Es gibt inzwischen Leute, die haben einen regelrechten Groll gegen Linke. Der obsessive Fokus auf alle dekadenten Spielarten der politischen Korrektheit ging ja immer schon einer Mehrheit auf die Nerven. Das Binnen-I, die Töchter in der Hymne oder die Ampelpärchen waren von Anfang an Projekte einer intellektuellen Minderheit, die den Status ihrer kulturellen Hegemonie dafür missbrauchte, der Mehrheitsbevölkerung auf den Geist zu gehen. Und das Schlimmste: Die fühlten sich dabei noch progressiv und wichtig. Im Gegensatz dazu wäre es ja zumindest im Sinne einer ökologischen Nachhaltigkeit nachvollziehbar, die Leute aus den Autos herauszuholen und ihnen das Fleisch wegzunehmen, um ihnen dann ein Fahrrad und einen Ziegel Tofu zu geben. Politische Gassenhauer sind das aber verständlicher Weise auch keine.

Theoretisch mehrheitsfähig, und doch eine Randgruppe

Trotz alledem waren linke Grundsätze meistens solche, bei denen eine Mehrheit irgendwie zustimmend nicken konnte. Alle sollen lieb zueinander sein, wir müssen die Umwelt gut behandeln, wir müssen die Tiere gut behandeln, alle Menschen sind gleich und haben gleiche Rechte usw. Es steht ja nirgendwo in Stein gemeißelt, dass diese Ansichten von sich aus links wären. Auch Rechte haben Tiere lieb und erfreuen sich an Grünfläche. Es waren aber nun einmal Linke, die sich über Jahre und Jahrzehnte am offensivsten in dieser Themenlandschaft breit gemacht haben.

So erklärt sich auch, dass etwa die Grünen in Umfragen so oft deutlich besser abgeschnitten haben als bei tatsächlichen Wahlen: Was sie einbrachten klang fast immer irgendwie nett und freundlich, sodass man kaum etwas gegen sie sagen wollte. Ihr faktisches Stagnieren seit ihrer Gründung erklärt sich wahrscheinlich damit, dass an der Wahlurne letztlich andere Motive ausschlaggebend sind als das Gendern der Sprache oder der Meeresspiegel im Jahre 2100. Manches war immer zu irrelevant, anderes einfach zu abstrakt.

Naivität macht unsympathisch

Seit dem Fall der Mauer zwischen der Ersten und der Dritten Welt, ist aber auch für die freundlichen Hippie-Parteien der Wind rauer geworden. Während sie über die längste Zeit als ulkige aber halt etwas weltfremde Begleiter des demokratischen Spiels betrachtet wurden, werden sie inzwischen oft genauso bedroht wie Islamkritiker und Rechtspopulisten, die ohne rund-um-die-Uhr Personenschutz meistens nicht auskommen. Das offensive Engagement der Eva Glawischnig gegen „Hatespeech“ im Netz war wohl zum Teil auch dem Schutz der eigenen Mannschaft (bzw. Damenschaft) geschuldet.

Inzwischen breitet sich auch eine regelrechte Ablehnung aus gegen die Leute mit den Bunten Ringen in den Ohren, den Dreads, den Tattoos und der weiten, bunten Kleidung. Die Unangepassten und Nonkonformen sind nicht nur Ikonen, sondern eben auch Feindbilder. Man macht ihnen einen moralischen Vorwurf daraus, in einer Welt ohne Grenzen leben zu wollen, in einer Welt leben zu wollen, in der jeder hin kann wo er will und jeder überall willkommen ist, in der alle einander auf Augenhöhe begegnen und sich mit Respekt behandeln.

Auch schöne Träume bleiben Träume

Ich tue das nicht, im Gegenteil. Eigentlich ist der Traum ja ein schöner – wie das Christentum, der Kommunismus oder Schokolade ohne Kalorien. Aber es ist eben ein Traum. Es ist der Wunsch, sich nach der Vertreibung aus dem Paradies einen eigenen Garten Eden auf Erden zu schaffen, aber das geht nicht. Wer darauf hofft, der kann Sein und Sollen nicht auseinanderhalten. Und wer glaubt, dass es in unserer Macht läge, einen solchen Zustand zu verwirklichen, der überschätzt dramatisch den verbliebenen Einfluss unseres Kulturkreises. Es geht schon alleine deswegen nicht, weil andere Teile der Welt einfach nicht mitspielen. Wir können ja die soziale Wohlfahrt Geld regnen lassen, sobald ein Pärchen mit in Burka und Dschellaba in Wien Schwechat landet und die Hand aufhält, allein: Deren Herkunftsland wird das im Normalfall nicht beeindrucken. Wenn irgendein arbeitsloser Ex-BZÖler aus Kärnten mit Lederhose und Trachtenjanker dann nämlich den umgekehrten Weg nach Riad fliegt und Forderungen stellt, dann wird er ins Leere schauen. Wenn irgendwelche Opfer aus Sendungen wie Saturday Night Fever auf die Idee kommen zu versuchen, in Kabul auf Kosten des Staates ihren Partylifestyle zu zelebrieren, dann wird ihnen dort nicht mit Toleranz begegnet werden, sondern mit Steinigung.

Wer das einmal realisiert hat, der kann immer noch sagen: Gut, dann nehmen wir eben eine Asymmetrie in Kauf und ziehen das Ding alleine durch. Aber auch diese Rechnung wird langfristig nicht aufgehen, denn die, die dann kommen, sind anders als wir nicht an irgendwelchen humanistischen Gymnasien oder Neuen Mittelschulen groß geworden. Dafür können die natürlich nichts. Wer von klein auf indoktriniert wird mit einem Hass auf den Westen, die Juden, auf Schwule und auf Frauen, der hat sich das nicht ausgesucht. Aber der Glaube daran, ihn mit einem sechswöchigen AMS-Kurs zu einem kultivierten Europäer umerziehen zu können, der am Wochenende am Donaukanal liegt, einen Mojito trinkt und die Bravo nachliest, um sich aufzuklären, ist kindlich naiv!

Umgleiches ist nicht immer kompatibel

Es sind nun einmal nicht alle Kulturen gleich und auch nicht alle miteinander kompatibel. Ich bin auch tolerant und sage, dass jeder essen soll, was ihm schmeckt. Ich mache aber einen moralischen Unterschied zwischen einem Veganer und einem Kannibalen, und ich würde beiden davon abraten, eine WG miteinander zu gründen.

Liebe Linke, ich verstehe euren Traum und ich finde es traurig, dass er – zumindest zu unseren Lebzeiten – kaum zu realisieren sein wird. Aber wie oft muss der Wecker noch klingeln, bis ihr einseht, dass ihr aufwachen müsst?

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