Fast so lange der alte Mann lebte, hatte er Freunde. Menschen, die auf ihn und ihn achteten. Menschen, die ihm wohlwollend gegenüberstanden. Menschen, die ihn ins Herz geschlossen hatten. Ihn, den schrulligen Alten, der vermutlich beim Gehen deshalb so schwer atmete, weil er jedes Gramm Leben in sich einsaugte. Jeder Pflanze, jedem Baum zwinkerte er im Vorbeigehen zu. Barfuß ging er durch die taufrische Wiese, weil er den Boden, das Leben unter sich spüren wollte.

In seinen letzten Lebensjahren schien er sich daran gewöhnt zu haben, seine Freunde für immer zu verabschieden. Manch einer hatte den Eindruck, dass sein Rücken nach jedem Begräbnis eine Spur krummer wurde. Nie stand er in den ersten Reihen, wenn es darum ging, einen letzten Gruß auf den Sarg zu legen. Er war immer der letzte, dessen Blume auf dem Deckel des Sarges landete. Kurz hielt er vorm offenen Grab inne, murmelte ein paar Wörter und wischte sich mit dem Stofftaschentuch, das er am Vortag gebügelt hatte, die Tränen aus den Augenwinkeln. Dann richtete er sich auf und hastete mit schnellen Schritten denen nach, die sich auf den Weg zum Leichenschmaus gemacht hatten.

Einen Freund gab es immer noch. Die seltenen Treffen fanden in der Konditorei am Marktplatz statt. Die Nische, die am Ende des Lokals lag, wurde Wochen vorher reserviert. Immer mit dem Nachsatz, sollte eine der beiden sterben, möge das Personal dennoch die Reservierung beibehalten. Bei Zwetschkenfleck und Melange saßen sie dann einander gegenüber. Manchmal las der alte Mann dem Freund aus der Zeitung vor. Die Auswahl der Nachrichten, die den Freund erreichen sollten, traf er mit Bedacht. Es galt zu viel Aufregung zu vermeiden. Das alte Herz sollte geschont werden. Der eine oder andere Gast warf einen verstohlenen Blick in jene Ecke, in der die Herren saßen. Einmal fasste ein älterer Herr sich ein Herz und gesellte sich zu ihnen.

„Meine Herren? Darf ich sie fragen, wie alt sie sind?“

„Zusammen sind wir 204 Jahre alt.“

„Unglaublich!“, rief der wissbegierige Mann aus.

Das allerletzte Begräbnis fand nur mehr in sehr kleinem Rahmen statt. Drei Nachbarn, der Pfarrer und der alte Mann hatten sich vor dem Grab des Freundes eingefunden. Kinder hatte er keine, seine Frau war viele Jahre vor ihm gegangen. Den lebenden Verwandten war der Weg zu dem kleinen Friedhof zu beschwerlich gewesen. Wieder blieb der alte Mann alleine vor dem Grab zurück, länger als sonst. Es bestand kein Grund zur Eile mehr. Die Nachbarn waren nach Hause gegangen und der Pfarrer musste zu einer Taufe. Leichenschmaus gab es keinen. Diesmal warf der alte Mann keine Rose auf den Sarg, sondern sein Stofftaschentuch, das jahrelang ausschließlich auf Begräbnissen seine Tränen getrocknet hatte. Bevor er ging, vergewisserte er sich, dass die Grabkerze, Symbol für die Unsterblichkeit der Seele, brannte. Steckte am Weg nach draußen jedem Sargträger zehn Euro zu und schloss das Tor aus Schmiedeeisen ein letztes Mal hinter sich zu. Im Wirtshaus des Dorfes bestellte er zweimal Schulterscherzel, Spinat und Rösti. Auch zwei Gläser des trockenen Weißen durften nicht fehlen. Auf den leeren Platz stellte er eine Kerze. Seine Tränen wischte er sich diesmal in die teure, weiße Stoffserviette.

Vier Monate später starb auch der alte Mann. Auf seinem Nachttisch entdeckten die Verwandten eine Botschaft in der für den alten Mann typischen Schrift.

So wird es auch für mich Zeit zu gehen, denn ich habe keine Freunde mehr.

Diese Zeilen widme ich meinem Großvater, der im Juli 2007 seinem letzten Freund gefolgt ist.

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