„Erkläre mir, warum du Philomenus widersprochen hast?“ Sergios Stimme klang zornig. Er schüttelte den Kopf und warf Nikola einen bitterbösen Blick zu. „Ehrlich“, Nikola holte kurz und tief Luft, „ich weiß es nicht. Es mir einfach passiert. Ich habe nicht nachgedacht.“ Er schämte sich ein bisschen, dass er nach so langer Zeit noch immer gegen die grundlegenden Regeln verstieß. Schließlich hatte er ewig gebraucht um dort zu sein, wo er heute war. Er hatte viel zurückgelassen, auf vieles verzichtet und viel auf sich genommen um all das erleben zu dürfen. „Wann Nikola, wann?“, Sergio hatte sich noch immer nicht beruhigt, „wirst du das verstehen? Es gibt einen, wirklich nur einen, der dagegen war, dass du mit uns gehst.“ „Ja, ja ich weiß“, manchmal gingen Nikola Sergios Vorträge auf die Nerven, „aber es ist passiert und ich kann es nicht mehr ändern.“

Nikola blieb alleine am Lagerfeuer zurück und dachte nach.

Es war heute genau ein Jahr her, dass Sergio plötzlich vor ihm stand. Zuerst hatte er ihn gar nicht gesehen, nur gehört und war mächtig erschrocken. Es war nicht alltäglich, dass man Stimmen hörte, das wusste Nikola trotz seiner 12 Jahre. Wem sollte er das erzählen? Seiner Mutter? Seinem Vater? Oder seiner Oma? Keinem, wirklich niemanden. Eigentlich war Nikola ohnehin daran gewöhnt, alles für sich zu behalten.

Wie sehr ihm Nelly fehlte, wurde Nikola genau in solchen Situationen bewusst. Nelly, die nahezu gleich alt wie er war, war mit ihren Eltern nach Thailand ausgewandert. Sie war die einzige, die Nikola so akzeptierte wie er war. Nie verlor sie abwertende Worte über seine chaotischen Wohnverhältnisse und all das, was Nikola ihr anvertraute, behütete sie, wie einen großen Schatz. Nie hätte sie in der Klasse herum erzählt, dass es bei Nikola Backerbsensuppe aus Trinkgläsern gab, weil eben kein Teller sauber war.

An dem Tag, als Nelly heulend vor ihm stand und, soweit es Nikola verstehen konnte, von den Plänen ihrer Eltern erzählte, war es als würde ein mächtiges Erdbeben Nikolas Welt erschüttern. Nelly musste mit ihren Eltern nach Thailand auswandern. Sie hatte keine Wahl, dafür war sie entschieden zu jung.

Gut, also, jetzt war sie nicht mehr da. Klar, hatten sie anfangs Kontakt zueinander. Sie schrieben sich Emails, Nikolas Vater installierte am Laptop Skype, damit sie miteinander reden konnten und es war fast so wie früher, nur dass Nikola nicht mehr auf einen Sprung zu ihr gehen konnte. Mit der Zeit aber, wurden die Nachrichten seltener, Nelly meldete sich nur mehr ab und zu, irgendwann gar nicht mehr. Schade, dachte sich damals Nikola, aber er wusste, dass er daran nichts ändern konnte. „Ich hasse es, wenn ich nur zusehen kann, wie eine Freundschaft den Bach hinuntergeht!“, schrie er. Keine drei Minuten später standen seine Eltern in der Zimmertür und starrten ihn besorgt an. „Niko?“, fragten sie gleichzeitig, „können wir dir helfen?“ „Mir kann keiner helfen.“ Er versuchte nicht zu heulen, er hatte keine Lust auf Tränen und getröstet werden. Dann aber legte die Mutter den Arm um ihn, sah ihm tief in die Augen: „Es ist wegen Nelly, stimmt es?“ „Auch“, schluchzte er, „und wegen allem.“ Die Eltern warfen sich wissende Blicke zu und faselten etwas von Pubertät und Hormonen. Nikola hatte schon unzählige Male nach diesen besagten zwei Wörtern gegoogelt, war nicht ganz schlau daraus geworden, aber er wusste, dass das sein kleinstes Problem war. Dazu war er sich ganz sicher, dass er schon damit zurechtkäme, wenn ihm Bart und Schamhaare wuchsen. Auch Pickel und Stimmbruch würde er locker wegstecken. Schließlich war es normal, dass Kinder in die Pubertät kamen, und Nikola liebte alles was normal war. Nikola hatte eine ganz tiefe Sehnsucht nach Normalität, weil es diese in seinem Leben nur sehr selten gab.

