Blickt man mit kühlem Kopf und durchschnittlicher Menschlichkeit auf die Opfer, vergeht einem von vornherein jede Lust auf Mord und Totschlag und es verbietet sich auch schon der harmloseste Handkantenschlag.

Aber Gewalt geschieht dennoch, ja sie ist fast omnipräsent. Gewalt hebt die Quoten im Fernstehen und die Auflage in den Printmedien. In unzähligen Texten wird sie analysiert, es wird die Barbarei und die Brüchigkeit unserer Zivilisation beklagt und die Menschen überschlagen sich dabei, Gewalt zu verurteilen.

Eh ok, aber mir fehlt in all dem die Empathie. Wo bleibt dabei der Täter als denkender und handelnder Mensch? Wer denkt an die Täter, die schließlich in ihrer eigenen Perspektive häufig die ersten und wichtigsten Opfer sind?

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Sicher, neben Robbenbabies und Angorakätzchen als ganz unmittelbare und allgemeine Sympathieträgern schneiden die Auto-Zündler, Schaufensterzertrümmerer und Molotow-Cocktail-Werfer nicht so super ab. Zurecht.

Und man muss auch wirklich nicht alle Menschen mit einer abgebrochenen Bierflasche in der Hand idealisieren. Ich selbst stehe nicht an zuzugeben, dass es unter ihnen zum Beispiel auch die erlebnisorientierten Gewalttäter gibt, also jene ungute Mischung, wo ein Adrenalinjunkie einen Selbsterhaltungstrieb entwickelt, der ihn lieber die Köpfe anderer zerdeppern lässt, als mit dem Wingsuit seinen eigenen zu riskieren.

Solche Draufgänger sind ein Problem, aber ihr Auftauchen ist keineswegs nur ein exklusives Problem bei Demonstrationen, sondern auch bei Fußballfanklubs, Türstehern, der Polizei und SUV-Fahrern.

Für solche Fälle gibt es sozialarbeiterische Maßnahmen wie Sesselkreis, Schultern massieren, kaltes Wasser oder auch die Möglichkeit, ihnen mal ordentlich den Kopf gegen die Tischplatte zu knallen, wenn sonst nichts hilft.

Doch während es also bei den Tätern ganz sicher eine Menge Menschen gibt, deren Probleme letztlich psychologischer Natur sind, möchte ich davor warnen, alle in einen Topf zu werfen und alles auf die Helikoptereltern, die fehlende tägliche Schulsportstunde, Wohlstandsverwahrlosung, die Religion, ADHS und Legasthenie (in beliebigen Kombinationen) zu schieben. Wenn wir hier den Versuch machen, die Täterinnen und Täter ernst zu nehmen, so sollten wir mit folgender Feststellung beginnen:

Ein Gewalttäter ist häufig zuerst einmal ein Mensch mit einem Ziel und somit fast schon ein Glücksfall. Weil man kann nicht immer die allgemeine Apathie beklagen und über die niedrige Wahlbeteiligung jammern, aber kaum zeigt jemand einmal Engagement, ist es auch schon wieder nicht recht.

Und dann folgt das leidige Pathologisieren und Psychologisieren, in dem Gewalt immer nur als Problem betrachtet wird. Dabei ist Gewalt in den Augen der Täter ja zuerst einmal die Lösung, oder zumindest das Versprechen davon. Denn obwohl die meisten Menschen dem Gebot der „Gewaltfreiheit“ grundsätzlich etwas abgewinnen können, finden sich im Konkreten doch immer wieder jede Menge gute Gründe für den einen Faustschlag oder den anderen Krieg.

Normale Menschen wie Du und ich werden so jeden Tag zu Gewalttätern. Und wir treffen die Entscheidung zur Gewaltarbeit nicht aus Jux und Tollerei, sondern weil wir mit ganz konkreten Erwartungen in Konflikte gehen. Aber viel zu oft werden unsere Hoffnungen zerstört, unser Engagement endet mit Enttäuschung und Frustration. Das Täterleid zu minimieren und also die Effizienz gewaltsamer Konfliktaustragung – abseits von moralischen Verurteilungen – zu steigern, ist das oberste Ziel meines Buches „Mit einem Schlag erfolgreich“.

