Im Zuge eines Märchenprojekts mit meinen Schüler/innen sind diese beiden Märchen meiner Feder entsprungen.

Das Apfelbaumhäuschen

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In einem kleinen Dorf lebte einmal eine sehr alte Frau. Wie alt sie war, wusste keiner genau. Manche meinten sie wäre 125 Jahre alt, andere wetteten, dass sie mindestens 256 Jahre alt sein müsste. Und die anderen wirklich alten Menschen im Dorf glaubten zu wissen, sie wäre 89.

Den Kindern war sie ein wenig unheimlich. „Sie ist sicher eine Hexe“, sagte Daniel. „Oder eine Zauberin.“ „Aber, wenn dann ist sie eine böse Zauberin“. „Und sie lebt ganz alleine“. „Ja, stimmt“, warf Matti ein, „sie spinnt ein bisschen. Wenn sie glaubt, dass sie keiner sieht.“ Matti sah von einem zum anderem. „Was dann? Erzähl schon“, drängten ihn die Kinder. „Dann spricht sie zu ihren Bäumen und umarmt sie“. „Sie ist keine Hexe, sondern eine verrückte Alte.“

Die alte Frau hieß Barbara. Sie lebte in einem Haus, das von hundert verschiedenen Apfelbäumen umgeben war. Im Frühling blühten diese in allen Farben der Welt. Wenn der Sommer ins Land zog, waren im ganzen Garten Körbe mit roten, grünen und gelben Äpfeln zu sehen.

Jeden Morgen, kurz nach dem die Sonne aufgegangen war und der Tau noch in den Grashalmen der Wiese hing, trat sie vor die Türe des Apfelbaumhäuschens, begrüßte den Tag und ihre Bäume. Bedächtig ging sie von einem Baum zu anderem. Hatte für jeden ein paar nette Wörter auf den Lippen. „Hallo Granny Smith! Na, wie sieht es aus? Werden wir uns dieses Jahr über eine großartige Ernte freuen?“ „Hey Jona Gold, alter Junge! Wie viele Jahre darf ich schon deine Schönheit bewundern?“ Keinen Baum übersah sie und sogar die kleinsten Bäumchen übersah sie nicht. So war es auch heute. Als sie ihre Begrüßungsrunde abgeschlossen hatte, umarmte sie noch schnell ihre drei Lieblingsbäume. Ja, sie war glücklich und zufrieden. In der Küche kochte sie sich schwarzen, süßen Kaffee, schnitt sich zwei Scheiben Brot von einem großen Laib hinunter. Schmierte Butter und die beste Apfelmarmelade weit und breit darauf. In dem Schaukelstuhl, der vor dem Haus stand, ließ sie sich das Frühstück schmecken. „Leben“, lachte sie, „ so gefällst du mir.“

Leider konnte sie nicht wissen, dass die Kinder des Dorfes einen üblen Plan ausgeheckt hatten. Matti und sein bester Freund hatten beschlossen Barbara einen Besuch abzustatten. Ihnen war langweilig, schrecklich langweilig. Als sie bei ihrem Haus angelangt waren, gingen sie ohne anzuläuten in den Garten. Ganz schön frech war das. Zuerst schauten sie sich ein wenig um. Dann begannen sie die unreifen Äpfel von den Bäumen zu pflücken. Sie bissen hinein und verzogen das Gesicht. „Bääää“, riefen sie, „die sind ja eklig.“ Wären sie ein bisschen klüger gewesen, hätten sie wissen müssen, dass die Äpfel noch gar nicht reif sein konnten. Matti nahm den angebissenen Apfel und warf diesen in hohem Bogen weg. Das gefiel seinem Freund. Er tat es ihm gleich. „Wer wirft weiter? Du oder ich?“, grinste Matti.

Barbara war gar nicht aufgefallen, dass sie Besuch bekommen hatte. Vermutlich hätte sie es nie bemerkt, wenn nicht Mattis Apfel genau in ihrer Kaffeetasse gelandet wäre. „Hey!“, rief sie, „wer wirft da meine wunderbaren Äpfel durch die Gegend?“ Stille. Matti und sein Freund waren mächtig erschrocken. Was, wenn die Alte doch eine böse Zauberin wäre? Heimlich wollten sie sich aus dem Garten schleichen. Doch Barbara war schneller. „Was soll das?“, stellte sie die Jungen zur Rede. „Oha! Die alte Hexe ist aus ihrem Hexenhaus herausgekrochen“, spottete Matti. Seine Angst schien verflogen zu sein. Er hatte seine Sprache wieder gefunden. „Fang mich doch!“ So schnell war Barbara leider nicht. Nur, sie hatte nicht mit ihren Freunden den Apfelbäumen gerechnet. Jona Gold stellte sich Matti in den Weg. Der stolperte und landete im Gras. „Na warte!“, schrie er wütend, „das sag ich meinen Eltern und dann kannst du was erleben.“ Barbara wunderte sich. So richtig wollte sie es nicht glauben, dass ihr ein Baum zu Hilfe gekommen war.

