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Drei Tage nach dem verheerenden Attentat in Paris startete das Schauspielhaus am Lehninerplatz ein Gastspiel in Paris. Allen Ängsten, aller Traurigkeit zum Trotz. Alle Vorstellungen waren ausverkauft, keine einzige Karte wurde zurückgeben. „Es war so wichtig, dass wir trotz der brutalen Vorkommnisse gefahren sind“, erzählte mir heute ein Mitglied des Ensembles. „Es wäre falsch gewesen, das Gastspiel abzusagen. Sich damit dem Diktat des Terrors zu beugen.“

Das Symphonie Orchester Teheran ist ein gemischtes Orchester. Frauen und Männer muszieren gemeinsam. Letztes Jahr im Dezember wurden sie eingeladen anlässlich der Eröffnung eines Stadions zu spielen. Der Veranstalter trat den Leiter des Orchesters, Ali Rahbani, heran. Er möge ausschließlich mit den männlichen Musikern auftreten. Frauen war bis dahin der Besuch eines Stadions untersagt. „Ich hab das nicht akzeptiert. Das ist ein Orchester mit Frauen. Es war meine Aufgabe in diesem Fall nein zu sagen“, sagte der iranische Dirigent, der seit Jahren in Österreich lebt. Musik oder die Einhaltung alter Strukturen? In diesem Fall hat die Kunst gesiegt. Frauen und Männer spielten gemeinsam bei der Eröffnung des Stadions.

Die Semperoper in Dresden fällt mir. Als im Dezember 2014 Anhänger/innen der Pegida vor dem geschichtsträchtigen Opernhaus einer ihrer zweifelhaften Kundgebungen abhielten, wurde kurzerhand die Außenbeleuchtung abgeschaltet.

Im Mittelpunkt der Sendereihe Am Schauplatz standen vor fast einer Woche zwei Künstler, die aus der Hölle des syrischen Bürgerkriegs geflohen waren. Ein Bühnen- und Kostümbildner und ein Tänzer. „Krieg und Kunst vertragen sich nicht. Du kannst keine Bilder malen, wenn neben dir die Bomben einschlagen“, erklärt der Bühnenbilder und hält den Entwurf eines Bühnenbildes in die Kamera. Ein Feststellung, die einleuchtet. Krieg bedeutet, jeden Tag ums Überleben kämpfen. Angst vorm Verhungern, vorm Verdursten und vorm Tod prägen den Alltag. Es sind elementaren Bedürfnisse, Essen, Trinken und ein Dach über dem Kopf haben, die es zu stillen gilt.

Wer den kleinsten gemeinsamen Nenner von Krieg und Kunst sucht, macht das vergeblich. Es gibt ihn nicht. Im Wesen totalitärer Regime liegt der Drang Kunst zu verbieten. So wie im Zweiten Weltkrieg, als die Staatskunst an der Oberfläche blieb, nur sie war erlaubt. Raum für kritische Kunst bot lediglich der Untergrund. Versteckte Theater, verbotene Malerei, verbrannte Bücher waren Zeugen dieser schrecklichen Zeit. Der Ausweg für viele war das Exil. Nur wenige schafften es, ihrer Kunst und somit ihrer Leidenschaft und ihrem Beruf im Exil nachzugehen. Oft waren die Werke geprägt vom den erlittenen Traumen der Auswanderung und der Flucht. Viele Kunstschaffende resignierten, andere kamen in den Konzentrationslagern ums Leben.

Wenn sich Kunst und Krieg nicht vertragen, dann wage ich hier den Umkehrschluss. Krieg verträgt keine Kunst. Kann Kunst somit Kriege verhindern? Die Mächtigen, noch bevor sie den Thron besteigen, entmachten?

Welchen Wert hat Kunst in unserer Gesellschaft? Ist Kunst wichtig oder vielleicht sogar unverzichtbar? Wie wird mit Künstlern umgegangen?

In Wien gibt es, abseits der großen Bühnen, Konzerthäuser und Galerien, eine Vielzahl an Kleinkunstbühnen, Ausstellungsräumen und Konzerthallen. Ihre Existenz verdanken diese unter anderem Subventionen aus öffentlicher Hand. Diese staatlichen Unterstützungen sind in den letzten Jahren massiv eingeschränkt worden. Für kleine Betriebe kann das ein endgültiges Aus bedeuten. Sterben aber diese Herbergen der Kunst aus, verlieren viele Künstler die Grundlage ihrer Existenz.

Warum können nicht genau diese Mikrokosmen der Kultur und Kunst erhalten bleiben? Warum bemühen sich Regierungen und deren Minister/innen nicht darum? Warum ist es nicht selbstverständlich so vielen Künstler/innen wie möglich dabei zu helfen, ihrer wahren Berufung nachzugehen?

Ist es nicht eher so, dass ein Land, das sich der Kunst und der Kultur und damit auch seinen Künstler/innen verschrieben hat, eine immense Kraft hat? Künstler/innen gehören ermutigt, gefördert und gestärkt. Es muss ihnen ermöglicht werden, ihre Kunst frei von Alltags- und Existenzsorgen ausüben zu können. Starke Künstler/innen sind gefragt, die das, was sie lieben nie hergeben würden. Die niemals resignieren würden. Die, in Kenntnis ihrer Macht, Neues und Großartiges erschaffen würden.

Warum erfährt Kunst gerade in totalitären Regimen massive Einschränkungen? Weil Kunst eine unglaubliche Macht besitzt, die von den Herrschenden gefürchtet wird. Weil sie keine berechenbare Größe ist. Weil sie bewegt und aufrührt. Weil die wunderbare Macht der Kunst Kriege verhindern könnte.

http://tvthek.orf.at/program/Weltjournal/1328

http://tvthek.orf.at/program/Am-Schauplatz/1239

http://www.sueddeutsche.de/politik/gegenveranstaltungen-semperoper-schaltet-pegida-das-licht-aus-1.2279428

Eine paar ergänzende Gedanken, die mir wie so oft nach dem Abschicken des Beitrags eingefallen sind

Wie sehr wir nach Kunst lechzen, beweisen ausverkaufte Konzerthallen, Kaberettprogramme und volle Theatersäle. Gerade in Zeiten, in denen alles ein bisschen aus dem Lot zu kommen scheint, tut uns diese Art der Ablenkung gut. Mike Supancic war es vor zehn Tagen, der mich zwei Stunden lang zum Lachen gebracht hat.

Update 2.0

Sonntag einen wunderbaren Nachmittag in der Arbertina verbracht. Die Russichen Avangarde Chagall bis Malewitsch. Eine großartige Ausstellung, Balsam für die Seele.

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