Ich lebe in einer großen Halle. Wann ist Tag? Wann ist Nacht? Ich weiß es nicht. Vor mir, hinter mir, rechts und links von mir sind noch hunderte – nein, tausende und tausende! - die so sind wie ich. Kein Entkommen ist möglich, und wohin auch? Keiner von uns kennt die Welt da draußen, niemand erinnert sich an ein Leben vor der Halle. Der Boden, auf dem wir stehen und ziellos herumirren, ist mit Streu bedeckt. Alle paar Meter sind kleine Wasserspender, an denen wir bald Schlange stehen. Und überall stehen Behälter mit Futter. Um die scharen wir uns ständig.

Was können wir hier auch Anderes tun als zu essen? Die Stunden vergehen in einem zähen Strom voller Langeweile. Das Einzige, was wir hier im Überfluss haben, ist Platz. Manch einer von uns ruft nach seiner Mutter. Mutter? Was ist das? Gut oder Böse? Ich kann mir keine Vorstellung davon machen. Es ist mir ein leerer Begriff in einer alles beherrschenden Einsamkeit unter so vielen, die doch sind wie ich. Es ist unmöglich Freundschaften zu schließen oder auch nur eine Bekanntschaft zu machen. Denn immer wieder werden wir auseinander getrieben, wenn Panik und hektische Eile entsteht, weil es neues Essen oder frisches Wasser gibt.

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Aber was geschieht hier mit uns? Wenn wir wachsen, wächst nur unsere vordere Hälfte. Die Knochen knacken bei jedem Schritt, den wir tun. Und manche von uns fallen ständig vornüber, weil das Gewicht der überdimensioniert großen Brust einfach nicht mehr zu tragen ist. Unser ehemals so prächtiges Gefieder ist vom Kot verklebt, weil wir uns nur noch mit größtem Kraftaufwand aufrecht halten können. Die viel zu langen Krallen machen die ohnehin schon mühsame Fortbewegung auch nicht gerade einfacher.

Viele von uns haben einfach die Kraft nicht mehr wieder aufzustehen, wenn sie vornüber gekippt sind. Sie kommen nicht mehr ans Wasser und krepieren langsam vor sich hin. Jeden Tag sehe ich Männer in weißen Anzügen und mit Masken vor dem Gesicht. Sie sammeln die vielen Toten ein, packen sie an ihren Beinen und werfen sie achtlos auf einen Haufen. Es sind auch einige darunter, die noch ein wenig leben, aber das ist ihnen egal. Oh, ich fürchte mich vor dem, was noch kommen mag!

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