Auch wenn es bei uns kaum Schlagzeilen wert ist. In Paris werden wieder die Schaufenster eingeschlagen und Schulen angezündet. Die Reform des Arbeitsrechtes hat zu den ersten Demonstrationen gegen Emanuel Macron geführt und es werden viele weitere Folgen.

Höchste Zeit also, sich mit Gewalt und den mit ihr verbundenen Hoffnungen und Erwartungen etwas eingehender zu beschäftigen.

Beim Thema Gewalt (und natürlich beim Thema Frankreich) ist man ja immer auch gleich bei der Philosophie: Ist der Mensch von Natur aus Täter oder doch eher mehr auf Kuscheln? Generationen von Fachleuten haben sich mit den Begriffen böse und gut den Mund fusselig diskutiert und auch in Zukunft wird mit solchen Spekulationen jede Menge Lebenszeit verschwendet werden.

Ich bin allerdings mehr der wissenschaftliche, empirische Typ und habe für Scholastik keine Nerven. Lieber schau ich voll Stolz meinen Töchtern im Sandkasten zu, wie sie mit erfrischender Unbekümmertheit zum Metallschäufelchen Ihres Nächsten greifen und bei einem Rückeroberungsversuch mit ein, zwei entschlossenen Hieben ihr Territorium abstecken.

Diese sicher etwas naive Unbekümmertheit verlieren die Menschen ja leider mit zunehmenden Alter, da kommen Reflexion, Zweifel, Hemmung, Über-Ich und der ganze psychologische Krempel zum Tragen, der allen Menschen das Leben so schwer macht und sie in die Melancholie treibt.

Alle Menschen? Nein! Ein von unbeugsamen Galliern bevölkertes Land hört nicht auf, Widerstand zu leisten. Frank und frei wird in diesem schönen Land auch heute noch ganz selbstverständlich auf Gewalt zurückgegriffen, etwa wenn Fabrikarbeiter zur Rettung ihrer Arbeitsplätze ihre Chefs in deren Büros als Geiseln nehmen und/oder ein wenig vermöbeln sowie die Sprengung der Maschinen und Werkshallen als Argument zu ihren Gunsten aufs Tapet bringen. Bei uns wäre das eine Staatskrise und das Sondereinsatzkommando stünde gleich mal auf der Matte, aber in diesem schönen Land wird so ein Verhalten als Ausdruck besonderer Mitarbeitermotivation anerkennenden registriert und bei der Kompromissfindung berücksichtigt. Als ganz junger Täter und Student hat mich mein Wissensdrang entsprechend in die weltberühmte Stadt der Hiebe getrieben und zu meinem Entzücken wurde ich schon in den ersten Wochen Zeuge einer eskalierenden Demonstration. Damals waren es die Rechtsanwälte, die, wenn ich mich richtig erinnere, für ein höheres Entgelt für ihre Pflichtverteidigung demonstrierten und bei einer Versammlung vor dem Justizministerium die Polizeisperre durchbrachen und die Ministerbüros verwüsteten. Richtige Volksfeste sind auch die regelmäßig stattfindenden Demonstrationen der Feuerwehrleute, die immer in voller Montur mit Helm und Artillerie, also ihren Wasserwerfern, auftauchen, um sich dann mit den KollegInnen von der Polizei Schaumschlachten zu liefern.

Aber egal wer demonstriert und worum es geht: ohne einen Hauch von Tränengas und ein paar eingeschlagene Schaufenster geht in Paris keine Handarbeitslehrerin und kein Bibliothekar von seiner „Manif“ heim.

Während man im deutschsprachigen Raum mittlerweile lieber kindliche Zahnfäule akzeptiert als die kleinen Racker mal mit Kabelbinder ans Gitterbett zu fixieren, um endlich eine ordentliche Mundhygiene zu ermöglichen, dreschen die Franzosen und Französinnen auch heute noch liebevoll und von Gesetz und Strafen unbedroht auf ihre Kleinen ein und das Volk macht sich regelmäßig für seine Täter stark: einmal fliegen einem schlagfertigen Lehrer, ein anderes Mal einer selbstgemachten Witwe die Herzen ihrer Landsleute zu.

