Gedankensplitter zur Arbeit in einer Integrationsklasse

Klassenregeln. Entstanden vor sieben Monaten. Wir grenzen niemanden aus. Wir achten aufeinander. Wir unterstützen uns. Hochambitioniert haben die Kids damals Kärtchen beschriftet und verziert mit kleinen Aufkleber, die glitzern und leuchten.

Wir unterstützen uns gegenseitig.

Sie helfen einander wirklich. Einer schreibt die Hausübung, stellt sie in die eigen dafür geschaffene Whats App Gruppe. V beantwortet den Fragenkatalog in Geographie schnell und richtig. Zeigt mir sein Heft. Drei Minuten später steht F vor mir. Er ist auch fertig. Dass er mir gerade das Heft von V unter die Nase hält, checke ich nicht gleich. Sie kaufen sich gegenseitig Jause beim Buffet oder trinken einem anderen Kind den Saft weg. Auch eine Art der Unterstützung, wenn man die Sachlage dahingehend interpretiert, dass es sich um einen Notfall gehandelt hat.

Wir achten aufeinander.

Als O von einem Spielgerät stürzt, läuft die Klasse hektisch zusammen. O schreit, weil die Lippe blutet. S schreit, weil ihr F auf die Zehen gestiegen ist. O ist davon überzeugt, dass er sich sämtliche Vorderzähne eingeschlagen hat. D erklärt ihm, dass das nicht so dramatisch sei, schließlich gäbe es falsche Zähne. E reicht mir, als ich nach einem Taschentuch rufe, eines. Gebraucht, aber der Inhalt ist bereits vertrocknet. Es knistert, als ich es glatt mache. Alles in allem waren sie in Sorge um O. Das zählt in jedem Fall.

Wir grenzen niemanden aus

Und weil ich gerade O erwähnt habe. O ist anders. O ist Autist. Er lebt in unserer Welt. Nur, er nimmt sie anders wahr. O wird ausgegrenzt. Ich bin keinem der Kids dafür böse. Wie auch, bis dato kannten sie keine Autisten. Sie begegnen ihm auf Augenhöhe. Er ist ein Kind wie sie. Also warum verhält er sich so eigenartig? Warum steht er in der Stunde einfach auf? Geht zum Fenster, wirft einen Blick hinaus. Kehrt zu seinem Platz zurück. Selbstverständlich interveniere ich. Ersuche ihn, sich wieder niederzusetzen. Nicht immer reagiert er darauf. Meistens schon.

Beim Umziehen für den Sportunterricht braucht O Unterstützung. Die Situation an sich überfordert ihn sowieso. Zu laut, zu hektisch, zu unkontrolliert. Zu viele Dinge, auf die er achten muss. Zu wenig Zeit um sich umzuziehen. „Wieso kann er sich nicht alleine umziehen? Er ist 11 Jahre alt! Wie ein Baby“. Meine Kollegin wirft ein, dass sie alle Kinder unterstützt, die Hilfe brauchen. „Mach ich doch in Mathe bei dir auch“, erklärt sie F. „Das ist was anders.“ Für uns Erwachsene nicht, für die Kids schon. „Ich binde auch Ts Schuhe zu. Sie kann keine Masche.“ „Das ist auch was anderes“, werde ich belehrt. Stimmt T ist enorm beliebt. Die Tatsache, dass sie ihre Schuhe nicht selbst binden kann, finden die Jungs süß. Das dürfte auch der Grund sein, dass sich T beharrlich weigert die Schuhe selbst zuzubinden. T ist nicht wie O, das ist der eigentliche Unterschied.

O mag es nicht, wenn er gekitzelt wird. Macht es jedoch bei anderen. Er möchte nicht gestoßen werden. Dennoch, er schubst. Versteht dann die Welt nicht mehr, wenn er gestoßen wird. Wir gehen achtsam miteinander um. „Das ist eine Regel. Ich will doch nur, dass sich die Kinder an die Regeln halten“, sagt er schluchzend. Warum verstößt er dann dagegen? Ich habe keine Ahnung.

„Ich hasse ihn“, sagte F am Dienstag. „Es ist genug“, erklärte mir D. E mischt sich ein. „Schauen sie, er reagiert nicht einmal drauf, wenn wir über ihn reden.“ Zwei Stunden davor hat mich eine andere E bitterböse angeguckt, weil sie im Chor neben O stehen muss.

Ein Klassenverband ist definitiv kein konfliktfreier Raum. Egal ob es sich nun um eine Integrationsklasse handelt oder nicht. Bunt zusammengewürfelte Menschen verbringen 5 Tage die Woche miteinander. Mindestens vier Stunden, maximal 10 am Tag. Die Kids kommen aus unterschiedlichen sozialen Gefügen. Jeder nimmt seine ganz private Geschichte mit in die Klasse. Spannungen sind in jedem Fall vorprogrammiert, sind unausweichlich. Natürlich wird das Spannungspotential erhöht, wenn Kinder dabei sind, die eben anders sind. Noch schwieriger wird es, wenn das Anderssein so gar nicht verstanden wird.

Aber wie kann ich das den Kindern verständlich machen? Wie kann ich verhindern, dass O ausgegrenzt wird? Wie erlebt sich O selbst innerhalb des Klassenverbands? Wie viel Nähe ist ihm überhaupt recht?

O zeichnet großartig. Am liebsten Monster. Die Monstermappe liegt bei mir am Lehrertisch, ist sein Heiligtum und meine Geheimwaffe. Ein 11jähriger der Perspektive richtig erfasst und zu Papier bringen kann, ist eine Seltenheit. „Warum findest du, dass ich gut zeichnen kann?“ Standardfrage, die ich drei Mal täglich beantworten muss. „Darf ich durchgehen und den Kindern meine Monstermappe zeigen?“ Seine Zeichnungen bringen die Kinder zum Staunen. Lassen sie vergessen, dass O anders ist.

Sieben Monate sind nicht viel. Es gibt Fortschritte, ganz kleine. Nichts, rein gar nichts ist in Stein gemeißelt. Was am Montag gut ankommt, kann am Dienstag scheitern. Integration ist keine Momentaufnahme sondern ein Prozess, der viel Zeit und Geduld erfordert. Ob sie glückt, weiß ich nicht. Aber einen Versuch ist es in jedem Fall wert.

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