Bei Sonntagen war sich Marlene nie sicher. Einfach zu viel Zeit, die es tot zu schlagen galt. Mindestens 16 Stunden zur freien Verfügung. Planlos in den Tag hineinleben. Abwarten für den Fall, dass sich etwas ergeben sollte. Wissentlich, dass es nicht so sein würde. Marlene hatte es verabsäumt sich beizeiten um einen Partner umzusehen. Ob es nur an ihr lag? Nicht ausschließlich, schon klar. Aber hauptsächlich war es ihr Fehler. Sie war zu anspruchsvoll, zu wählerisch und zu wenigen Kompromissen bereit. Meine Ansprüche, seufzte sie. Wusste aber gleichzeitig nicht, was sie daran ändern hätte können.

Die Männer, mit denen sie ein bisschen Zeit verbracht hatte,  die sie wirklich mochte, kamen ihr auf abenteuerliche Weise abhanden. Von Trennung konnte keine Rede sein. Bei Beziehungen, die eindeutig nicht als solche definiert werden, gibt es kein Ende, wohl aber einen Anfang. Keine Verpflichtungen für beide Seiten, war der Beginn. Klang gut. Treffen nur dann, wenn es wirklich für beide in Ordnung war. Fühlte sich gut an. Wunderschöne Abende, bei Kerzenschein, endlosen Gesprächen bis spät in die Nacht hinein. Klar, natürlich auch Zärtlichkeiten. Trotzdem, nie ging es ausschließlich um Sex. Dann wochenlang keine Nachrichten. Keine Katastrophe, war ja nicht verlangt. Als Marlene ihn Arm in Arm mit einer Frau sah, drehte sie sich um, wählte einen anderen Weg. Alles kein Problem.

Nur mehr 15 Stunden. Hinaus, kalte klirrende Winterluft atmen. Wohin? Der Weihnachtsmarkt im Park. Weihnachten? Silvester? Jedes Jahr die gleiche Angst. Was, wenn sie alleine sein würde? Ganz alleine? Eine Handvoll Freunde waren ihr geblieben. Alle eingebettet in Beziehungen. Es war schon verdammt schwierig ein Wochenende zu finden, an dem sie Zeit hatten. Silvester? Vermutlich würde es heuer wirklich so weit sein. Schlafen gehen, keine Tränen.

Nur mehr 14 Stunden. Noch eine Runde durch den Park. Es geht mir gut. Dach über dem Kopf, genug Geld, Arbeit. Marlene blieb kurz stehen, warf einen Blick auf den Spielplatz. Lange ist es her und schon damals war sie alleine, ohne Partner. 26 Jahre oder mehr. Die Entscheidung ob sie nun ein Kind bekäme oder nicht fällte sie. Sie hatte sich für ihre Tochter entschieden.

Nur mehr 13 Stunden. Kaffee, Zigaretten, Aschenbecher und Laptop. Wo waren sie die Freunde? Marlene suchte nach Namen, fand Antworten. Alle schienen glücklich zu sein. Ob sie sie vermissten? Wohl kaum. Wer fehlt mir? Wen würde ich anschreiben? Sie schüttelte den Kopf.  Nein, die ganz bestimmt nicht. Andere auch nicht. Niemanden. Wozu auch? Verflucht? Wütend warf Marlene die Maus gegen den Bildschirm. Verdrehte, verrückte Welt.

Nur mehr 11 Stunden. Advent, Advent ein Lichtlein brennt. Sie überlegte, ob sie die erste Kerze des Adventkranzes anzünden sollte, oder später. Schließlich war es noch nicht finster, die Sonne schien zum Fenster hinein. Wahnsinn, dachte Marlene, als sie gestern 75 Euro für einen Adventkranz bezahlt hatte. Keine Minute hatte sie über den Preis nachgedacht. Warum auch? Zum Glück bin ich alleine, muss mich nicht rechtfertigen. Ihre Tochter würde die Augen verdrehen, weil sie ihr ein ähnliches Exemplar gekauft hatte.