Seit seiner Geburt lebte er mit seinen Eltern, seinem Bruder und vier anderen Menschen in einer Wohngemeinschaft. Zu siebt teilten sie sich ein altes Haus mit einem verwilderten Garten am Stadtrand. Nelly fand den Garten romantisch, die Nachbarn weniger. Die waren nahe daran Klage einzureichen, weil das wuchernde Springkraut, das eigentlich wunderschöne lila Blüten hatte, in ihre sorgsam gepflegte Gärten hinüberwucherte. Die Erwachsenen lachten über die Nachbarn, Nikola schämte sich in Grund und Boden. Er war derjenige, der begann das Springkraut zu entfernen, leider mit mäßigem Erfolg. Es wuchs und wuchs und wuchs. Kaum hatte war er an einer Stelle mit dem Jäten fertig, kam es an anderer Stelle aus der Erden. Dass eine tiefere Bedeutung hatte, erfuhr er erst später.

Nelly, ach ja immer wieder Nelly, war die geduldigste Helferin. Trotzdem sie wurden dem Unkraut nicht Herr.

Wer sich durch das verwilderte Etwas durchgekämpft hatte, konnte das Haus entdecken. Es erinnerte an die Villa Kunterbunt in der einst Pippi Langstrumpf hauste. Einige Fensterläden waren bunt gestrichen, vier schienen nur mehr an einem seidenen Faden zu hängen, der Rest verwitterte still und leise vor sich hin. Die Fenster waren nicht geputzt, weil keiner dafür Zeit hatte und eine Hauswand hatte Nikolas Bruder versucht zu einer Kletterwand umzufunktionieren. Fünf Griffe aus Gips waren der Anfang und gleichzeitig das Ende der Idee. Marcel hatte keine Lust mehr gehabt sie fertigzustellen. Entfernt hatte sie auch keiner. Im Haus waren die Wände bunt bemalt oder besser gesagt beschmiert. Nie hatte sich einer daran gestoßen, nur Nikola fand auch das peinlich und natürlich die Unordnung, die meistens herrschte. Wonach sich Nikola sehnte? Nach einem schnuckeligen Haus, das sauber war, weiße Wände und moderne Möbel hatte. Nach einem Küchentisch, den man nicht erst abräumen musste um zehn Zentimeter Platz für einen Teller zu schaffen. Nein, er war nicht oberflächlich und er wusste trotz seiner 12 Jahre, dass das Leben nicht nur aus aufgeräumten Wohnzimmern und weißen Wänden bestand. Er war sich auch bewusst, dass in den Häusern seiner wenigen Freunde zwar das Äußere stimmte, aber es innerhalb dieser gepflegten Räumlichkeiten immer zu Streitigkeiten und Reibereien kam. Nur, die gab es bei ihm zu Hause genauso. Nikola hatte außer Nelly niemanden mehr zu sich eingeladen, weil ihm das Gerede von der Bruchbude und dem Dschungel auf die Nerven ging. Mehr als das, es verletzte und verunsicherte ihn zu tiefst. Er konnte ja schließlich nichts für seine Eltern, er war eben in diese Familie hineingeboren. Klar, er liebte seine Eltern über alles, ließ es nicht zu, dass irgendwer schlecht über sie redete.

