Der Kuckuck und der Esel, die hatten einen Streit. Der letzte Streit war Monate her. Heute war alles anders. Bleich, nur mit T-Shirt und Boxershort bekleidet, saß Gabriel in der Küche. Alles anders. Er wollte durchhalten. Leise summte er das Kinderlied zu Ende. So leise, dass es der Vater nicht hören konnte. Er begann wieder. Der Kuckuck und der Esel, die hatten einen Streit. Noch einmal. Wie lange noch? Einmal noch. Sing noch einmal, befahl er sich in Gedanken. Es ging nicht mehr. Adieu Tristesse! Er stand auf. „Höre mir einmal zu!“ Gabriel spürte, wie die Hand seines Vaters ihn wieder in den Stuhl drückte. Zweimal singe ich noch. Ließ die Worte über sich ergehen. Harrte aus. Versuchte aufzunehmen und schwieg. Streit, Schweigen und Gehen. Als er das zweite Mal Anstalten machte aufzustehen, hielt ihn der Vater nicht mehr zurück.

Die Monate, die er in dem verdunkelten Zimmer verbracht hatte, die Tage und Stunden, sollten heute ein Ende haben. Tage und Nächte hatte er, nahezu ohne Tageslicht, vor dem Computer verbracht. Er war als Kämpfer in World of Warcraft unterwegs. Er hatte sich die aller ersten Level als Einzelgänger versucht. Musste erkennen, dass er in der virtuellen Welt auch nicht alleine sein konnte. Tagsüber schlafen, nachts kämpfen. Kämpfen in fremden Welten. Die eine fremde Welt, die reale, konnte er so gut es ging von sich fern halten. Nur keinem Menschen begegnen. Essen, wenn alle schlafen. Duschen, wenn alle schlafen. Atmen nur im eigenen Zimmer. Schlafen gehen, wenn die ersten Schritte im Haus zu hören waren. Manchmal, an ganz wenigen Tagen eine Herausforderung. Wenn der Duft des Frühstücks durch den Spalt der Zimmertüre gekrochen war, da hätte er fast seine Insel verlassen. Sein kleines Elba im Stich gelassen für Kaffee, Ei und Semmel.

Er war als Jonny4 in der Welt von Youporn, X-Hamster und anderer Erotik-Portale unterwegs. Onanierte stundenlang, bis er Ruhe und Befriedigung fand. Auf der Suche nach Dingen, die ihm Lust bereiteten, um die Lebensunlust nicht spüren zu müssen. Suchte Halt und Bestätigung in Erotik-Foren. Für zwei Stunden war ihm die Normalität seines Verhaltens schlüssig. Stunden nach dem letzten Orgasmus schämte er sich. Nein, es ging nicht um den Akt der Selbstbefriedigung. Die Generation, der Gabriel angehörte, hatte Selbstbefriedigung als einen normalen Teil der Sexualität längst akzeptiert. Es waren auch nicht die Porno-Streifen, die er in Frage stellte. Viel mehr machte ihm der Inhalt der Filme zu schaffen. Er, der Gewalt verabscheute, kam erst dann zum Orgasmus, wenn es richtig brutal wurde. Und auch hier musste er erkennen, dass die virtuelle Welt nicht für Einzelkämpfer gemacht wurde. Er war angewiesen auf die Bestätigung derer, die ihm das Zeugnis der Normalität ausstellten.

In all den Monaten hatte seine Mutter immer wieder versucht, sein kleines Elba zu erstürmen. Was ist mit deinem Studium? Was ist mit deinen Plänen? Was wirst du morgen tun? Was in einem Monat? Gabriel schwieg. Meistens. Als die Mutter ihm den Computer entziehen wollte, verbarrikadierte er sich im Zimmer. Schob den Kasten, das Bett und den Schreibtisch vor die Zimmertüre. Trat mit dem linken Fuß solange auf die Kastentüre ein, bis die Holzsplitter flogen. Erschöpft fiel er ins Bett. Wann seine Mutter aufgeben hatte, konnte er nicht sagen. Er war eingeschlafen. Der Vater wollte die Stromzufuhr unterbrechen. Wollte Gabriel erpressen. Elba war seine Insel. Kein Strom auf Elba hätte auch keinen Strom für das Schlafzimmer der Eltern bedeutet.

