Kannst du mich nicht verstehen oder willst du einfach nicht?

Nein, eigentlich hast du es verstanden. Du kannst es nur nicht zugeben. Du würdest dein Gesicht verlieren. Nicht vor mir, sondern vor dir selbst. Hast du wirklich geglaubt, ich würde dir aus Gefälligkeit zustimmen? Du kennst mich schon so lange. Wenn mich Ehrlichkeit diese Freundschaft kostet, soll es so sein. Ich kann dir diesen Gefallen nicht tun.

Was willst du mir von Moral erzählen? Klärst du mich wieder auf, wie sehr wir uns alle verändern müssen, damit die Welt besser wird? Menschlichkeit ist nichts weiter als eine Forderung von einem Menschen zum Anderen. Wären dir die hungernden Kinder und ersaufenden Flüchtlinge wirklich wichtiger als du selbst, würdest du nicht auf dem Sofa sitzen und mir dein neues Handy zeigen. Deine fette Hauskatze hätte keinen nagelneuen Kratzbaum und dein hässlicher Mercedes keine neuen Alufelgen. Moralische Forderungen sind Selbsterhöhung, mehr nicht. Glaubst du, Gerede über Menschenliebe hilft jemandem außer dir selbst? Willst du weiter diese Bilder von traurigen Kinderaugen im Internet teilen, damit du dich fühlst wie ein guter Mensch? Das Kind hat nichts davon. Dieses Theater bleibt also das billige Make-up einer Spezies, die sich etwas vormachen muss um sich selbst zu ertragen.

Phänomene wie "Shitstorm" oder "Public shaming" sind nichts Anderes, als die moderne Variante der Gladiatorenkämpfe im alten Rom. Fortschritt sei Dank, zerfleischt man sich heute sehr viel eleganter. Aber das Prinzip ist gleich, die Menge taumelt, grölt und sabbert gierig, sobald ein Opfer zum Abschuss freigegeben ist. Natürlich rechtfertigt er das mit dem Kampf gegen Rassismus, Sexismus, Heimatschutz, Friedeneinsätze oder von mir aus mit dem Tierschutz. Der Mensch hatte zu jeder Zeit eine moralische Begründung für seine Boshaftigkeit parat. Komm mir jetzt bitte nicht wieder mit Kant oder Rousseau.

Du willst die Welt verändern, die Menschen verbessern. Mit Menschen, die von Grund auf friedlich sind, wäre das überhaupt nicht notwendig. Das Wesen des Menschen erkennst du schon daran, dass keiner freiwillig einem anderen Menschen ausgesetzt sein möchte.

Wähle weiterhin deine Partei, wenn du dich besser fühlst. Der Welt wird es nicht helfen.

"Aber wir müssen für Frieden und Toleranz kämpfen. Wir können etwas verändern. Du versuchst es ja nicht einmal" erklärst du mir mit vorwurfsvollem Unterton. "Es gibt immer mehr Gewalt, wir müssen uns wehren"

Wie willst du dich gegen Gewalt wehren? Mit bunten Plakaten, Menschenketten, Mahnwachen und kitschigen Liedern? Dann verlierst du. Im Falle einer Konfrontation setzt sich nicht die tolerantere Idee durch. Wir sind nur friedlich, weil wir es uns im Moment erlauben können. Pazifismus ist ein Luxusphänomen, welches nur bestehen kann, wenn keine unmittelbare Bedrohung vorhanden ist. Pazifismus ist hier ähnlich wie Veganismus, denn bei der nächsten Hungersnot wird deine fette Hauskatze zu Mietzragout verarbeitet und der teure Kratzbaum landet im Ofen. Nicht primär der Mensch hat sich verbessert, sondern seine Situation.

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Es ist dein viertes Glas Wein. Du trinkst schnell, als wolltest du etwas wegspülen. Dein Gesichtsausdruck ändert sich. Mit glasigen Augen schaust du mich an.

„Menschenhasser!“

schmetterst du mir entgegen. Wohl in der Annahme, es würde mich kränken. Es kränkt mich nicht. Das verärgert dich.

"Dir sind Opfer von Krieg und Verfolgung egal, bau doch gleich neue Gaskammern!"

Fremde Menschen sind uns meistens egal. Warum trauerst du über ertrunkene Flüchtlinge, nicht aber um Terroropfer? Warum macht es der Rechte umgekehrt? Weil es nie um das Menschenleben an sich ging. Es geht um die eigene politische Haltung und ein Menschenleben wiegt hier wenig. Es geht darum, Recht zu behalten. Wenn dafür das Beleidigen der Meinungsgegner notwendig ist, dann ist es dir Recht. Alles im Namen der richtigen Sache, oder?

"Würden alle so denken wie du..."

... dann was? Wäre die Welt schlechter, wenn wir damit aufhören, Anderen Moralvorträge zu halten. Wer helfen will, der hilft und ermahnt nicht Andere zum Helfen.

Ich merke, wie du immer zorniger wirst. Spar dir die Beschimpfungen, die du mir an den Kopf werfen willst, sie werden nicht treffen.

Geh zu deinen Freunden und erzähle vom bösen Misanthropen. Lacht gemeinsam darüber, damit die Last nicht mehr so schwer wiegt. Lass sie dir zustimmen. Lass dir sagen, was für ein guter Mensch du bist. Du kannst mir die Freundschaft kündigen. Du kannst mich nie wieder sehen, wenn du es möchtest. Über meine Worte wirst du noch länger nachdenken, das sehe ich dir an.

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