Im frühen Teenageralter verfügte ich über einen reichhaltigen Schatz alter Spielsachen und Bücher aus meiner Kinderzeit, und so war es üblich, daß andere Kinder, wenn sie zu Besuch waren, damit spielten. So auch ein kleines Mädchen aus der Verwandtschaft, das in meiner Bücherkiste den "Struwwelpter" entdeckte.

gemeinfrei https://de.wikipedia.org/wiki/Struwwelpeter#/media/Datei:H_Hoffmann_Struwwel_03.jpg

Wer das Buch nicht kennt, Hier gibt es ein PDF zum nachlesen.

Der Einband aus Hartpappe war schon abgewetzt, der Buchrücken mit einem Klebestreifen repariert und das abgenutzte Titelbild hatte ich als Kind gewissenhaft mit meinen Stiften nachgezeichnet. Sprich - es war ein Buch an dem viele Erinnerungen hängen, auch die, wie es mir meine Großmutter liebevoll und zugleich mahnend vorlas.

Als nun das Mädchen darin blätterte, betrat ihr Vater das Zimmer, daraufhin eskalierte die Situation so schnell, dass ich mich nicht mehr an jede Einzelheit erinnern kann, jedenfalls zerriss das Buch vor unserer beider Augen, begleitet von lauten Schimpfkanonaden in seine Einzelteile. Nachdem ihm alle Anwesenden, einschließlich seiner kleinen Tochter mehr oder weniger attestierten, amtlich einen an der Klatsche zu haben und sich die Situation wieder beruhigte, half meine Mutter mir bei der Reparatur.

Seine Beweggründe für den Ausraster verstand ich damals nicht, heute kann ich mir einen Reim darauf machen, wie jemand so einen Hass auf mein Kinderbuch entwickeln konnte.

Schwarze Pädagogik

Ganz besonders die Geschichte vom Daumenlutscher ist ein Musterbeispiel an schwarzer Pädagogik. Anstatt daß einem Kind erklärt wird, dass exzessives Daumenlutschen (möglicherweise) zu schiefen Zähnen fürt, werden dem Kind mit einer Riesenschere beide Daumen abgetrennt, weil es den Kadavergehorsam gegenüber der Mutter verweigert.

Heutzutage würde eine gute Mutter eher das SEK oder Cobra rufen, wenn sie wüsste, daß ein irrer Schneider, bewaffnet mit einer Riesenschere im Gebüsch auf Kinderdaumen lauert, als einfach ihr Kind mit der Gefahr allein zu lassen.

Auch Kindern den Hungertod des Suppenkaspers vor Augen zu halten, weil er vielleicht nicht jede Suppe herunterwürgen will, die er vorgesetzt bekommt, kann dazu verwendet werden, Kinder am Esstisch zu terrorisieren. Kinder zu zwingen, etwas zu essen, was sie absolout nicht mögen ist übel, ich habe es selbst erlebt und allen, die das bei mir versucht haben anschließend vor die Füße gekotzt. Die taten das dann auch nur einmal.

Der generelle Tenor des Buches ist es, Kindern in ulkiger bis drastischer Weise Ursache und Wirkung von Unartigkeit nahezubringen. Und es kommt sehr darauf an, wie Eltern die Inhalte des Buches an ihre Kinder vermitteln. Es kann liebevoll mahnend sein, wie bei meiner Großmutter, oder dazu missbraucht werden, die Kinder mit Gewaltandrohungen zur unbedingten Unterordnung unter die Regeln der Erwachsenen zu pressen.

Wo Schatten, da auch Licht

Drei Geschichten möchte ich positiv hervorheben, die zwar drastisch sind, aber bei entsprechender Vermittlung Kinder auch auf die Härten einer Realität vorbereiten können, die eben nicht nur aus gepolstern Wänden und Sichereitsgeländern besteht, sondern auch mal zurückschlagen kann.

Der böse Friederich, der Tiere quält, bis ihn ein Hund beisst, kann als ein starkes Plädoyer gegen Tierquälerei verstanden sein.

Die Geschichte der drei bösen Knaben, die einen Mohren solange mobben, bis der Nikolaus sie schwarz färbt, mag heute wegen dem Wort "Mohr" als rassistisch gebrandmarkt werden, dabei ist es ein starkes Statement gegen Rassismus inmitten der Kolonialzeit.

Paulinchen, die sich mit dem Feuerzeug selbst anzündet, zeigt, im Gegensatz zum Daumenlutscher, die Konsequenzen, die tatsächlich möglich sind, wenn kleine Kinder mit dem Feuer spielen.

Keine Empfehlung

Mein altes Buch einfach zu zerreissen, anstatt uns Kindern zu erklären, was daran schief ist, war zwar eindrücklich, aber sicher nicht pädagogisch angemessen. Eine Erklärung, warum dieser Vater das tat, kann ich mir wegen des Inhalts zusammenreimen, eine Rechtfertigung ist das natürlich nicht.

In der Retrospektive kann ich sagen, dass ich es gern vorgelesen bekam, auch wenn der mahnende Unterton der Erwachsenen immer etwas nervig war und ich die Geschichte mit dem Schneider sowieso nicht geglaubt habe.

Insbesondere wegen dem Daumenlutscher kann ich es als Kinderbuch nicht empfehelen. Wenn überhaupt, dann nur ausgewählte Geschichten mit entsprechenden Erklärungen von Erwachsenen. Und wenn eure Kinder es schon daheim oder bald unter der Tanne liegen haben, erklärt ihnen, dass es aus einer anderen Zeit stammt, in der mit Kindern anders umgegangen wurde, und warum.

In diesem Sinne - Frohe Feiertage euch allen!

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zeit im blick

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Iris123

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Don Quijote

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