Sexuelle Selbstbestimmung oder die Freiheit, JA zu sagen

Immer wieder wenden sich Jugendliche im sexualmündigen(!) Alter und sogar junge Erwachsene hilfesuchend an die Internetcommunity, weil ihre Eltern ihnen eine Partnerschaft oder den damit oft verbundenen Sex verbieten, ohne daß eine Kindeswohlgefährdung vorliegt.

Die Verbotsgründe sind vielfältig

Manche Eltern können nicht begreifen, daß ihr vor Kurzem noch so niedlicher Nachwuchs, flügge wird.

Andere sind nationalistisch, rassistisch oder klassistisch eingestellt und erwarten, daß ihr Kind sich nicht mit Menschen anderer Nationalität, Ethnie oder sozialer Schicht einlässt.

Einige Eltern begründen ihre Verbote religiös, da ihre Kinder z.B. Muslime, Zeugen Jehovas oder Jesiden seien, ohne dass die jungen Menschen sich diese Religion aktiv ausgesucht haben.

Während Gruppenbezogene Verbote die eine Seite der Medallie sind, steht auf der anderen Seite oft die Nötigung zur Wahl eines bestimmten Partners, das kann von einer "sanften" psyschischen Manipulation über den drohenden Ausschluss aus Familie und Gemeinschaft bis hin zur Zwangsehe reichen.

Solchen Eltern geht es nicht darum, die Sexuelle Entwicklung ihrer Kinder zu begleiten, sie wollen darüber bis ins Erwachsenenalter hinein bestimmen.

Das Recht, NEIN zu sagen

Im Strafrecht Deuschlands und Österreichs werden die Abschnitte zur sexuellen Selbstbestimmung ausschließlich als ein negatives Recht auf Unterlassung bestimmter sexueller Handlungen definiert.

Im Kern wird damit das völlig legitime Recht, NEIN zu sagen, definiert und die Anerkennung eines JA bei Personen eingeschränkt, die nicht einwilligungsfähig sind oder sich in einer Zwangslage befinden. So weit, so gut!

Gewachsen sind diese Paragraphen allerdings aus einer gesellschaftlichen Situation, in der es noch einen Kuppeleipararaphen gab und die Gesellschaft es als ganz selbstverständlich erachtete, unverheirateten Menschen ihr JA zum Sex zu versagen und ihnen in vielen Fällen ein NEIN zu diktieren.

Im Recht, aber hilflos

Nun sollte die Keule des Strafrechts nicht auf jeden Eltern-Kind-Konflikt angewendet werden, jedoch fehlt jungen Menschen oft ein effektives Instrument, sich gegen gezielte Störungen ihres Rechtes auf sexuelle Selbstbestimmung zu wehren.

Die Folgen unterdrückter Sexualität von Depressionen über gewalttäiges Verhalten, unkontrollierte Triebbefriedigung bis hin zum Suizid sollten allgemein bekannt sein.

Die Jugendzeitschrift BRAVO, als Beispiel, bietet als Lösungsvorschläge lediglich an, mit den Eltern zu verhandeln oder sie zu hintergehen.

Falls Eltern nicht mit sich reden lassen und ihr Hausrecht oder Aufenthaltsbestimmungsrecht dazu missbrauchen, die Sexualität ihres Nachwuchses aus den falschen Gründen zu torpedieren, sind junge Menschen oft machtlos. Durchsetzen können Eltern ihre Rechte unmittelbar, die Beweislast, wenn es missbräuchlich war, liegt bei den Jugendlichen.

Ein Recht, JA zu sagen

Um das sexuelle Selbstbestimmunsrecht junger Menschen zu gewährleisten, braucht es mehr als ein paar Gesetzesänderungen.

Es braucht einen allgemeinen, gesellschaftlichen Konsens, jungen Menschen auch gegen den erklärten Willen ihrer Eltern den aufgeklärten und verantwortungsvollen Umgang mit Sex zu ermöglichen.

Es braucht einen Konsens, daß nicht nur eine Zwangsehe ein Verbrechen ist, sondern auch die Ausübung von Zwang, eine altergerechte Partnerschaft nicht eingehen zu dürfen.

Es braucht sichere (Frei)Räume für Sexualität, die Jugendlichen im sexualmündigen Alter zur Verfügung stehen, ohne daß diese dafür einen Regelverstoß (Stichwort: Geschlechtertrennung beim Zeltlager) begehen müssen, der es ihnen erschwert, sich bei einem Übergriff Hilfe von einem Erwachsenen zu holen.

Es braucht ein Bewusstsein für die Bedeutung von Religionsfreiheit, also daß Eltern ihre mehr oder weniger freiwillig gelebten religiösen Regeln auf keinen Fall ihren Kindern aufnötigen dürfen.

Strafrechtliche Anachronismen gehören auf den Prüfstand: Wenn eine 15-Jährige in Deutschland ihrer gleichaltrigen Freundin und deren Freund ihr Jugendzimmer zum Petting zur Verfügung stellt, mag das sozialadäquat sein, zur Sexualstraftäterin wird sie derzeit nach §180 StGB trotzdem.

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