Im Zuge eines Märchenprojekts mit meinen Schüler/innen sind diese beiden Märchen meiner Feder entsprungen.

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Die schlafende Königin

Ja, es gibt sie doch. Zwerge und Elfen. Sie leben mitten im Wald, in Höhlen. Höhlen, die die alten, großen Bäume mit ihren Wurzeln in die Erde gegraben hatten. Gemeinsam, friedlich Seite an Seite, achten sie darauf, dass der Wald niemals seinen Zauber und seine Pracht verliert.

Ob es diesen Frieden schon lange gibt?

Früher wohnten in einem Teil des Waldes die Zwerge und im anderen die Elfen. Nein, sie waren keine Feinde. Aber Freunde eben auch nicht. Sie gingen sich meistens aus dem Weg. Wenn sie sich zufällig im Wald begegneten, grüßten sie einander höflich. Nicht mehr und nicht weniger.

Für die Zwerge und die Elfen war das normal. Keiner wunderte sich. Keiner hinterfragte, wozu die Grenze da war. Warum sie nicht bunt gemischt im Wald lebten. Das war schon immer so. Vielleicht lag es auch daran, dass Elfen fliegen konnten und Zwerge nicht. Während also die einen hoch oben in den Lüften schwebten, wanderten die anderen den ganzen Tag durch den Wald, um Pilze und Beeren zu sammeln.

Laura lebte mit ihren Eltern in einem kleinen Haus. Lauras Vater war Förster. Kein Wunder also, dass das Häuschen ganz nahe am Wald stand. Laura kannte den Wald wie kein zweites sechsjähriges Kind. Sie war hier aufgewachsen, hatte mit dem Vater stundenlange Spaziergänge unternommen. Wusste über die vielen verschiedenen Bäume und Pflanzen im Wald Bescheid. Konnte giftige und ungiftige Pilze voneinander unterscheiden. „Du bist“, sagte ihr Vater stolz, „für mich die Prinzessin des Waldes.“

Heute fühlte sich Laura schon fast wie eine Königin. Ob es an der Krone lag, die sie anlässlich ihres sechsten Geburtstags tragen durfte? „Ein besonderer Geburtstag muss gefeiert werden“, sagte ihre Mutter, „schließlich wirst du demnächst Lesen und Schreiben lernen. Du wirst rechnen lernen und deine Welt wird dir von nun an größer und reicher erscheinen.“ „Noch größer und noch reicher?“, fragte Laura, die sich sicher war, dass sie das schönste Kinderleben der Welt hatte. 15 Kinder hatte sie heute eingeladen.

„Wir wollen Verstecken spielen“, schlug Laura vor. „97, 98, 99, 100. Ich komme!“, rief sie in den Wald. Laura rieb sich die Augen, dachte nach. Wo konnten sich die Kinder versteckt haben? Welchen Weg hätte sie gewählt? Ja, denn. Genau diesen. Ein kleiner Pfad, ein bisschen verwachsen, ein bisschen unheimlich aber dennoch wunderschön und wild. Sie pfiff laut auf zwei Fingern, um ihre Freunde zu warnen, dass sie zu suchen beginnen würde. Ja, auch das konnte Laura. Ein ziemlich begabtes Mädchen war sie in jedem Fall. Wer kann schon mit sechs Jahren pfeifen wie eine Große. Sie ging eine Weile, dann blieb sie stehen. Ein richtig großer Fliegenpilz lenkte sie ab. „Wie im Bilderbuch“, schwärmte sie. Zwei Libellen flogen an ihr vorbei. Diese wunderschönen Tiere, deren Flügeln im Sonnenlicht wie kleine Regenbogen aussahen. Sie folgte ihnen. Und da, die wunderbaren Beeren, so rot und satt. Ohne es zu bemerken, geriet Laura immer tiefer in den geliebten Wald hinein. An einer Lichtung entdeckte sie drei Rehe. „Hey, ihr Hübschen bleibt noch ein bisschen in meiner Nähe. Ich mag euch so“, flüsterte sie.

Erst jetzt fiel ihr auf, dass die Sonne schon lange nicht mehr hoch am Himmel stand. Wie spät es wohl sein würde? „Ich muss aber schnell nach Hause“, sagte sie laut zu sich selbst. Nur wie? Nichts kam ihr bekannt vor. Es gab zwei Wege. Für keinen konnte sie sich so richtig entscheiden. Ihr Vater hatte ihr gelehrt, in Situationen wie diesen ruhig zu bleiben. Also setzte sie sich ins Moss und dachte nach. Und weil sie richtig müde geworden war, schlief sie ein.

Was Laura nicht wissen konnte. Ihr linkes Bein und der linke Arm lagen im Zwergenreich, der rechte Arm und das rechte Bein im Elfenreich. Als die Dämmerung sich schön langsam über den Wald legte, krochen die Zwerge und die Elfen aus ihren Verstecken. Es war Basti, ein sehr junger Zwerg, der Laura als Erster entdeckte. Basti kam aus dem Staunen nicht heraus. Vor ihm schlief eine Königin. Er kniff die Augen zu, machte sie wieder auf. Zwickte sich selbst in Arm. Nein, er träumte nicht. So schnell ihn seine kleinen, kurzen Beine tragen konnten, lief er nach Hause. „Eine Königin! Eine Königin“, rief er ganz laut, „eine wirklich schöne Königin.“ Auch die Elfen hatten Laura entdeckt. Da standen sie nun. Links die Zwerge, rechts die Elfen. Keiner traute sich näher kommen. Sie schwiegen feierlich. Endlich, hatten sie eine Königin.

