Was ist angemessen: Angst VOR oder UM Nordkorea?

Die auf Eskalation hindeutende Stimmung zwischen den Vereinigten Staaten und Nordkorea hält derzeit die mediale Öffentlichkeit in Atem. Die symbolische Atomkriegsuhr steht auf zweieinhalb Minuten vor Zwölf und damit auf dem gefährlichsten Stand seit 1953, als die USA und die Sowjetunion mit Wasserstoffbomben experimentierten. Was geht da eigentlich ab?

Ohne den Ernst der Lage verharmlosen zu wollen, muss ich eines doch festhalten: Das Ganze wirkt wie ein schlechtes Theater. Nicht wegen der Situation an sich, sondern wegen der Kontinuität ihres Musters. Im Theater ist es so, dass ein gespieltes Stück sich nicht ändert, nur die Schauspieler kommen und gehen mit der Zeit. Die Rolle von Goethes Faust bleibt konstant, egal ob sie von Bruno Ganz gespielt wird oder von Tobias Moretti. Die polit-mediale Inszenierung der Aggression des US-Imperiums verhält sich da ganz ähnlich: Immer ist irgendwo ein böser Mann, der böse Leute böse Dinge tun lässt – ein Reich der Finsternis. Die Ritter des Lichtes, kontrolliert vom amerikanischen Pentagon, werden dann mit Panzern und Drohnen über den Globus gejagt, um das Böse aus der Welt zu bomben.

Aber wie glaubwürdig ist das noch? Ich bin mit 28 Jahren noch nicht der Älteste, und sogar mich langweilt dieser Plot inzwischen. Das erste Mal bewusst miterlebt habe ich ihn 2003, da war ich 14. Damals konnte ich das Geschehen noch nicht einordnen – ich hatte ja keine Ahnung. In mein Tagebuch habe ich damals aber geschrieben: „Offensichtlich bricht gerade der Dritte Weltkrieg aus.“ So überzeichnet habe zumindest ich die Berichterstattung damals anscheinend erlebt. Und heute wissen wir: Alles, womit die Intervention der USA im Irak begründet wurde, war gelogen.

Das Pentagon verbreitet mehr Horrormärchen als Stephen King!

Etwa das fünfzehnjährige Mädchen aus Kuwait, das vor dem US-Kongress weinend seine Erlebnisse als Kinderkrankenschwester der Welt mitteilte: Irakische Soldaten hätten vor ihren Augen Säuglinge aus Brutkästen gerissen, auf den Boden geworfen und sterben lassen. Schreckliche Geschichte – Gott sei Dank ist sie nicht wahr. Erfunden hat sie die amerikanische PR-Agentur Hill & Knowlton, die von der Regierung beauftragt wurde, die Bevölkerung auf einen Krieg einzustimmen. Das Mädchen war keine Kinderkrankenschwester, sondern die Tochter des kuwaitischen Botschafters in den USA. Nicht zu überbieten? Doch, und zwar von der vielleicht bekanntesten Kriegslüge der jüngeren Geschichte:

https://www.welt.de/img/geschichte/mobile113393466/2032503687-ci102l-w1024/Powell-bedauert-seinen-Auftritt-vor-der-UN.jpg

Dieses Bild zeigt Colin Powell. Er informiert gerade den UN-Sicherheitsrat über die Massenvernichtungswaffen, über welche der irakische Diktator Saddam Hussein verfüge. Um die subjektiv gefühlte Bedenkzeit der Vertreter anderer Länder strategisch zu verknappen, erzeugt er die Illusion von einer Unmittelbarkeit der Gefahr: Nicht irgendwann, sondern binnen 45 Minuten sei Hussein auch imstande, Raketen mit chemischen Waffen zu versehen und damit die Reichweite der Bedrohung dramatisch auszuweiten. Weil Information bei ihren Empfängern bekanntlich am besten ankommt, wenn möglichst viele Sinne angesprochen werden, spricht Powell nicht nur zu seinen Hörern in aller Welt, nein, er hält auch ein kleines Fläschchen in die Höhe – es symbolisierte Anthrax. Was da wohl wirklich drin war? Kreide vielleicht, oder Zucker? Wir werden es nie erfahren. Was wir inzwischen aber mit Sicherheit wissen, ist, dass Hussein nie über Massenvernichtungswaffen verfügte. Auf dem Fundament einer Lüge mit einer Zuckerdose marschierten die USA in den Irak ein, erhängten den Präsidenten des Landes und töteten dort rund eine Million Menschen.

