Maria Lodjn

16 Jahre war ich damals und unglaublich erwachsen. Mir machte niemand so schnell etwas vor. Die Weisheit hatte ich natürlich mit dem Löffel gegessen, wie alle Kids in diesem Alter.Eingehüllt in ein Palestinensertuch , umhüllt von einer Duftwolke aus Patchouli oder Sandelholz. Kleine, winzige Fläschchen waren das, kostbare Tropfen eines wunderbaren Konzentrats. „Kind, hast du in der Mottenkiste geschlafen?“, wollte meine Mutter wissen. Latzhose, Papas Pullover und Clarks. Sonntags hatte ich ab und zu das ausrangierte Smoking-Hemd, das ebenfalls meinem Vater gehörte, an. Viel Geld für Gewand habe nicht ausgegeben. Shoppen gehen war nicht in. Als Jacke, Sommer wie Winter einen Parka, aus dem Amishop irgendwo im 9. Bezirk. Im Sommer, indische Kleider, bestickt und wallend. Flowerpower für Arme.

Meine Welt war zu der Zeit noch halbwegs in Ordnung. Zu Cat Stevens und Leonard Cohen haben wir Bier und Wein getrunken, die ersten Zigaretten geraucht. Ein Päckchen beste Hobby um 12 Schilling. Cola-Rot, also Rotwein mit Cola, das Samstagsgetränk. Wir frequentieren Lokale, wo es meistens okay war, wenn wir stundenlang an einem Getränk nuckelten. Das Merkur im 8. Bezirk, später der Tunnel. Die Gärtnerinsel am Samstag, das Schwarze Kaffee im dritten Bezirk. Das Kleine Cafe und die Wunderbar. 100 Schilling Taschengeld in der Woche waren nicht die Welt. Auskommen musste ich trotzdem irgendwie. So cool, dass ich ein bisschen Geld schnorrte, war ich nie. Obwohl es ging damals relativ leicht. „Hätten sie einen Schilling zum Telefonieren. Ich hab mein Geld vergessen, muss meine Mama anrufen.“

Wir haben demonstriert, weil wir im Burggarten in der Wiese sitzen wollten. Weil wir keine Lust auf Atomstrom hatten. Weil uns die damalige Situation in Chile verdammt nahe gegangen war. Wir hatten einander geschworen, dass wir niemals so bescheuert wie die Erwachsenen werden würden. Wir würden ausschließlich coole Wohngemeinschaften gründen, mit lauter bunten, kleinen Kindern.

Sorgenfrei war ich trotzdem nicht. Wirklich gute Freunde tauchten mit einer Art Kopfsprung in der Drogenszene unter. Wir alle waren Grenzgänger zu dieser Zeit, aber manche wollten ihre Grenzen noch genauer kennenlernen. Eine Handvoll von ihnen hat diesen Wahnsinn nicht überlebt. Mein Glück, harte Drogen machten mir Angst. Ich selbst habe es dabei belassen die Schule hinzuschmeißen, auch keine kluge aber zumindest keine tödliche Entscheidung. Alternativen? Fehlanzeige. Einfach nicht mehr aufstehen müssen, nicht lernen und nur irgendwo cool abhängen. Die wahren Probleme der Welt besprechen und lösen.

Verdammt ich wollte irgendeine Revolution. Welche konnte ich nicht beantworten. Eine Zeitlang dachte ich, dass Anarchie die beste Lösung wäre. Malte mir den Buchstaben A und das Peacezeichen auf meine Jeans. Stimmt, Frieden wollte ich auch. Friedliche Anarchie und alle haben sich lieb.

Als die 80er Jahre immer näher rückten, bin ich langsam wieder am Boden der Realität aufgeschlagen. Habe meine Matura nachgemacht und zu studieren begonnen. Fühlte mich gar nicht mehr so erwachsen, wie einst mit 16. Eine Patchouli-Flasche am Bücherregal hat mich lange an jene Zeit erinnert, als ich so richtig cool war. Verwendet habe ich es nie wieder.

Danke an Michlmayer und die anderen, die mir eben geholfen haben, ein bisschen in die Zeiten meiner Jugend abzutauchen.

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Steve Bushman

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