Freunde hat man! Mit viel Glück hat man sie ein Leben lang. Unabhängig davon wo sie gewohnt haben, wohnen und wohnen werden.

Es gab die Zeiten da waren es viele. Alle jünger, die meisten zumindest. Sie hat auch immer jünger ausgesehen. Ihr Alter war vielen ein Rätsel. Auch die Tatsache, dass sie acht Kindern das Leben geschenkt hatte, konnte ihrem Aussehen wenig anhaben. Als ein Kind starb, wurde sie grau. Sehr plötzlich. Trotzdem sie wirkte nie so alt , wie sie tatsächlich war. Grau machte sie nur attraktiver.

Krankheit. Ausgelöst durch die Krankheit immer wieder hinzukommende Verschlechterungen. Sie wurde langsam so alt, wie sie wirklich war. Zudem erlaubte es ihr Zustand sich zurückzuziehen. Wann immer sie wollte. Sie fühlte sich nicht gut, was verstanden wurde. Zu Beginn zumindest. Die Rückzüge wurden mehr, nahmen mehr Zeit in Anspruch. Aus dem Mittagsschlaf wurde eine Pause am Vormittag und eine Nachmittag. Irgendwann war sie zumindest an den Wochenenden nur mehr wenig außerhalb des Rückzugortes. Es wurde ihr vieles zu beschwerlich. Selbst Kochen, selbst die Wäsche aufhängen, alleine duschen und alleine anziehen. Dann kam der vermeintlich letzte Rückzug. Doch aus irgendeinem Grund, vielleicht aus Angst gar nicht mehr da sein zu können, wurde es doch nicht der allerletzte Rückzug.

Freunde? Kaum mehr. Nicht nur sie wurde älter, auch die Freunde mussten sich dem Diktat des Älterwerdens unterwerfen. Sie wurde anstrengend. Eine Auseinandersetzung mit ihr kostete Kraft. Ihre Gebrechlichkeit forderte jeden gnadenlos zum Nachdenken auf. Nichts, dem man sich entziehen konnte. Eine Stunde bei ihr am Bett reichte um selbst in Panik und Ungewissheit zu verfallen. Wie würde es mit mir aussehen? So oder anders? Was könnte mir passieren? Man beruhigte sich. Nein, so würde man sicher nicht enden. Oder vielleicht doch? Freunde gingen. Eigene Probleme? Davon hatte jeder genug. Sie wäre ohnehin selbst schuld. Ja die letzten Jahre, da hing sie durch. Hatte sich aufgegeben. Sie würde das ohnehin nicht verstehen. Schade um die eigene Zeit. So viele Jahre hat man selbst auch nicht mehr. Sie möge anrufen, wenn sie etwas bräuchte.

Eine gab es noch. Vor vielen, vielen Jahren war sie aus der gemeinsamen Stadt fortgegangen. Weit weg. Richtig weit weg. Keine Distanz, die man so mit dem Auto schnell zurücklegte. Doch mit dem Flugzeug, da wäre das kein Problem. Gehörte natürlich organisiert, denn das Leben fernab der alten Heimat, würde auch nicht stehenbleiben. Aber alles sei machbar.

„Du hast am Telefon so traurig geklungen!“ Das war der Grund für die Reise und den Besuch. 2314.874 km fliegt sie, weil hier jemand traurig geklungen hat. Dann ist sie da. Man müsse sie wegen ihr keine Umstände machen. Sie sei in erster Linie wegen ihr da. Sie würde sich nach ihr richten. Kein leeres Gerede, sondern aufrichtige Worte. Sitzt im Wohnzimmer redet, lacht und erzählt. Erzählt, wie viel sie damals von ihr gelernt hatte. Erzählt, dass sie niemals mehr einen Menschen, wie sie kennengelernt hat. Erzählt, wie viel sie ihr verdankt. Lässt sie stolz sein. Erfüllt sie mit Wärme und Zuversicht. Nicht die eigene Angst, sondern die Angst der Anderen wird in Worte gefasst. Wahrgenommen und gespürt. Nach Monaten der Einsamkeit, wird Hoffnung wieder zu einer berechenbaren Größe. „Du kannst dich noch erinnern?“ Oh ja, das konnte sie und das kann sie. Nicht alt und mühsam stehen im Mittelpunkt, sondern Wertschätzung und Freundschaft.

Sie wusste, würde sie irgendwann gehen, dass es eine gibt. Eine Freundin. Eine, die damals gekommen war, weil sie so traurig geklungen hatte.

4
Ich mag doch keine Fische vergeben
Meine Bewertung zurückziehen
Du hast None Fische vergeben
6 von 6 Fischen

bewertete diesen Eintrag

Spinnchen

Spinnchen bewertete diesen Eintrag 14.12.2015 23:17:13

irmi

irmi bewertete diesen Eintrag 14.12.2015 23:17:13

Darpan

Darpan bewertete diesen Eintrag 14.12.2015 23:17:13

fischundfleisch

fischundfleisch bewertete diesen Eintrag 14.12.2015 23:17:13

1 Kommentare

Mehr von Maria Lodjn