US-Sonderstellung?

Das ist keine Kleinigkeit! Es klingt nur schon so selbstverständlich, weil wir es von Amerika gewohnt sind. Wer den Irrsinn erfassen möchte, braucht nur die Akteure zu ändern: Saudi Arabien überfallt Deutschland, erhängt Merkel und tötet eine Million Zivilisten. Die Vorstellung löst doch gleich mehr Unbehagen aus, oder? Warum? Weil sie eben nicht selbstverständlich ist. Dass sie mit den USA in der Rolle des Aggressors hingegen bei den meisten Menschen keinen Reflex der Skepsis mehr auslöst, zeigt, wie gut die Indoktrinierung der Kriegspropaganda funktioniert – auch in unseren Medien! Denkt daran, dass Donald Trump bislang in genau einem Moment seiner chaotischen Amtszeit positives Feedback bekam: Als er die "Mutter aller Bomben" über Afghanistan abgeworfen hat. Spätestens da muss einfach jeder die gewaltige Dekadenz erkennen, die unsere Haltung als mündige Bürger bereits durchdrungen hat. Wir schimpfen über die dummen (Ur-)Großeltern, die sich von Goebbels an die Ostfront haben hetzten lassen – und merken gar nicht, dass wir heute noch viel dümmer sind.

Was werden wir in den kommenden Jahrzehnten noch alles mit Gewissheit sagen können? Dass der Krieg gegen den Terror nicht wirklich begann, weil die mystische Kultfigur Bin Laden von einem Versteck in sandigen Bergen aus drei World Trade Center Türme mit nur zwei Flugzeugen pulverisierte? Magie? Vielleicht. Sechzig Jahre nach dem von der CIA gemeinsam mit dem britischen Geheimdienst MI6 durchgeführten Sturz des iranischen Machthabers Mossadegh, wurden immerhin auch die geheimen Dokumente freigegeben, welche die USA als treibende Kraft hinter dem Umsturz entlarven. Es ging natürlich nicht um die Sicherstellung von mehr Demokratie oder ein ähnlich hehres Ziel, sondern schlicht darum, dass der Iran seine Ölförderung zu verstaatlichen gedachte. Da musste natürlich eingegriffen werden.

Es gibt keine bösen Länder, nur schlechte Menschen mit zu viel Macht...

Ich will die USA jetzt nicht als den Todfeind der Menschheit brandmarken, das sind sie nicht. Es ist schlicht die gewaltige Fülle an Macht, die gewiss jeden korrumpieren würde. Wer 600 Milliarden im Jahr für Rüstung ausgibt (bzw. ausgeben kann) und in 42 Ländern dieser Welt militärische Stützpunkte unterhält, der wird seine überproportionale Macht immer zum eigenen Vorteil einsetzen. Heute ist Amerika die größte Weltmacht und die NATO das stärkste Militärbündnis, so wie es vor 100 Jahren noch England war und in 100 Jahren vielleicht China sein wird. Eine derartige militärische, ökonomische und institutionelle Überlegenheit hat bislang jeden Staat veranlasst, sich alle Welt untertan zu machen: Egal ob das antike Rom, Spanien, die Briten oder eben jetzt Amerika.

Diesen Kontext berücksichtigend müssen wir auch an den Konflikt zwischen Amerika und Nordkorea herangehen. Wir haben auf der einen Seite eine in Relation zu anderen schrumpfende Übermacht, die eine Gelegenheit benötigt, um ein Exempel ihrer Stärke zu statuieren. Auf der Gegenseite wütet ein unsympathischer Kugelfisch mit einer Punkfrisur und Atomwaffen (wenn es denn diesmal wirklich stimmt, beim Irak dachten es ja auch alle). Noch dazu weiß niemand etwas über Nordkorea, was das Mitgefühl einschränkt. Wer in einem Land schon einmal auf Urlaub war, wer vielleicht Freunde dort hat oder Verwandte, der empfindet etwas, wenn es angegriffen wird, er macht sich Sorgen. Nordkorea aber isoliert sich, kaum jemand ist je da gewesen. Vielleicht ist das an sich schon ein Grund, den Argwohn eines Imperiums zu erregen, das den Globalismus predigt? Denkbar wäre es. Wenn nach einem eventuellen Regimechange plötzlich ein den USA gegenüber aufgeschlossener Sympathieträger den nordkoreanischen Staat regiert, dann sollten wir uns jedenfalls Gedanken machen.

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jyrgen.balzer

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Tourix

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