Die Geburt meines Sohnes ist fast 29 Jahre her. Es war kein Waldspaziergang. Risikogeburt, 18 Stunden Wehen und 34 Grad Außentemperatur. Alles dokumentiert auf Facebook? Vielleicht ein Schnappschuss? Ob denn schon das Köpfchen zu sehen sei? Wie bitte? Ist jetzt der neueste Trend Geburten zu posten.

Wir sitzen am Tisch. Gerade hat der Kellner den letzten Salat serviert. Ein Farbenspiel, das meine Hungerrezeptoren im Körper, so es die gibt, Purzelbäume schlagen lässt. Kein Wunder, seit Stunden haben wir Istanbul durchwandert, haben uns vom Puls dieser wunderschönen Stadt treiben lassen. Leicht unterzuckert befreie ich Messer und Gabel von der Serviette. Ich habe Hunger, will essen. „Stopp!“ Erschrocken lasse ich die Gabel fallen. Ist Gift im Essen? Warten wir auf den Vorkoster? Steht der Weltuntergang bevor? Und wenn dem so sei, will ich mit vollem Bauch sterben. „Ich will das Essen fotografieren!“ Wir sind zu acht. Außer mir will das jeder. Ich habe immer noch Hunger und will immer noch essen. „Kannst du bitte deine Zigaretten aus dem Bild nehmen? Sieht nicht gut aus.“ „Ja, und den Aschenbecher.“ „Lehnst du dich bitte zurück? Außer du willst mit aufs Foto. Haha.“ Ich bin noch nicht einmal dazugekommen die Gabel aufzuheben. Gefühlte hundert Stunden später. Jeder hat sein Essen auf Facebook gestellt. „Also ich weiß nicht, meine Suppe ist kalt“, meckert eine der Fotografinnen, „ ich sollte mich beschweren.“

Ich wundere mich schon lange nicht mehr. Smartphone, soziale Netze und ein schier nicht endendes Mitteilungsbedürfnis an die Welt. Wie viele Hunde, Katzen, Kinder und Kieselsteine werden in exakt dieser Minute online gestellt? Genau, es ist Sommer. Die berühmten Füße am Strand kommen auch noch dazu. Mädchen, du kannst mir erzählen, was du willst, habe ich mir gestern beim Betrachten eines Bildes gedacht, aber du solltest etwas gegen deinen Nagelpilz unternehmen. Nein, Nagellack hilft da nicht. Pilz bleibt Pilz und der sieht genauso aus.

Am Stephansplatz ersucht mich eine wildfremde Frau, ich möge ein Foto von ihr machen. „Auf Selfies sehe ich immer so bescheuert aus.“ Kenne ich. Selfies von mir sind Mangelware. Von Neugier angetrieben versuche ich einen Blick auf das Smartphone zu ergattern. Rate mal wo ich bin, tippt sie gerade in nämliches.

Ich will gar nicht die Früher-war-alles-besser-Nummer anleiern. Stimmt sowieso nur begrenzt. Klar vor Smartphone und Co hatte ich Bilder im Kopf. Dokumentiert habe ich diese schriftlich oder gar nicht. Manchmal kommen diese Bilder wieder. Schöne und auch nicht so schöne. Ab und zu habe diese geteilt. Ja und zumeist wurden sie auch gelikt. Ich habe erzählt.

"Wissen sie, was das einzige ist  bei den neuen Sachen wie Facebook und so? Was mir wirklich unheimlich ist?", fragt mich die Dame, deren Konterfei ich eben mit der Kamera eingefangen habe. Ich habe keine Ahnung. "Dass man ja jederzeit überprüfen kann, wo wir gerade sind. Richtig gläsern sind wir geworden."

Nur Verrückte sind in der Stadt, poste ich auf Facebook und mache mich aus dem Staub.

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Veronika Fischer

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