Ihre Gefangenschaft dauerte nun schon so lange sie zurück denken konnte. Sie war nicht allein, rechts und links von ihr standen weitere Leidensgenossinnen. Sie hätte nicht sagen können, dass es ihre Freundinnen waren. Denn sie hatten nicht die geringste Gelegenheit sich kennen zu lernen. In einiger Entfernung von ihren Gesichtern war ein Spalt in der Wand, durch den ein wenig Licht drang. Manchmal kam sogar auch frische Luft von dort draußen, und dann hob sie den Kopf und schloss die Augen.

Manchmal rief der Duft von dort draußen eine ferne Erinnerung in ihr wach. Ja, sie war schon einmal kurz dort draußen gewesen. Und wenn sie weiter nachdachte, sah sie vor ihren geschlossenen Augen weite grüne Wiesen. Sie stellte sich vor in der Sonne zu liegen und einfach glücklich zu sein.

Aber das war ein ebenso ferner Wunschtraum wie alle Erinnerungen und mit Schmerzen verbunden. Ja, jetzt dachte sie auch an Söhnchen, das winzig kleine Etwas, von dem sie einen kurzen Augenblick lang glauben konnte, es würde ihr für immer ganz gehören. Aber das kleine Wesen wurde ihr brutal entrissen, kaum dass es auf seinen eigenen Beinen stehen konnte. Noch einige Tage rief sie nach ihm, und auch sie hörte, wie er sehnsuchtsvoll nach ihr klagte. Er war nicht weit, aber unerreichbar.

Es dauerte nicht lange nach seiner Geburt, da wurde sie mit Schlägen von ihrem Platz getrieben. Kalte Hände machten sich an ihrem Bauch zu schaffen, und sie hatte keine Möglichkeit einer Gegenwehr. Sie sah sich um und fand sich in einem Gestell aus Metall, einige Schläuche mit einer weißen Flüssigkeit konnte sie gerade noch erkennen. Es war ein unangenehmes Ziehen und Reißen in ihrem Bauch. Dann war es vorbei, es kamen wieder die kalten Hände, und sie wurde zurück an ihren Platz getrieben. Das wiederholte sich nun jeden Tag früh am Morgen und an den Abenden.

Die Zeit dazwischen war angefüllt mit gähnender Langeweile, in der sie nur fressen konnte, was vor ihr in eine Rinne geschüttet wurde. Mehrmals versuchte sie ein Gespräch mit denen zu beginnen, die rechts und links von ihr standen. Aber es wurde ihr nur höchst unwillig bedeutet, dass sie ihre Ruhe wollten. Nichts sagen, nichts denken. Nur fressen und schlafen, sollte das ihr ganze Leben sein? Sie hätte nicht benennen können, woher sie es wusste. Aber sie wusste ganz einfach, dass dies nicht alles sein konnte.

Die, die sie gefangen hielten, beraubten sie ihres Lebens. Aber sie konnte nichts dagegen tun. Sie konnte nur versuchen so gut es eben ging den täglichen Schlägen auszuweichen und ihre Ohren vor dem ständigen Lärm um sie herum zu verschließen. Auch ihre empfindliche Nase musste sie verschließen gegen die schlimmen Gerüche, die von unten zu ihr emporstiegen. Ihre Füße standen auf einem Spaltenboden, durch den ihre Exkremente und die ihrer Leidensgenossinnen fielen.

Eines Tages kam wieder einer der Männer zu ihr, deren Stimmen so unangenehm laut waren. Er machte sich diesmal hinter ihr zu schaffen, und es war sehr schmerzhaft. Aber sie hatte wieder keine Möglichkeit einer Gegenwehr. Dann dauerte es nicht lange, und sie brachte wieder ein Kind zur Welt. Diesmal war es ein kleines Mädchen, aber auch dieses durfte sie nicht einmal eine kleine Stunde lang behalten. All ihr Jammern und Klagen blieb ungehört.

Und so ging es weiter, Tag um Tag, Monat um Monat, Jahr um Jahr nichts als Stehen, Fressen und Klagen. Noch mehr Kinder, die sie niemals behalten und umsorgen durfte. Eine Flucht fand sie nur in ihren Gedanken, ihren fernen Erinnerungen und in ihrem festen Wissen, dass dies nicht die wirkliche Welt, ihr wirkliches Leben sein konnte. Und langsam wurde ihr alles mühsamer. Die Schmerzen, die sie ihr Leben lang begleitet hatten, wurden stärker, und ihre Bewegungen von Tag zu Tag langsamer.

Auch die Schläge wurden härter und das Gebrüll der Männer lauter und fordernder. Es kam der Tag, an dem sie nicht mehr stehen konnte. Zum Hinlegen hatte sie eigentlich viel zu wenig Platz, aber es ging nicht anders. Die, die neben ihr standen, gaben unwillige Geräusche von sich, als sie sie berühren musste, weil ihre schwachen Beine sie einfach nicht mehr halten konnten. Hier unten war der Gestank noch unerträglicher!

Sie durfte nicht dort liegen bleiben. Es kamen einige Männer zu ihr, die sie mit viel Gebrüll und roher Gewalt aufrichteten. Sie schoben und zogen sie nach draußen. Dort war helles Sonnenlicht, und die Wärme tat ihrem geschundenen Körper wohl. Doch lange konnte sie das alles nicht genießen. Wieder kamen die Männer und trieben sie mit den üblichen Schlägen und Tritten vorwärts. Jeder Schritt wurde ihr mühsamer als der vorige, bis sie wieder festgebunden wurde und sich die Tür hinter ihr schloss.

Aus den schmalen Ritzen neben ihrem Kopf kam ein leiser Wind. Es rumpelte und ruckelte, wenn das Gefährt, in das sie gesperrt war, anhielt und kurz darauf weiter fuhr. Sie hatte keine Angst, mit solchen und allen anderen Gefühlen hatte sie längst abgeschlossen. Komme, was da wolle, sie konnte sowieso nichts an ihrer Lage ändern. Apathisch stand sie und ließ sich widerstandslos aus dem Wagen führen, als er hielt.

Aber wo war sie denn hier gelandet? Hinter einem kleinen Gatter waren unübersehbar viele so wie sie. Sie hatten weder etwas zu Essen noch zu Trinken, und im Minutentakt kamen fremde Männer. Sie brachten einige von ihnen in ein langgestrecktes weißes Gebäude. Und bald war auch sie an der Reihe. Wenn sie nicht so apathisch wäre, sie hätte wohl ein letztes Mal versucht zu entkommen. Denn der Gestank von Angst, Tod und Blut war schier unerträglich.

Schließlich fand sie sich in einem Gang wieder, der so eng war, dass es nur vorwärts gehen konnte. Am Ende war eine Tür, durch die man sie mit einigen Schlägen trieb. Nur kurz nahm sie ihre Umgebung wahr: Da waren Wesen, so wie sie, aber offensichtlich halb tot. Die Gliedmaßen grotesk verrenkt, hingen sie an nur einem Bein oben in der Höhe und zappelten hilflos. Da traf sie ein dumpfer Schlag an die Stirn, der ihr alle Sicht nahm und sie zu Boden fallen ließ.

Als sie wieder zu sich kam, hing auch sie an nur einem Bein an der starken Kette. Sie fürchtete, ihr schwacher Körper würde auseinander gerissen. Einer der Männer kam auf sie zu. Er hatte ein langes Messer in der Hand, das er ihr in die Brust rammte. Da endlich umfing sie eine gnädige Ohnmacht, und sie war nicht mehr.

Fotolia/visivasnc

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