Laura fror, suchte im Schlaf nach der Decke. Nur, da war nichts womit sie sich zudecken konnte. Sie wachte auf. „Oh mein Gott, ich bin immer noch im Wald“, sagte sie erschrocken. Stockfinster war es geworden. Zu allem Übel knurrte ihr Magen laut. Hunger! Finster! Kalt! Jetzt bekam sie es doch mit der Angst zu tun und begann bitterlich zu weinen. „Ohhh“, riefen die Zwerge. „Ahh“, riefen die Elfen. Wie aus einem Mund sagten sie: „Die Königin weint!“

Mali, eine junge Elfe, hüpfte auf Lauras rechte Schulter, Basti auf die linke. „Frau Königin keine Angst“, flüsterten sie in Lauras Ohren, „sie müssen keine Angst haben.“ Das tröstete Laura wenig. „Ich will nach Hause“, schluchzte sie.

Die Elfen holten Taschentücher, die sie aus Morgentau gewebt hatten. Die der Zwerge waren aus Moos gestrickt. Die einen trockneten die Tränen auf der linken Seite, die anderen auf der rechten Seite. Nur, Laura hörte nicht auf zu weinen.

„Vielleicht“, sagte Mali, „hat sie Hunger.“ „Ja“, rief eine Zwergenfrau, „sicher hat sie Hunger. Wir sind wirklich dumm. Menschen haben immer Hunger.“ Pilze auf Himbeeren, von den Zwergen gekocht. Honigkuchen von den Elfen gebacken. Serviert auf den feinsten Tellern mit den edelsten Löffelchen. Jedes Mal wenn Laura den Mund aufmachte, schoben die Zwerge und Elfen ihr ein bisschen Essen in den Mund. Die einen von links, die anderen von rechts. Sonderbare Mischung, dachte sich Laura. Und was machten diese kleinen Wesen da eigentlich? Das Essen und die eigenartige Fütterung lenkten sie ab. Die Tränen waren versiegt. „Sie weint nicht mehr! Was für ein Glück“, jubelten die Elfen und die Zwerge. Die Zwerge nahmen ihre Mützen ab, verneigten sich tief. Die Elfen umschwirrten sie.

„Weil sie von unseren Pilzen gegessen hat, sind die Tränen versiegt“, sagten die Zwerge. „Sie wird in Zukunft unsere Königin sein.“ „Blödsinn“, stellten die Elfen fest, „ es war unser Kuchen, aus feinsten Libellenhonig. Also wird sie in Zukunft das Elfenreich regieren.“ „Träumt weiter ihr Elfen!“ „Nie kann sie eure Königin sein, ihr schmutzigen Zwerge.“ Ehe sich Laura versehen konnte, tobte auf ihr ein kleiner Krieg. Mali und Basti, die immer noch auf Lauras Schultern saßen, kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus. „Erwachsene“, sagte Mali und schüttelte den Kopf. „Angeblich unsere Vorbilder“, spottete Basti. Als Laura einen Zwerg entdeckte, der einen Tannenzapfen viel größer als er selbst auf die Elfen werfen wollte, wurde es ihr zu bunt. „Halt“, schrie sie laut, „seid ihr denn alle verrückt geworden?“ Mali und Basti nickten. Ganz sicher sogar waren die verrückt.

„Was soll das werden?“, wollte Laura wissen. „Eine Hälfte von dir liegt in unserem Land“, erklärte ein Zwerg mit einem langen grauen Bart, „und unser Essen hat deine Tränen getrocknet. Also bist du unsere Königin.“ „Was weißt du schon?“, warf eine Elfe ein. Und dann ging der Streit von vorne los. Laura sah zu Basti, und dann zu Mali. „Wir müssen etwas unternehmen“, sagte sie. Sie öffnete ihre Hände. Basti und Mali nahmen darauf Platz und umarmten sich. Schlagartig war Schluss mit den Streitereien.

„Kinder! Was fällt euch ein. Das ist nicht erlaubt. Das ist ungeschriebenes Zwergengesetz!“ „Lass die Finger von dem Zwerg. Das streng verboten.“ Basti und Mali war das völlig egal. „Doofe Gesetze“, lachten sie nur. „Diese Gesetze gibt es schon seit mehr als 200 Jahren“, riefen die Zwerge und die Elfen entrüstet.

„Ihr lieben Zwerge und Elfen ich bin keine Königin. Ich bin nur ein kleines Mädchen, das sich im Wald verlaufen hat“, erklärte Laura. „Aber du trägst eine Krone.“ „Ja, weil ich heute Geburtstag hatte. Und am liebsten würde ich jetzt nach Hause gehen. Auch weil sich meine Eltern sicher schon ganz fürchterliche Sorgen machen.“ Jetzt kullerten ihr wieder die Tränen die Backen hinunter. „Nicht weinen“, riefen alle gleichzeitig. Wir bringen dich nach Hause.“ Die Zwerge beleuchteten mit ihren Laternen den Waldboden. Von oben verliehen die Lichter der Elfen dem Wald einen hellen Schein. Basti und Mali trösteten Laura, sprachen ihr Mut zu.

Plötzlich raschelte es. Alle, natürlich auch Laura, erschraken. Hielten die Luft an. Was war das? Ein wildes Tier? Es war Lauras Vater. Schnell huschten die Zwergen und die Elfen ins Dickicht des Waldes. „Laura“, flüsterte der Vater, „wir haben uns schon solche Sorgen gemacht. Aber jetzt ist alles gut.“ „Ja“, schluchzte Laura, „wirklich alles.“

Gemeinsam saßen die Elfen und Zwerge an diesem Abend vor dem Feuer. Sie aßen die Pilze der Zwerge und den Kuchen der Libellen. Von nun an sollte der Wald allen gemeinsam gehören. Irgendwann musste ja einmal Schluss sein mit diesen Gesetzen, die wirklich keiner mehr brauchte.

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