Nur mehr 10 Stunden. Merle war kurz dagewesen, auf eine Zigarette und ein Glas Rotwein. Sie würde morgen beruflich nach London fliegen, hätte wenig Zeit. Nächste Woche wäre es dann besser. Weihnachten? Mama, alles noch so weit weg. Wir regeln das spontan. Meine jüngere Ausgabe, dachte Marlene, und erschrak.

Nur mehr 9 Stunden. Gab es etwas, dass sie vorbereiten sollte für morgen? Lustlos blätterte Marlene ihre Unterlagen durch. Machte sich Notizen. Dachte über die beiden Praktikanten nach, die morgen kommen sollten. Beide hatten einen guten Eindruck hinterlassen. Sie hatte klargestellt, dass in der Zeit des Praktikums, der Verlag oberste Priorität haben müsse. Ein zwölfstunden Arbeitstag? Kann passieren, antwortete Marlene. Aus 400 Bewerbern hatte sie diese zwei gewählt.

Nur mehr 8 Stunden. Die Hälfte des Tages war geschafft. Sie könnte in  die Firma fahren. Warum nicht. Warum schon? Vor Wochen hatte sie sich ein Malbuch und 60 Buntstifte gekauft. Es dämmerte. Marlene zündete die erste Kerze an. Sortierte die Stifte nach Farben, akribisch. Geil, entfuhr es ihr. Zauber der Kindheit. So viele Farben.

Nur mehr 6 Stunden. Marlene stand auf. Sie fühlte sich, wie eingerostet. Zwei Stunden hatte sie gemalt. Ein möglicher Titel eines neuen Kinderbuchs war ihr eingefallen. Würde sie es dieses Mal zu Ende bringen? Ich habe nur dann Zeit, wenn ich das auch will. Noch wusste sie nicht, ob sie es wollte.

Nur mehr 5 Stunden. Zurück zum Laptop. Sie haben ein Problem. Eines? Der Laptop streikte. Woher kam plötzlich die Wut? Merry Christmas, keine Lust auf dich, zumindest dieses Jahr. Machen wir spontan. Das Problem würde die nicht vorhandene Flexibilität des Christbaumverkäufers sein. Einen Baum kaufen? Sicher nicht. Wollen sie einen Neustart? 30 Jahre zurückdrehen? Könnte sich ausgehen.

Nur mehr 4 Stunden. Ein kurzer Anruf. Bist du verkühlt? Marlenes Stimme klang belegt. Wen wunderte es. Außer einem einseitigem Wortwechsel mit der Katze, die wie in Trance ununterbrochen um ihre Beine schlich. Verflucht, nein. Wer spricht denn mit mir?

Nur mehr 3 Stunden. Nach der Wut die Tränen. Auf euch habe ich gewartet. 13 Stunden habe ich ohne euch geschafft. Mit der linken Hand wischte sie sich die Tränen aus dem Gesicht, dann mit dem Pulloverärmel. Wohin mit dieser Traurigkeit? Marlene hatte keine Antwort. Sie konnte nicht einmal behaupten, dass sie einsam wäre. Morgen, würde sie sich nach der Ruhe am Sonntag zurücksehnen.

Nur mehr 2 Stunden. Der Marillenschnaps, ein Geburtstagsgeschenk, rückte das Problem in eine erträgliche Distanz. Würde alles nicht schlimm werden. Ein Weihnachtsbaum konnte keine Fehlinvestition sein. Wen würde sie einladen? Zu Weihnachten gab es immer einsame Seelen, sogar in ihrem Freundeskreis.

Nur mehr eine Stunde, eine einzige. Die allerletzte des Sonntags. Das Handy läutete. Marlene warf einen Blick auf das Display. Er? Noch ein Blick. Sie dachte nach. Wann hatte er sich das letzte Mal gemeldet? Wieso dieser Zeitpunkt. Sonntag, kurz bevor sie ins Bett gehen wollte. Zu spät. Sollte sie zurückrufen? Er könnte sich doch denken, dass sie bald ins Bett gehen würde. Eine Nachricht. Egal. Keine Lust mehr. Morgen ist Montag.

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Hansjuergen Gaugl

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