Zornig schob Gabriel die Vorhänge zur Seite. Schützend hielt er die rechte Hand vor die Augen. So viel Sonne. Zu viel Sonne? Nein. Sehr viel Sonne würde es nicht mehr geben. Ende September. Herbst. Zeit des Abschieds. Auch Gabriel hatte sich vorgenommen Abschied zu nehmen. In welcher Form? Das wollte er sich noch offen halten. Ein bisschen Leben kann man nicht, das war Gabriel in den letzten Wochen klar geworden. Ja zum Leben? Nein zum Leben? Dazwischen gibt es nichts. Tot ist tot. Lebendig ist lebendig. Mehr tot als lebendig mag ein Zwischenstadium sein. Trotzdem ein Mensch, der mehr tot als lebendig ist, atmet. Somit lebt er.

Das Glück ist ein Vogerl. Ob das auf den Kuckuck auch zutrifft? Wenn einer in einem fremden Nest sitzt, ob das mit Glück zu tun hat? Wäre es nicht viel mehr ein Anlass zur Freude, dass eben dieser Vogel nicht mehr zurückkehrt? Hatte er nicht schon genug Unheil angerichtet? Der Kuckuck.

Gabriel öffnete das Fenster des Zimmers. Erst jetzt entdeckte er die zarten Staubfäden, die einem Spinnennetz gleich, sich über den Fensterstock ausgebreitet hatten. Er zog den Schreibtisch zum Fenster. Mit einem Lineal entfernte er die Staubfäden der letzten Monate. Suchte in seinem Kasten nach Gewand, das nicht schwarz war. Die Zeit der Trauer war vorbei. Nichts Schwarzes mehr auf seinem Körper. Mit Ausnahme seiner Haare. Die waren schwarz. Er mochte sie. Fuhr sich durch die Locken. Massierte die Kopfhaut und versuchte jeder Locke, die größtmögliche Aufmerksamkeit zu schenken.

Im Badezimmer wagte er, erstmals bei Tageslicht, einen Blick in den Spiegel. Nichts Schwarzes mehr an seinem Körper. Er nahm sich vor die letzten Sonnenstrahlen zu nützen. Ja, er wollte Farbe in seinem Gesicht haben. Und sollte er dennoch gehen, dann nicht bleich. Dann ohne dunkle Augenringe. Er wollte die Welt strahlend verlassen. Braungebrannt.

Er kehrte in die Küche zurück. Der Vater war längst nicht mehr da. Die Mutter saß im Wohnzimmer. Gabriel ließ sich neben sie auf das Sofa fallen. Sie erschrak. Rückte ohne Nachzudenken von ihrem Sohn ab. Hatte Angst. Angst vor ihrem Kind. Warf einen Blick auf seine Hände. Nein, Messer hatte er keines bei sich. Sie fürchtete ihren eigenen Sohn. Gabriel bemerkte die Distanz. Verurteilte sie nicht.

„Ich gehe“, erklärte er der Mutter. Diese warf ihm einen angsterfüllten Blick zu. Sie verstand ihn nicht, gar nicht. Vielmehr hatte sie das Gefühl, dass die Wochen im abgedunkelten Raum nur die Spitze des Eisbergs waren.

„Wann kommst du wieder?“, wollte sie wissen. Gabriel dachte kurz nach. „Hast du Geld für mich?“

„Wofür?“ Instinktiv zog sie den Kopf ein. Rechnete mit einem Wutausbruch. Einem Messer zwischen ihren Rippen. Einer Faust im Gesicht. Ihr fiel der Mann ein, der seiner Mutter vor vielen Jahren den Kopf abgeschnitten hatte. Danach den Kopf in einen Plastiksack gesteckt hatte und in der Kutschkergasse damit spazieren gegangen. Gabriel war ein Fremder für sie geworden.

Gabriel atmete tief durch. Dachte nach. Seine Reserven waren aufgebraucht. Er brauchte Geld.

„Für Zigaretten, Essen und eine neue Hose.“

„Wann kommst du wieder?“

„Heute Nacht.“

Die Mutter wagte ein Lächeln. Konnte sie ihm glauben? Nicht vertrauen. Aber zumindest glauben. Gabriel folgte ihr in die Küche. Aus einer Kaffeedose holte die sie 200 Euro. Gabriel war verwundert. Das Sparmodel Kaffeedose kannte er nur von seiner Großmutter. Er musste schmunzeln. War sie, seit er in seinem Elba untergetaucht war, schrullig geworden? Wollte er etwas sagen? Sie aufziehen?

„Danke“, sagte er ganz leise.

Wenn ich gehe, dann braun gebrannt und mit einem Lächeln. Ein bisschen Zeit hatte er also noch, um die Kraft der Sonne zu nützen.

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