in einer Zeit, in der nicht nur die Bevölkerungen, sondern auch ihre Eliten vom Lauf der Dinge zunehmend überfordert wirken. Man weiß nicht mehr, wer Freund ist und wer Feind auf dieser Welt. Wie das Internet und die Digitalisierung unsere Gesellschaft langfristig verändern werden. Welche moralischen Grundsätze eine identitätsstiftende Notwendigkeit für den geistigen Fortbestand unseres Kulturkreises sind, und von welchen wir uns unter dem Zwang des Geschehens werden trennen müssen.

In solchen Situationen, in denen eine diffuse Unsicherheit um sich greift, sehnen sich immer mehr Wähler nach dem über allem Stehenden, der das Ruder alleine in der Hand hält. Aus diesem Grund warten die alten Regierungsparteien mit Kandidaten auf, die als regelrechte Erlöserfiguren inszeniert werden. In der FPÖ ist eine Konzentration auf den Spitzenmann eigentlich seit 1986 Fixbestandteil der Parteiorganisation. Die drei großen Parteien tun sich damit also nicht wirklich schwer. Die SPÖ versucht mit Kern eine Reminiszenz an die wohlwollende Autorität Kreiskys zu installieren, zur ÖVP könne man jetzt gemein sein und an Dollfuß erinnern. Die Grünen aber waren von Beginn an die politische Antithese zum „Führerkult“. Fast ironisch wirkt daher, dass sie nun je eine Kandidatin zur Obfrau und für die Spitzenkandidatur zu kommen Nationalratswahl gekürt haben. Als brauchte es zwei Frauen, um gegen einen starken Mann zu bestehen…

Die Grünen werden nach und nach zum dem, was sie den Blauen zu sein vorgeworfen haben: Ein politischer Anachronismus, der nicht mehr in die Zeit passt, die er gestalten will.

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