Sterben auf der Corona-Station

Corona positiv nach wenigen Tagen Aufenthalt im Krankenhaus

Am 30. Dezember 2020 stürzte mein Mann im Wohnzimmer und zog sich den gefürchteten Oberschenkelhalsbruch zu. Er litt unter Parkinson (neben anderen Krankheiten) und Stürze lagen beinahe an der Tagesordnung. Dieses Mal konnte er auch mit Hilfe nicht mehr auf, aber die Rettung zu holen lehnte er absolut ab. Mein Sohn half mir, ihn auf die Couch zu bringen. Auf die Frage, ob er Schmerzen hat, hieß es nur:"Ein bisserl." Sein Gesicht sagte mir, dass das nicht stimmt, aber ich dachte, wir warten die Nacht ab. Diese zog sich bis 4.00 Uhr Morgens hin. Mein Mann bat mich, ihm Weihnachtslieder vorzusingen, was ich auch tat und er redete in dieser Nacht mehr, als er in einem ganzen Jahr redete. Dazwischen fragte ich immer wieder, ob er Schmerzen hat, doch die Antwort hieß immer nur ein bisserl. Als er von unseren Italienurlaube zu erzählen anfing, wurde mir schmerzlich bewusst, dass diese Nacht die letzte sein wird. Instinktiv bedankte ich mich für seine Liebe und für die fast 35 Jahre, die wir zusammen mit allen Höhen und Tiefs verbringen durften. Gegen 4.00 Uhr morgens bat er mich um ein Schmerzmittel, das allererste in unserer gemeinsamen Zeit. Irgendwann schliefen wir ein, aber als er wach wurde, wollte er von sich aus ins Krankenhaus. Ich rief die Rettung, die auch bald nach dem Anruf eintraf und ihn mitnahm. Erst als ich am späten Nachmittag anrief, erfuhr ich von der stationären Aufnahme und dass er operiert wird.

Die Operation hat er gut überstanden und er sollte in eine Rehaklinik kommen. Man gab mir die Telefonnummer der Reha, wo ich am nächsten Tag am späteren Nachmittag anrufen sollte. Ich schöpfte Hoffnung und rief dort am Nachmittag an. Dort teilte man mir mit, dass dieser Aufenthalt storniert wurde, da der Coronatest positiv war und er jetzt im Krankenhaus auf der Coronastation liegt, isoliert in einem Einzelzimmer.

Man bat mich auch, nicht anzurufen, da sie so viel zu tun hätten. Ich bat eine Nachbarin, die im Krankenhaus arbeitet, wenn auch nicht auf dieser Station, nach ihm zu schauen. Das tat sie auch, fragte ihn, ob er etwas brauche, doch mein Mann verneinte. Er bat nur darum, mir liebe Grüße auszurichten.

Es waren die letzten Grüße.

Nach insgesamt zehn Tagen Aufenthalt im Krankenhaus starb er, ohne dass wir uns noch einmal sehen durften. Es herrscht absolutes Besuchsverbot. 35 gemeinsame Jahre und dann musste er so einsam diese Welt verlassen. Der Coronatest ergab ein Ergebnis von 0,35. Was immer auch diese Zahl aussagt, dass ein Mensch so einsam diese Welt verlassen muss, belastet mich extrem. Ich gebe nicht dem Krankenhauspersonal die Schuld. Die müssen sich an die Vorgaben halten. Ich bin der Meinung, die Politik hat dafür kein Konzept bzw. keine Lösung erstellt und auch kein Interesse daran. Was das aber mit den Patienten und seinen Hinterbliebenen macht, ist so ein enormer Eingriff in das eigene Leben, das zum Verlust des geliebten Menschen zusätzlich zu bewältigen gilt. Jeder Gefangene hat ein Recht auf einen Besuch.

Woran mein Mann tatsächlich gestorben ist, ist noch offen, denn einen Befund habe ich bis dato noch nicht erhalten. Auf der Sterbeurkunde steht keine Todesursache. Für meinen Mann war der Tod sicher eine Erlösung, aber dass er gehen musste, ohne dass wir uns in diesen zehn Tagen Aufenthalt sehen oder hören konnten, hängen mir und meinem Sohn extrem nach und lassen uns keinen Schlaf finden.

Ich finde, die Politik ist da gefordert und ganz ehrlich, ich hoffe, dass einer der dafür Verantwortlichen das auch einmal erleben darf. Nicht aus Rache,sondern um zu erfahren, wie sich das anfühlt und wie man als Angehörige damit leben muss. Vermutlich wird der Blog Tippfehler haben. Ich tippe diese Zeilen auf dem Handy und die Tränen fließen unaufhaltsam.

Myriams-Fotos/pixabay https://pixabay.com/photos/hands-open-candle-candlelight-1926414/

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