Ich werde mir demnächst ein paar Bergschuhe kaufen. So richtig gute. Egal was sie kosten. Bequem sollen sie sein und strapazierfähig. Ich bin zurzeit auf Wanderschaft, bergauf und bergab. Momentan befinde ich mich irgendwo in den Alpen, wo die Berge besonders hoch und spitz sind. Auf der Spitze kann ich gerade mit einem Bein stehen. Ein bisschen instabil ist diese Position. So ein paar Tage halte ich das gut aus.

18 Kinder sind es, die mir diese herbstlichen Wanderungen bescheren. 18 Individualisten, die zwar mit mir die Berge erklimmen, aber jeder in seinem Tempo. Den Beginn der Wanderung legen wir gemeinsam fest. Sesselkreis oder Sitzkreis mit Pölstern. Den gibt es entweder, weil wir etwas spielen wollen, oder weil wir etwas zu besprechen haben.

Klassenklima schafft Arbeitsklima. Ergo, hat ersteres Vorrang. Mathematik ist nicht so wichtig, wie sich in der Klasse wohlfühlen. Unwohl fühlen darf sich jeder in der Klasse, Kinder und Lehrer/innen. Heute in der Früh habe ich mich nicht wohlgefühlt. Vorrangegangen ist meinem Missbehagen ein Gespräch mit einer Mutter. In den Pausen fliegen Scheren durch die Klasse. Wunderbar. Außerdem wird gespottet. Noch besser.

Polstersitzkreis. Meckerstunde. Es fliegt nichts durch die Klasse, das nicht von selbst fliegen kann. Das geht sogar 11jährigen ein. Spotten, das hatten wir schon. Nicht okay. Ist nicht fair. Langsam, ganz langsam kommen wir am Gipfel an. Die Kids einsichtig, betroffen. Ich nutze die Gunst der Stunde. Das Lesegerät, das die Mädchen mit Sehschwäche brauchen, ist teuer und zur Verfügung gestellt. Wer weiß, was das bedeutet? Wenn du kein Geld hast, aber trotzdem ein Auto willst. Dann gehst du zur Bank, Kredit nehmen, wie mein Papa. Fast. Schon wahr, mich hat kurzfristig der Neid gefressen, als ich Papas Auto sah. Jetzt weiß ich zumindest, wie es bezahlt wurde. Neuer Anlauf. Zur Verfügung gestellt, ist so was wie Ausborgen, wie wenn ich dir meinen Spitzer borge. Kinder erklären Kindern Begriffe mit ihren Worten. Alle kennen sich aus. Es leuchtet ihnen ein, dass Vorsicht im Umgang mit dem Gerät angesagt ist. Ich setze fort. Es geht nicht, dass in den Pausen die Stiegen hinauf- und hinuntergelaufen wird. Schweigen. Wisst ihr was ich meine? Schweigen. Ich hole kurz Luft. Kein Tempelrun in den Pausen. Lächeln und Kopfnicken. Ich passe mich sprachlich an. Ich bin gut. Merkt ihr was? Ich stehe einbeinig am Gipfel. Mit dem zweiten Bein mache ich in der Luft so eine Art Freudentanz. Den Rest der Mathematikstunde üben wir das kleine Einmaleins. Der Sommer war lang. Neun mal acht? Schweigen. 56?63?81? Warten sie. Ich muss warten, auch wenn ich lieber schreiend aus der Klasse laufen würde. 72. Gerade noch die Position am Gipfel gehalten. Besser keinen Freudentanz.

Sechste Stunde Musik. Sechs Stunden Unterricht sind viel für die Zwerge. Wir spüren es alle. Tränen, hysterisches Gelächter, Kampfstimmung. Oida! Was willst du? Anstellen, wir gehen in den Musikraum. Meine wunderbare Kollegin kommt zu mir. Ein Mädchen aus der Klasse stottert. Andere äffen sie nach. Der rasante Abstieg beginnt. Ich bin auf dem Weg ins Tal. Die Obernachäffin holen wir uns in die Klasse. Sechs Augen Gespräch, mit wenig Einsicht. Ich hab nur und dann hat die und die auch.

Jetzt stehe ich wieder im Tal. Suche nach Lösungen, wie die Sache mit dem Stottern thematisiert werden kann. Der Ansatz ist klar. Das Mädchen mit den Sprachschwierigkeiten zum Experten machen, fragen, ob wir es besprechen sollen. Eine neue Bergwanderung steht mir bevor.

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