Ein älterer Beitrag von mir, der aber hier verschwunden ist. Deshalb, auch weil es gut passt, lade ich diesen erneut hoch.

S. liest gerne. Wenn immer sich die Gelegenheit bietet, schnellt ihre Hand in die Höhe. Manchmal hält sie das Warten nicht aus. „Darf ich lesen“, ruft sie mir entgegen. Des einen Freud, des anderen Leid, fällt mir zu dieser alltäglichen Situation ein. Denn ihre Begeisterung erspart anderen das laute Vorlesen.

S. liest gerne. Dennoch, ist ihre Lesefähigkeit nicht sehr stark ausgeprägt. S dekodiert Texte, ab und zu klingt es sogar richtig flüssig. Auf genaueres Nachfragen, worum es in jenem Abschnitt gegangen ist, antwortet sie nur zögerlich.

S. liest gerne, immer noch.

„Lesefähigkeit bedeutet, geschriebene Texte zu verstehen, zu nutzen, über sie zu reflektieren und ich mit ihnen auseinanderzusetzen, um eigene Ziele zu erreichen, das eigene Wissen und Potenzial weiterzuentwickeln und am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen.“ (OECD, 2009a, S. 23; Übersetzung: BIFIE).

Mangelnde Lesekompetenz vornehmlich bei Kindern mit Migrationshintergrund, eine Art Never Ending Story. Es wird und wurde in letzten Jahren viel in Programme investiert, die eben diesen Mangel beheben sollen. Besonders in den Brennpunktschulen wird auf die vorhandene Mehrsprachigkeit eingegangen. Lehrer/innen, deren Erstsprache eine andere als Deutsch ist, leisten in ihrem Rahmen Großartiges. Der Erkenntnis, dass Kinder nur dann eine zweite Sprache lernen und anwenden können, wenn sie die Grundregeln ihrer Muttersprache erfasst haben, wird seit Jahren Rechnung getragen. Zumindest im Bereich der Volksschule und der Neuen Mittelschule.

Was diese Lehrer/innen aber nicht ändern können, ist die scheinbare unterschiedliche Wertigkeit von Sprachen. Englisch als Weltsprache verfügt über ein hohes Ansehen. Bei Französisch verhält es sich ähnlich. Deutsch, weil es die Sprache der autochthonen Bevölkerung ist, auch angesehen. Aber, die Muttersprachen unserer Schüler/innen, sind in der gedachten Tabelle der Wertigkeiten ganz unten zu finden.

Was also lernt ein Kind? Meine Muttersprache ist nicht erwünscht. Ich soll, ich darf mich nicht in meiner Muttersprache unterhalten. Eine Konsequenz daraus ist, dass Kinder ihre eigene Sprache als eine minderwertige erleben. Dieser Gedankengang führt aber nicht dazu, dass Deutsch schneller gelernt wird. Im Gegenteil, es entstehen Inseln der Sprachlosigkeit. Sprache an sich verliert an Bedeutung. Eine weitere Folge ist, dass es zu einer nahezu unüberbrückbaren Kluft innerhalb des Klassengefüges kommt.

Wer aber zur Sprache einen negativen Bezug hat, wird diese nicht gerne anwenden wollen, völlig egal welche. Der Niedergang jeglicher Kommunikation ist gerade in Familien mit niedrigem Bildungsniveau hinlänglich bekannt. Die Forderung, man möge mit den Kindern zuhause Deutsch reden, reitet den Karren noch tiefer in den Sumpf. Ähnlich sieht es mit der Forderung nach einer Kontrolle der Pausensprache aus. Unabhängig davon, dass mir noch keiner erklären konnte, wie das genau überprüft werden soll, werden unterschiedliche Sprachen gegeneinander ausgespielt.

Mehrsprachigkeit stellt kein Makel dar, sondern ein wichtiges Potenzial. Wir brauchen Lehrer/innen, die sich für die Sprachen der Kinder interessieren. Die simple Frage, wie denn der eigene Name korrekt ausgesprochen wird, lässt Kinder strahlen. Akzeptanz erfahren die Kinder eben auch dadurch, dass ihre Muttersprache als ebenbürtig zur Unterrichtssprache erlebt wird. Somit ist Sprache der einzige Schlüssel zu einer Steigerung der Lesekompetenz.

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Sailing-Tiki

Sailing-Tiki bewertete diesen Eintrag 01.11.2017 15:54:09

G. Szekatsch

G. Szekatsch bewertete diesen Eintrag 28.10.2017 23:12:45

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