Montagnachmittag. Zeit, für Vorhang auf. Zwei Stunden auf den Brettern, die angeblich die Welt bedeuten. Zwei Stunden an einem anderen Ort, in einer anderen Zeit. Manchmal laut und lebhaft. Dann wieder ruhig. Konzentrieren, zuhören, spielen. Romeo und Julia? Noch nicht jetzt, aber am Weg dorthin.

Warming up, damit die Kids locker werden. Ganz locker und leicht. Spiele, bei denen keiner verliert, aber alle gewinnen. Ich will sie startklar, nicht zwingend für die Bühne, sondern viel mehr fürs Leben machen. Theaterspielen ist ein Rundumpaket. Die Mädchen und Jungen, letztere eher spärlich vertreten, profitieren von diesem Angebot nachhaltig. Freies Sprechen vor einem Publikum, Ängste überwinden und Selbstvertrauen tanken, sind nur ein Auszug dessen, was Theaterspielen leisten kann.

Große Augen und erwartungsvolle Blicke. Viele aus der Gruppe sind ganz neu dabei, haben kaum Erfahrung, dafür bringen sie jede Menge Motivation mit. Lebensfreude pur, wenn ich beobachten kann, wie die Kids mit Begeisterung bei den Aufwärmspielen dabei sind. Das muss sein. Mein Angebot ist ein Magnet für besonders lebhafte und aufgeweckte Kinder. Es gilt diese Energiebündel ein bisschen auszupowern, um dann in weiterer Konsequenz konzentriertes Arbeiten zu ermöglichen.

Hauptrollen? Nebenrollen? Wenig Text? Viel Text? Alles Nebensache. In erster Linie wird improvisiert, um den Kids zu zeigen, was in ihnen steckt. Ich gebe den Rahmen vor, der Rest liegt in der Fantasie und somit in den Händen der Kinder. Während sie ihre Ideen präsentieren, beginne ich die Gespräche mitzuschreiben. Mit dem Ziel, aus diesen Aufzeichnungen ein kleines Theaterstück zu konstruieren. Multitasking für Fortgeschrittene. Schreiben, zuhören und so ganz nebenbei noch auf ein bisschen Disziplin achten.

Am darauffolgenden Montag ist die Erarbeitung des Textes angesagt. Stolze Kids, weil ihre Ideen schwarz auf weiß zu lesen sind. Wunderbar. Sie lieben es. Wollen sofort mit dem Darstellen anfangen. Nach 65 Minuten, also 35 haben wir noch vor uns, gruppieren sich drei Mädchen um mich. Stupsen sich gegenseitig an und flüstern: „Sag du ihr es!“ „Nein, du!“ Ich überlege, was genau diese drei Mädchen beschäftigt. Drehe mich unauffällig um die eigene Achse. Okay, mein Rock sitzt. Ein Blick entlang der Schultern. Pullovernähte sind nicht von außen zu erkennen. Ein Griff auf den Kopf. Frisur passt. Irgendwie verunsichern mich die Hübschen. „Alsooo“, Kathi hat sich scheinbar ein Herz gefasst, „ich sage es ihr.“ „Frau Lodjn. Wir haben auch eine Idee.“ Eigene Einfälle? Ich bin ein Fan davon. Alles ist möglich. Vieles ist machbar. "Na?" „Können wir die Geissens spielen?“ Schnappatmung. „Ähh bitte was?“ Stimmt, ich wollte für alles offen sein. Um etwaige Verwechslungen auszuschließen, hake ich nach. „Die Geissens? Robert mit dem Zahnpasta- Lächeln und Carmen mit den Silikontitten?“ Schüchternes Gekicher, weil mir das Wort Titten über die Lippen kommt. „Nein, die nicht. Schon die Geissens.“ Gut, Carmen ohne Implantate. Irgendwie befinde ich mich immer noch in einer Art Schockstarre. Nicht Romeo und Julia, sondern Carmen und Robert. Ich bin nach wie vor für alles offen, signalisiere mein Einverständnis. Freudentänze und Jubelschreie folgen. Sanela fällt mir um die Hals und versichert mir, dass ich die beste Lehrerin ever wäre. Die Kids am Ziel ihrer Träume, wie es scheint.

Bedächtigen Schrittes bewege ich mich zur Straßenbahnstation. Was haben die Geissens? Was hat Shakespeare nicht? Klasse kann es nicht sein. Irgendwas eben, dem ich in Kürze auf den Grund gehen werde. Stimmt, ich wollte sie startklar fürs Leben machen, und da scheinen die Geissens dazuzugehören.

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Erkrath

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fischundfleisch

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