„Wenn du willst“, ein Straßenhändler sprach ihn an, „kannst du alles auch viel billiger haben.“ Noch einmal öffnete er seinen weiten Mantel, gewährte einen Einblick in sein Warenlager, das er immer mit sich trug. „Ich kaufe nichts! Und“, Entschlossenheit kennzeichnete seine Gesichtszüge, „ich werde auch nichts kaufen.“ Zum Erstaunen des Händlers gab er diesem einen Geldschein in die Hand. Nichts war eben auch nicht umsonst.

„Ich werde“, viele Worte hatte er dafür nicht, „mich auf eine Reise begeben.“ Packte seinen kleinen Koffer, warf die Türe ins Schloss und ging. „Geh nur“, rief sie ihm nach. „Aber komm wieder!“ Worte, die er nicht mehr hören konnte, die er nie zuvor gehört hatte. Die sie nie auszusprechen gewagt hatte.

An diesem Ort hielt sie nichts mehr. Sie nahm ihre alte Reisetasche und stopfte alle Erinnerungen des letzten Jahres hinein. Diese zog sie jetzt neben sich her. Kopfsteinpflaster und der Wunsch, dass diese Andenken nicht durcheinander geraten würden. Als sie in ihrer Wohnung angekommen war, verstaute sie die Tasche in der Abstellkammer. „Bewahre dir, was es zu bewahren gilt“, befahl sie sich.

In dem Zimmer, das für die nächsten Wochen sein Zuhause sein sollte, angekommen, zog er einen wackligen Plastikstuhl zum Fenster. Setzte sich hin. Die Reise hatte längst begonnen. „Manchmal muss man Abschied nehmen, Endgültiges zulassen“, erklärte er einer Schar von Fruchtfliegen, die sich um einen angebissenen Apfel versammelt hatten. Er holte mit der linken Hand aus, schlug einmal auf den Tisch. Ein paar der Insekten überlebten den Angriff, setzten erneut ihren eigenartigen Tanz um den Apfel fort.

Sie fand eine Flasche Rotwein. Zweigelt Jahrgang 2012. 2012?  Da war er, der eben gegangen war, noch ein Unbekannter für sie. Vielleicht würde der Wein sie zurück in dieses Jahr tragen, in eine Welt ohne ihn. Mit dem Ärmel ihrer Jacke staubte sie die Flasche ab, öffnete sie und machte einen tiefen Schluck. Trug den Wein, ein Glas und die Tasche ins Wohnzimmer. Erinnerungen verstaut man nicht, war sie sich plötzlich sicher. Ein schriller Ton durchbrach die Stille.

Ein paar Fruchtfliegen lasse ich am Leben, tippte er in sein Handy. Legte es zur Seite, dachte kurz nach und drehte es ab. Mehr konnte er nicht schreiben, auch wenn er tausend Sätze, nur gebaut für sie, in sich barg. Ein anderer Mann würde in ihr Leben treten. Einer, der besser für sie wäre. Nicht einer der, so wie er, gefangen in einer Endlosschleife, die Fähigkeit zu lieben verloren hatte.

Eine Nachricht von ihm, ein Lebenszeichen. Was aber, wenn es das letzte sein sollte? Trotz kam in ihr hoch. Behutsam öffnete sie die Tasche. In einer der unzähligen Schubladen lag eine Häkelnadel Stärke 5. Einfache Luftmaschen sollten kein Kunststück sein. Erinnerung um Erinnerung fügte sie aneinander. Draußen dämmerte es. Sie öffnete das Fenster, band die zarte Kette aus Luftmaschen am Fensterrahmen fest, stellte sich aufs Fensterbrett, warf das Ende der Schnur zum Kirchturm. Bedacht setzte sie einen Fuß vor den anderen, eingehüllt in die Gewissheit diesen Balanceakt zu bewältigen.

Das Fenster zu seinem Zimmer war nur angelehnt. Es fühlte sich gut an den Boden unter den Füßen zu spüren. Er schlief noch. Als sie sich neben ihn legte, wachte er auf. „Es ist an der Zeit, dass ich lerne, dich zu lieben“, flüsterte er. Nahm sie in den Arm, zog sie an sich und bedeckte sie mit einem Meer aus Tränen.

2
Ich mag doch keine Fische vergeben
Meine Bewertung zurückziehen
Du hast None Fische vergeben
6 von 6 Fischen

bewertete diesen Eintrag

Silvia Jelincic

Silvia Jelincic bewertete diesen Eintrag 14.12.2015 23:17:16

fischundfleisch

fischundfleisch bewertete diesen Eintrag 14.12.2015 23:17:16

4 Kommentare

Mehr von Maria Lodjn