Der Buntstift. Die Buntstifte.

Du willst ein ganz normales Kind sein. Aber du weißt, dass dein Gehirn anders funktioniert, dass du in einer anderen Welt zuhause bist. Eine Welt, die niemand außer dir begreifen kann. In der nur dir der Zutritt gewehrt ist.

Ganz normal, wirklich. Trotzdem kannst du erst zu arbeiten beginnen, wenn das Tischbein genau auf dem Punkt steht, den du dafür vorgesehen hast. Du fürchtest die anderen, willst dennoch zu ihnen gehören. Deine Kontaktaufnahme verwirrt, lässt Zweifel an deiner guten Absicht aufkommen. Mit der vollen Mineralwasserflasche klopfst du auf den Tisch und gehst wieder. Zwei Kinder schmunzeln, drei ziehen den Kopf ein, die Lehrerin wundert sich. Deine Sehnsucht nach Nähe ist groß. Nur ist es nicht unsere Nähe, sondern deine Nähe.

In deiner Welt kann es kein Chaos geben. Alles muss deine Ordnung haben. Jede Veränderung macht dir Angst. Du hältst den Kopf schief, deine wunderschönen Augen werden riesengroß. Du verrenkst den Hals. Wie jemand, der sich vor dem endgültigen Ertrinken retten will, indem er versucht den Kopf über dem Wasser zu halten. Dann beginnst du dich zu räuspern, zu würgen. Was immer in deinem Hals steckt, muss hinaus. Den anderen Kindern gefällt das nicht. Befehlen dir, dass du aufhören sollst, weil ihnen graust. Wer ums Überleben kämpft, kann darauf keine Rücksicht nehmen.

Der Sportunterricht ist die größte Herausforderung für dich. Es ist laut beim Umziehen. Du musst auf so viele Dinge aufpassen. Du hast Angst, dass jemand auf dich fällt, deine Sachen berührt. Schon wieder diese verdammte Nähe. Du willst mitspielen, so wie alle anderen auch. Du willst gewählt werden. Du konzentrierst dich, bemühst dich nichts falsch zu machen. Dann berührt dich ein Kind. In deiner Welt hat dir soeben ein Junge die Nerven aus den Muskeln gezogen. Du brichst zusammen, weinst. Keiner will mit dir spielen. Keiner will neben dir stehen. Mit zwei Glücksbringern bewaffnet hast du die letzte Turnstunde überstanden. Werden diese Glücksbringer wirklich für immer Glück bringen. Vermutlich nicht, denn sie waren aus Schokolade. Du hast sie aufgegessen. Wie lange hält Glück, das im Magen landet?

Du wunderbares Kind. Als einziger weißt du, dass die Zahlen bis in die Unendlichkeit gehen. Nähe macht dir Angst, die Unendlichkeit ist dir ein Begriff. Beginnt deine Welt in der Unendlichkeit?

Du solltest eine Person beschreiben, einen Menschen. Aussehen und Eigenschaften, gute oder schlechte. Sehr schnell hast du uns begreiflich gemacht, dass du das nicht kannst. Du bist nicht im Stande zu beurteilen, ob ein Mensch gute oder schlechte Eigenschaften hat. Wir haben uns darauf geeinigt, dass du stattdessen das Federpenal als Thema wählen darfst.

Ich habe viel über dich gelesen. Immer wieder wird darauf hingewiesen, dass du ein hübscher Junge bist. Das stimmt. „Wie siehst du das, ob jemand hübsch ist?“, wolltest du von mir wissen. Ich war sprachlos, wusste, dass ich nicht so einfach aus dieser Nummer herauskommen würde. Du bist elf Jahre alt und bringst mich an meine Grenzen. „Das ist ein Gefühl. Es passt alles zusammen“, habe ich geantwortet. Kein Wort hast du mir geglaubt, zu Recht. Die Antwort war Unsinn. „Ich weiß es nicht.“ „Dann ist hübsch ein undurchsichtiges Wort.“

Du besonderes Kind. Deine Art zu denken ist einzigartig, gemacht für deine Welt. Folgen kann ich dir nicht immer, aber ich lerne dich langsam kennen. Jede Minute, in der du aus deinem Schneckenhaus hinauskommst und du dich wirklich öffnest, ist Gold wert. Wenn du mir plötzlich um den Hals fällst, weil diese Minute es dir gestattet zu berühren, halte ich genau in dieser Minute die Luft an. So überwältigt bin ich.

Vielleicht sollten wir einen Ausflug in deine Welt unternehmen, alle gemeinsam, die ganze Klasse. Einen Tag bei dir zu Gast sein. Einmal verstehen können, warum nur der grüne Buntstift das Recht hat neben dem gelben zu liegen.

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