Festtagsreflexion - Gewalt gegen Tiere

Zur Weihnachtszeit kann man ja traditionell von zwei Dingen nicht genug bekommen: Von toten Tieren und kuscheliger Nestwärme. Daher mal eine Geschichte aus meiner Jugend, die beides zu bieten hat, wobei die Wärme hauptsächlich auf den gerade beginnenden Sommer zurückzuführen ist.

Ich hatte grade meine Matura gemacht, mich überschwänglich vom Schulwart verabschiedet und meinem Geschichtelehrer, den ich seither nie wieder gesehen habe, voll Überzeugung versichert, dass ich – ganz sicher – auch im nächsten Schuljahr und in alle Ewigkeit noch oft vorbeischauen würde. Seinen skeptischen Blick und meine Empörung darüber habe ich noch in lebhafter Erinnerung. Aber ansonsten sind meine letzten Schultage überlagert von einer anderen Sache, die so plastisch ist, dass sie ganz unreal wirkt, wie es oft ist, wenn ein Erlebis erzählt und immer wieder neu erzählt wird.

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Ich hatte damals eine Freundin, was an sich schon ziemlich cool und aus heutiger Sicht total unverdient war. Weil wer kann schon in Retrospektive den Achtzehnjährigen ausstehen, der man selbst gewesen ist? Eben.

Gekrönt war die Freundinnen-Sache noch durch den Vintage-Jaguar ihres Vaters und in meinem Kopf verbanden sich dieses Auto, der frische Führerschein und die Riesenschulabschlusspartypläne, bei der wir alle in Abendkleidung ankommen und im Idealfall im türkisen Steinbruchwasser mitten in der Pampa enden sollten, im Nu zuerst zu einer gewagten und dann zu einer fixen Idee. Lisa ließ sich von meiner Begeisterung mitreißen und begann ihren Papi zu bezirzen und bezaubern als wäre es nicht ihr letzter, sondern ihr erster Schultag und sie noch immer sein kleines Mädchen.

Mit vielen Beschwörungen und Ermahnungen händigte ihr der Papi schließlich den Schlüssel aus. Papi war auch abgesehen vom Auto nicht gerade ein lockerer Typ. Eher so ein wenig anal, also dass ihn ein Krümel am Fußabstreifer zu längeren Monologen über Wert und Werteverlust der Jugend motivierte.

Aber von den elterlichen Ermahnungen und Beschwörugnen blieben nur die Turnschuhe (Ja nicht mit Stöckelschuhen Auto fahren!) zum sexy Kleidchen, als meine Freundin mich mit dem Jaguar abholte und wir in einem Rausch von Freiheit und Glück versanken, wie man ihn nur mit achtzehn empfinden kann.

Ich verstaute eine Kiste Bier und diverse anderer Gute-Laune-Macher im edlen Kofferraum des Wagens und warf noch in Plastik verschweißtes Grillgut plus Ketchup und Barbeque Saucen dazu. Anschließend nahm ich mit einem Reisebier am Beifahrersitz Platz und wir verließen die Stadt bei sengender Mittagshitze Richtung Abenteuer.

Zu den gerade angesagten Sommerhits ließ ich den Kronkorken mit dem Feuerzeug ploppen und Lisas Krise wegen dem Schaum auf dem Leder war heftig, aber kurz. Hätte sie sich auch ganz sparen können, denk ich mir heute, aber das ist so eine Sache, wo man hinterher einfach leicht obergscheit sein kann.

Die Freilandstraßen wurden immer verlassener, die Straßen kurviger, die Hügel höher, der Wald dichter und unsere Stimmung besser. Wir machten ziemlich wilde Pläne für unsere gemeinsame Zukunft und konnten uns überhaupt nicht vorstellen, dass die Gemeinsamkeit unserer Zukunft nur noch auf wenige Stunden beschränkt sein würde.

Lisa konnte man keinen Vorwurf machen, sie war eine konzentrierte Autofahrerin und  hatte brav alle Ratschläge und Tipps beherzigt, aber was kann man machen, wenn eine wildgewordene Wildsau plötzlich wie eine eben solche von der Seite aus dem Wald schießt und sich selbstmörderisch vors Auto wirft? Vollbremsung, Bumser aussitzen, und mit Glück auf der Straße und nicht an einen Baum gelehnt ganz zum Stehen kommen. Blass und mit zittrigen Beinen aussteigen, die Sau anschauen und feststellen, dass sie ein Keiler ist, oder besser war, weil gerührt hat er sich nicht mehr und geblutet hat er wie... wiederum eine Sau.

Mitte der 90er war ja noch die prä-Handy-Zeit, also zumindest für uns und 99% der Bevölkerung, und das war, vielleicht ist das den Jüngeren heute gar nicht mehr so klar, eine Zeit wo man, wenn man alleine war und Kilometer weit weg vom nächsten Telefon, also einem wo ein Kabel dran hing, das dann in der Erde vergraben war, also wenn man alleine war, dann war man alleine.