Ein Schuldiger für diese Mentalitätsunterschiede ist vordergründig leicht ausgemacht: Asterix.

Während Hefte voll mit lustigen Prügelorgien bei uns immer mit einer gewissen amüsierten Distanziertheit verschlungen wurden, ist anscheinend das französische Selbstbild durch den Comic-Helden so sehr geprägt, dass nicht nur schwarze Marseillanerinnen, armenische Chansonsänger und italienische Asyl-Terroristinnen mit Inbrunst und Überzeugung ihr keltisches Wesen beteuern, sondern auch mit der gleichen Bereitschaft wie ihre gezeichneten Helden die Fäuste ballen, um Arbeitskämpfe ebenso auszutragen wie familiäre Meinungsverschiedenheiten oder politische Richtungsentscheidungen.

Doch ganz so einfach sollten wir es uns bei unseren Überlegungen nicht machen, weil da gibt es natürlich das Henne-Ei Problem, und wenn man über den nationalen Tellerrand schaut, wird es gleich ganz unübersichtlich: Reicht Heidi als Begründung für die ungebrochene demokratische Mehrheit in der Schweiz für die Legalität der Körperstrafen an Kindern? Erklärt „Krieg und Frieden“ die langen und äußerst populären Traditionen der häuslichen Gewalt in Russland? Wie war es mit den Deutschen, bevor sie sich durch eine Überdosis ihre Lieblingsmedizin vergällt haben? Und was ist mit den Saudis?

Nein, diese Art der nationalen Psychoanalyse führt nur zur Verfestigung selbstgerechter Stereotype. Die Fragen, die wir uns als wissbegierige Jünger der Gewalttheorie stellen müssen sind viel mehr: Was erwarten sich die Täter von der Gewalt? Natürlich gibt es die primitiven Sadisten, die unbeherrschten Proleten, die analen Akademiker, die ganzen Überforderten und zu kurz Gekommenen, die gerne Blut sehen oder die sich einfach bei Stress abreagieren und ihre Mitmenschen als Sandsäcke und Zielscheiben missbrauchen.

Aber wer den Hang der Franzosen oder der Saudis zu Gewalt damit erklären will, dass sie „primitiver“ seien als wir, oder „unzivilisiert“ oder einfach „unbeherrscht“, der lehnt sich nur selbstzufrieden zurück und verzichtet auf den Erkenntnisgewinn. Da kann man gleich Aufklärung und Wissenschaft zum Irrweg erklären und an einen Gott glauben, der das Wetter macht.

Wenn es auch im Einzelfall möglich sein mag, die Täterin an der Hand zu nehmen und ihr sanft „Was würde Immanuel Kant tun?“ in die Ohren zu flüstern und sie so zum Innehalten zu bewegen, so ändert das nichts daran, dass auch der bisher Sanftmütige es unter den richtigen Umständen ordentlich krachen lässt und dass es anscheinend Lebensumstände und gesellschaftliche Konstellationen gibt, unter denen Gewalt an Attraktivität gewinnt.

Daher müssen wir uns der Frage widmen: Was lässt ganz normale Menschen wie dich und mich zu Täterin und Täter werden? Und wie können wir mit Hilfe von Gewalt tatsächlich das erreichen, was wir wollen? Das ist das Thema meines demnächst erscheinenden Buches „Mit einem Schlag erfolgreich. Konflikte lösen mit Gewalt“. Und um die Wartezeit zu überbrücken, wird es dazu auch noch eine Reihe weiterer Blogartikel geben.

c0 https://pixabay.com/de/anarchie-aufruhr-gewalt-brutale-152588/

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