Am nächsten Morgen, als die Sonne gerade langsam im Osten aufging, machte sie sich wie jeden Tag auf den Weg in der Garten. Irgendwas war über Nacht passiert. Viele unreife Äpfel lagen im Gras, einige abgebrochene Äste auch. Ein Baum, der kleinsten von allen, lag traurig am Boden. Die alte Frau setzte sich in den Schaukelstuhl und weinte bittere Tränen. „Wer hat euch das angetan?“, schluchzte sie. Als ihre Tränen zu Boden tropften, verwandelten sie sich in einen wunderschönen, farbenfrohen kleinen Bach. Jeder Baum, an dem der Bach vorbeifloss, trug plötzlich viel mehr Früchte als zuvor. Auch der kleine Baum stand wieder fest in der Erde.

Leider bot sich Barbara am nächsten Tag in der Früh ein ähnliches Bild. Nur, dass der Übeltäter diesmal zwei junge Bäume zerstört hatte. Wieder weinte die Frau bittere Tränen, wieder verwandelten sie sich zu einem Bach. Wieder blühten die Bäume schöner als zuvor.

„Heute Nacht werde ich mich auf die Lauer legen“, versprach sie den Bäumen. Gesagt. Getan. Kaum war es so richtig finster geworden, schlichen die beiden Kinder in den Garten und begannen die Bäume zu zerstören. „Hallo“, rief die alte Frau, „was fällt euch ein?“ Matti drehte sich gar nicht um, sondern machte sich daran den Stamm des nächsten Baumes zu zerbrechen. Als die Bäume die Stimme der Frau hörten, begannen sie sich plötzlich zu bewegen. Schwerfällig und unbeholfen. Der größte Apfelbaum ging langsam auf Matti zu und packte ihn am Kragen. Der schrie, wie am Spies. „Lass mich runter! Ich werde das meiner Mama sagen.“ Da lachte das kleinste der Bäumchen laut: „Du spinnst. Kein Mensch wird dir glauben, dass dich ein Baum angegriffen hat.“ Der alte Apfelbaum ließ den Buben fallen. Aber anstatt froh zu sein, dass er wieder am Boden stand, trat er so fest er konnte, gegen den Stamm des Baumes. „Sag einmal du frecher Kerl“, rief Jona Gold mit seiner überaus tiefen Stimme, „ich glaube du tickst nicht ganz richtig.“ Dann fuhr er mit einem Zweig in den Pullover des Jungen. Er holte Schwung und warf ihn zu dem Baum, der fast am Ende des Gartens stand. Dieser schleuderte ihn zu dem Baum gleich beim Häuschen. „Das Spiel liebe ich“, lachte er, „Kinder-Pingpong.“ Als der Bub zu weinen begann, rief Barbara: „Stopp, meine Lieben! Jetzt ist es genug. Ich glaube, er hat seine Lektion gelernt.“ Alle Bäume standen still, so als ob nie etwas gewesen werden. Matti richtete sich seinen Pullover. Sein Freund und er liefen, ohne sich umzudrehen, auf und davon. „Na denen habt ihr aber Beine gemacht“, lachte Barbara.

Zufrieden grinsend ging die alte Frau ins Haus zurück. Als sie nach dieser aufregenden Nacht munter wurde, stand die Sonne schon hoch am Himmel. Eilig lief sie in den Garten, um nach dem Rechten zu sehen. Ruhig und friedlich standen die Bäume da, streckten ihre Zweige in die Sonne. Nur der ganz alte Apfelbaum zwinkerte ihr zu. Oder auch nicht. „Vielleicht habe ich mir das alles ja nur eingebildet“, sagte sie laut.

In diesem Sommer trugen die Bäume die schönsten Früchte, die man je gesehen hatte. Aus der ganzen Welt kamen Menschen um von ihnen zu kosten. Und wisst ihr, wer der alten Frau bei der Ernte geholfen hat? Richtig, Matti und sein Freund. Ja, manchmal schreibt das Leben eben die schönsten Märchen.

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