In meiner Arbeit widme ich mich daher intensiv diesem auf den ersten Blick eigenartigen Optimismus der Gewalttäter und frage mich, wann er konkret angebracht ist und wann eher nicht. Jedenfalls wäre es falsch, die Täter als unbekümmerte und naive Schönseher abzustempeln. Die hohen, zugegen vielleicht unrealistisch hohen, Erwartungen an Gewalt sind nämlich keineswegs so unverständlich, wie es vielleicht für viele Leserinnen und Leser auf den ersten Blick den Anschein hat.

Von Kindesbeinen an wachsen wir alle mit einer bunten und vielfältigen Tradition von Gewalt auf. Von Kinderreimen bis Märchen, von erlebte Auseinandersetzungen bis erzählten Heldengeschichten und natürlich den gezeichneten und gespielten Abenteuern in 4k-Qualität bekommen wir Gewalt präsentiert und es sind nicht selten die Helden, die sich dabei als besonders skrupellos und blutdürstig hervortun.

In einer alten und ungebrochen populären Geschichte treiben zum Beispiel friedliebende Händler nichtsahnend ihre Geschäfte, als ein Mann einen Wutanfall bekommt, wenig überzeugende und ziemlich esoterisch begründete Besitzansprüche stellt und mit einer Peitsche auf sie losgeht. So wie die Geschichte im Original erzählt wird, liegt die ganze Sympathie allerdings nicht bei den Opfern, diesen aufrechten Kapitalisten, die womöglich ohne ihren Handelsplatz ihre Familien nicht mehr ernähren können, sondern beim peitschenschwingenden Täter, der mit Gewalt seine Ziele schnell und effektiv erreicht und den anderen eine ihm genehme Ordnung aufzwingt.

In dieser Geschichte sehen wir gut, wie die triebhafte Seite und die berechnende Seite der Gewalt nicht als klar getrennte Gegensätze auftreten, sondern in der Gewalttat des Peitschenschwingers zusammenfallen. Theoretisch fällt es uns leicht zu entscheiden zwischen Gewalt als rational eingesetztem Mittel in der Konfliktlösung und einer Gewalt, die tatsächlich etwas Zügelloses und Unbeherrschtes hat. Und natürlich erwarten wir von zum Beispiel Boxerinnen oder Polizisten diese Unterscheidung. In der Hitze des Gefechts ist eine klare Trennung aber häufig nur noch schwer einzuhalten und oft endet, was als wohlkalkulierter und geplanter Schlag begonnen hat, in einem regelrechten Blutrausch.

Die Gefahr der Grenzüberschreitung zwischen den beiden Sphären gehört zu jenen Risiken, auf deren Existenz wir das Augenmerk unserer Leserinnen und Leser richten wollen. Interessanterweise stößt die unbeherrschte Gewalt, etwa in Form einer spontanen Ohrfeige für ein Kind oder eines herzhaften Kinnhakens für einen Unfallgegner im Straßenverkehr, bei vielen Menschen eher auf Verständnis, ja sogar Sympathie, als etwa das pädagogisch gemeinte, kaltblütige Versohlen des Hinterns oder das Zerstechen der Autoreifen als Rache einige Zeit nach dem „heißen“ Konflikt.

Moralisch ist es also keineswegs so, dass die rational eingesetzte Gewalt vorbehaltlos als „gut“ oder zumindest „besser“ angesehen wird oder werden sollte als jene in sprichwörtlich „blinder Wut“ verabreichte. In unseren Gesetzen hat sich sogar das gegenteilige Empfinden der Mehrheit niedergeschlagen: dementsprechend wird etwa der (heißblütigen) Totschlag deutlich geringer bestraft als der (geplanten) Mord.

In meinem nächsten Blog-Eintrag werde ich mich ein wenig mehr mit den verschiedenen omnipräsenten und positiven Erwartungen an Gewalt beschäftigen und erklären, wie sie uns alle potentiell zu Täterinnen und Tätern machen.

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