„Kann sich dein Papa keine Schuhe leisten?“, wollte der dicke Alois vor zwei Wochen wissen. Und dem nicht genug schrie Verena, der Nikola den Beinamen Klappergestell verpasst hatte: „Schaut, dem Nikola sein Papa ist ein Schwein. Der geht in der Stadt barfuß!“ Nikola dachte nicht lange nach gab Verena einen Stoß, der sie zu Fall brachte. Da saß sie, die Prinzessin mit ihrem Blümchenkleid und heulte: „Der hat mir den Fuß gebrochen. Ich kann nicht mehr aufstehen! Bitte Frau Klüger! Der hat mich ohne Grund angegriffen!“„Komm her!“, Nikolas Vater streckte ihr die Hand entgegen, „wir schauen einmal was los ist.“ Er warf seinem Sohn einen bösen Blick zu. Schläge und Raufereien war streng verboten und eines der wenigen Dinge, die er nicht duldete. „Rühr mich nicht an“, kreischte das Klappergestell, „du bist dreckig.“ Nikola wollte am liebsten auf der Stelle in den Boden versinken, weil sein Vater Verenas Vorwürfe einfach ignorierte. Aber da war schon Frau Klüger zur Stelle. Sie half dem Mädchen auf die Beine: „Nikola du meldest dich morgen gleich um acht bei mir“, sagte sie mit in einem Tonfall, der keine Widerworte duldete. Dann musterte sie den barfüßigen Vater von oben bis unten. „Gehen wir, bitte“, flüsterte Nikola und zog seinen Vater an der Hand.

„Mein Junge, ich will nicht, dass du andere Kinder schlägst.“ „Ich habe dich verteidigt Papa, sonst nichts.“ „Das macht man mit Worten, wenn man klug ist“, bekam er zu hören. Okay, dachte sich Nikola, dann wäre ich ganz gerne ein bisschen dümmer. Es fehlten ihm nämlich die Worte. „Gut Papa“, er holte tief Luft, „dann hol mich du bitte nicht mehr barfuß von der Schule ab. Dann muss ich niemanden schubsen und die Sache ist erledigt.“ Jetzt lachte sein Vater: „Also wirklich, nur wegen des blöden Geredes, werde ich meine Füße sicher nicht in enge Schuhe zwängen. Das reicht mir, wenn ich die in der Arbeit tragen muss.“ Abgeblitzt. Wie immer, wenn Nikola ein Anliegen hatte. Nein, so stimmte das auch nicht. Nikola bekam fast immer alles was er sich wünschte. Seine Eltern waren nicht arm, im Gegenteil die hatten genug Geld. Sie gingen auch beide arbeiten, hatten ganz normale Jobs. Der Vater war Bibliothekar und die Mutter Ärztin. Außerdem hatte die Mutter von einer reichen Tante, die keine eigenen Kinder hatte, einen verrückten Hund und sehr, sehr viel Geld geerbt. Mimi, eine gute Mischung aus einem Spaniel und einem Jagdhund, war es gewohnt, wie ein menschliches Wesen behandelt zu werden. Einen eigenen Sessel bei jeder Mahlzeit, ein eigenes kleines Bett und ein Menschenfrühstück waren bis zum Tod der Tante selbstverständlich. Nachdem Nikolas Eltern aber nicht bereit waren Mimi so ein Leben zu bieten, beschloss der Hund kurz nach der Tante auch zu sterben. Nikola, klar wer sonst, fand Mimi tot in der Küche direkt vorm Kühlschrank. Vielleicht wollte sie sich kurz vor ihrem Dahinscheiden noch ein letztes Wurstbrötchen gönnen.

„Sag Nikola?“, wollte Nelly eines Tages wissen, „warum lassen deine Eltern das Haus nicht herrichten und stellen einen Gärtner ein?“ „Weil“, die Antwort kam wie aus der Pistole geschossen, „sie immer so leben wollten und es nicht auf Äußerlichkeiten ankommt.“ Er hatte dieses Thema sicher schon hundertmal mit den Erwachsenen besprochen und war immer wieder auf Granit gestoßen. Nikola machten sie den Vorwurf, dass er oberflächlich geworden sei und überlegten ernsthaft ihn aus der Schule zu nehmen. Ihm stattdessen Privatunterricht geben zu lassen.

Und dann beschloss Nikola Sergio zu folgen, egal wohin.

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Veronika Fischer

Veronika Fischer bewertete diesen Eintrag 06.02.2016 19:32:45

Michel Skala

Michel Skala bewertete diesen Eintrag 04.02.2016 20:07:22

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