Ein Mann erschlägt seine pflegebedürftigen Eltern mit einem Baseballschläger. Als Grund gibt er unter anderem Überforderung an. Es geschah in der Früh, vermutlich haben die beiden noch geschlafen. Ganz sicher haben sie ihn nicht gehört, weil sie beide gehörlos waren. Geschehen ist das alles in Perchtoldsdorf bei Wien.

So viel zu den Fakten. Eine Gräueltat, eine Wahnsinnstat, eine Verzweiflungstat, die Tat eines psychisch Kranken? Geplant, nicht geplant, im Affekt gehandelt?

Die eigenen Eltern ohne fremde Hilfe zu pflegen ist eine Herausforderung, die mehr als nur Liebe zu den Eltern voraussetzt. Wer sagt eigentlich, dass wir unsere Eltern lieben müssen? Und wer sagt, selbst, wenn wir sie lieben, dass wir sie auch pflegen müssen? Pflegen, weil man muss. Pflegen, weil es die Gesellschaft verlangt.

Eine liebe Alte?

Ich bin hautnah am Geschehen. Schon klar, meine Mutter wird von einer Pflegerin betreut. Dennoch, ich lebe mit ihr in einem Haus, unter einem Dach. Seit zwei Jahren bin ich tagtäglich Zeugin, wie meine Mutter mehr und mehr in die Demenz abgleitet. Meine Mutter ist keine der lieben, alten Damen, die man ein bisschen herzt und küsst und dann ist alles gut. Meine Mutter gehört eher zu der Sorte, die beharrlich vor sich hinflucht und in erster Linie der Pflegerin Pest und Cholera an den Hals wünscht. Abgesehen davon, dass sie immer wieder damit droht, die Polizei zu verständigen, insbesondere dann, wenn es um die einfachen Dinge des Lebens wie Nägel schneiden geht.

„Du bist scheiße. Nimm die Schere weg oder ich hol die Polizei!“

Spätestens nach vier Wochen fährt die Pflegerin nach Hause. Jemand der seine Eltern schon in sehr jungen Jahren zu pflegen begonnen hat, kann das nicht. Aber er hätte sich Hilfe holen können.

Hilfe holen?

Die 24 Stunden Betreuung meiner Mutter kostet uns eine mittlere Lawine. Mal abgesehen von den eigentlichen Kosten kommen andere dazu. Ein Spezialbett, spezielle Matratzen, Pflegematerial, Physiotherapeutin, Hausbesuche von diversen Ärzten und noch viel mehr. Trotzdem meine Mutter nur die Mindestrente und Pflegegeld bezieht, geht es sich irgendwie aus.

Meine Mutter hat Angst vorm Sterben. Ich hätte gerne jemanden, der sich mit ihr über genau das unterhält. „So jemanden gibt es nicht“, hat mir mein Arzt erklärt, „das müsst ihr als Familie leisten.“

Richtig gut ist es meiner Mutter schon lange nicht mehr gegangen. Hautprobleme, Bronchitis, Harnwegsinfekte im Abstand von sechs Wochen. Da wären wir wieder beim Hilfe holen. Finde einen Arzt, der jederzeit ins Haus kommt. Denn gibt es nämlich auch nicht. Der Hausarzt meiner Mutter ist ein toller, engagierter Arzt, aber völlig überlastet. Er muss Prioritäten setzen und hat dabei mein vollstes Verständnis.

Tatsache ist, dass wir mit dem Modell der 24 Stunden Pflege dem Staat viel Arbeit abnehmen und auch einiges an Kosten sparen. Erwiesener Maßen ist jenes Modell kostengünstiger als eine Unterbringung in einer Pflegeeinrichtung. Ob dieses Modell optimal ist? Ich weiß es nicht. Es mag zwar gut sein sehr persönlich betreut zu werden, die Kehrseite der Medaille allerdings sind die de facto nicht vorhandenen sozialen Kontakte, sieht man von der Familie ab.

Einen schönen Heimplatz suchen?

Nein, ich lehne dieses Modell prinzipiell nicht ab. Ich will auch nicht schreiben, dass es in manchen Fällen gar nicht anders geht. Denn diesem Schluss liegt genau das Denken zu Grunde, das jenen Mann in die mörderische Klemme getrieben hat. Es ist völlig in Ordnung, wenn Eltern nicht zu Hause gepflegt werden. Das Problem ist das des schönen Heimplatzes. Einrichtungen für betagte bzw. demente Senioren platzen aus allen Nähten. Es mangelt an Platz und an Menschen, die bereit sind in diesem Bereich zu arbeiten. Das liegt an der geringen Bezahlung, an der nicht vorhandenen Wertschätzung der Menschen, die diesen Beruf ausüben und an der Belastung, die ich im Ansatz angesichts meiner Situation nachvollziehen kann.

Hätte, wäre, hätte?

Wenn also jener Mann seine Eltern seit Kindertagen betreut, dann sind im Laufe der vielen Jahren Strukturen entstanden, die kaum zu durchbrechen sind. Wenn das alles damit endet, dass er selbst lieber den Rest seines Lebens hinter Gittern verbringt, als die Verantwortung über seine Eltern jemanden anderen zu übertragen, dann haben an dieser Stelle Behörden über Jahrzehnte versagt. Bettlägerigen Menschen steht Pflegegeld zu, in den meisten Fällen in der Höhe von fast 1000 Euro.(Pflegestufe 5). Ein Amtsarzt/eine Amtsärztin überprüft an Ort und Stelle, ob die zu betreuenden Personen das Pflegegeld zu Recht beziehen. Hätten nicht bei dieser Gelegenheit Missstände ans Tageslicht kommen müssen? Wie war es mit den Nachbarn? Lieber nicht einmischen? Besser so tun als ob? Wäre es unterm Strich nicht klüger gewesen, dem Kind die Eltern zu entziehen?

Die Eltern lieben?

Nein, kein Erwachsener muss seine Eltern lieben und zwar völlig unabhängig davon, was sie für uns als Kinder getan haben. Es ist absolut legitim Eltern nicht zu lieben, in manchen Fällen auch sie zu hassen. In bestem Fall ist es in Ordnung ein gewisses Gefühl der Gleichgültigkeit zu entwickeln, eine erwachsene Distanz. Es ist an der Zeit, dass wir jenen gesellschaftlichen Mythen entfliehen, wir hätten zu lieben und dankbar zu sein. Im speziellen Fall von Perchtoldsdorf hätte das Menschenleben retten können.

Shutterstock/Urheberrecht: GANNA MARTYSHEVA

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