Damals hieß die Suchmaschine im Internet auch nicht Google sondern noch Alta Vista, und selbst wenn man „Wildsau überfahren“ eingegeben und im Netscape Navigator fünf Minuten die winzige acht Farben Animation einer drehenden Weltkugel betrachtet hätte, wäre noch kein Forum mit schlauen Tipps aufgetaucht, sondern wahrscheinlich gar nichts.

Aber wir hatten weder ein Telefon mit Kabel, noch ein 28k Modem und einen Computer mit Netscape Navigator, insofern war das alles wurscht. Lisa sagte, und da sieht man, dass sie nicht nur hübsch sondern auch klug war und ich sie wirklich nicht verdient hatte, wir sollten einfach weiterfahren.

Wer weiß schon, woher Achtzehnjährige ihr Halbwissen beziehen und wir mussten, ohne die Möglichkeit andere Menschen zu fragen, schnell eine Entscheidung treffen. Ich war mir damals jedenfalls ganz sicher, dass man das Tier mitnehmen und zu einem Jäger bringen musste. Nach einigem Hin und Her und der Feststellung, dass im Kofferraum eine Filzdecke war, willigte sie schließlich ein und wir schafften es tatsächlich, das Schwein in den Kofferraum auf die Decke zu hieven, ohne unsere Kleidung und den Kofferraum vollkommen zu versauen.

Als wir wieder im zu dem Zeitpunkt wundersamer Weise noch kaum beschädigten Auto saßen, war Lisa ziemlich fertig und überlegte, ob wir nicht gleich heimfahren sollten. Aber da wir vorher ohnehin noch einen Jäger oder die Gendarmerie oder wen auch immer finden mussten und keine Ahnung hatten, wie uns das gelingen würde, fuhren wir einfach weiter Richtung Party.

Gerade als wir wieder ein wenig von unserer Lockerheit zurückgewannen und begannen, rein hypothetisch, den Gedanken durchzuspielen, wie legendär es wäre, kämen wir auf der Grillparty nicht mit zwei Koteletts, sondern mit einem ganzen, frisch abgemurksten Schwein im Jaguar, hörten wir ein eigenartiges Geräusch am Auto.

Das Geräusch kam wieder und zwar von hinten. Nervös blickten wir in den Rückspiegel. Zu sehen war nichts, aber es wurde immer lauter und heftiger und als es richtig zu Rumpeln und auch noch zu Quietschen begann, fing Lisa, die jetzt noch deutlich blasser war als unmittelbar nach dem Unfall, an zu bremsen.

„Die Sau war nur ohnmächtig!“, flüsterte sie und blickte starr auf die Straße. Plötzlich brach die Panik durch und sie schrie mich mit irrem Blick an, dass ich verdammt noch mal den Puls hätte messen müssen, was mir ganz ungerecht erschien, weil welcher Stadtmensch wüsste schon, wo man bei einer Wildsau den Puls misst?

In einem Moment von Luzidität in einer sonst ziemlich tristen Abfolge an falschen Entscheidungen an diesem Tag, ließ ich mich nicht auf eine Diskussion über die Anatomie einer Wildsau ein, sondern schrie sie zurück an, sie solle lieber weiter fahren, zu dem abgelegenen Haus, das soeben ein paar hundert Meter vor uns aufgetaucht war. Sie beschleunigte und ihre vorher an den Tag gelegte Vor- und Umsicht war dahin, sie fuhr Vollgas, schnitt die Kurven und bremste mit quietschenden Reifen vor der Einfahrt des Hauses. In dem Augenblick machte es einen Knall und der Eber schaute verdattert und geblendet vom Licht bei der Hutablage heraus. Wir rissen schreiend die Türen auf und schlugen sie sogleich hinter uns wieder zu. Wie angewurzelt sahen wir anschließend dem armen, verletzten, aber auch kräftigen und grantigen Tier zu, wie es sich, besudelt mit Blut, Bier, Wein, Schnaps und Ketchup, seinen Weg durch die edlen Lederbezüge biss und auch sonst ganz außer sich war.

Die stämmige Frau, die aus dem nur noch einige Meter entfernten Haus gekommen war, nahmen wir erst wahr, als sie unmittelbar neben uns stand. Ihr Blick war voll Verachtung für die Stadtmenschen, aber sie sagte freundlicherweise kein Wort, ging zurück ins Haus und kam mit einem Gewehr zurück. Lisa weinte mittlerweile und stieß mich weg, als ich sie in den Arm nehmen wollte. Als die Schüsse durch die Frontscheibe fielen, saßen wir beide, ein paar Meter voneinander entfernt, im Gras am Straßenrand und hielten uns die Ohren zu.

Wie den Schulwart und den Geschichtelehrer habe ich auch Lisa seither nicht mehr gesehen, aber ich bin sicher, ihr Papi hat ihr letztlich verziehen. Mich hat die stämmige Frau vor Papis Auftauchen in Sicherheit, nämlich auf die Party gebracht, und mit dieser Autofahrt enden für mich die Erinnerungen an diesen Tag.

Nur dass man angefahrenes Wild auf keinen Fall mitnehmen soll, wenn man den Jäger verständigt, habe ich mir bis heute ganz fest eingeprägt.

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Iris123

Iris123 bewertete diesen Eintrag 28.12.2017 16:39:03

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