Hermine pflegte sich so ihre eigenen Gedanken zu machen. Der beste Platz dafür war in der Küche. Vielleicht weil es dort immer fantastisch nach frischem Kuchen, Kaffee und Zwiebel roch. Zwiebel war gut, fand Hermine. Manchmal wenn ihr zum Weinen war, aber die Tränen in den Augen festhingen, begann sie zum Zwiebelschneiden. Dabei heulte sie ein Geschirrtuch voll und weg war die Traurigkeit, zumindest für diesen Tag.

Da saß sie nun. Vor ihr stand eine Tasse mit dampfenden Kaffee. Ganz langsam tauchte sie einen Löffel ein, rührte um. Drei Mal nach links, dann drei Mal nach rechts. „Im Leben muss alles seine Ordnung haben“, hatte ihre Mutter immer gesagt. Hermine atmete aus, seufzte ganz leise. Das mit der mütterlichen Ordnung war eine ganz besondere Sache. Denn zu der gehörte, dass Hermine heiraten hätten sollen. „Kind, wenn du weiter so wählerisch bist, dann wirst du irgendwann die Überführ verpassen.“ Lange hat Hermine nicht verstanden, wo sie was verpassen könnte. Wie zu guter Letzt schön langsam alle ihre Freundinnen unter der Haube waren, ist sie von zu Hause weggegangen. So weit weg, dass die Mutter ihre Ordnung ganz für sich alleine hatte.

Wie war das schlussendlich mit der Liebe? Die Liebe ist nichts anderes als eine Hochschaubahn, die in die falsche Richtung rennt, überlegte Hermine. Wenn die Hochschaubahn im Prater mit einem Höllentempo hinunterfährt, dann kribbelt es im Bauch wie verrückt. Von dort wandert das fabelhafte Gefühl in den Magen und irgendwann ist es im Hirn angekommen. Als sich Hermine vor langer Zeit einmal verliebt hatte, war alles gut, solange es bergauf gegangen ist. Sie hat so viele Schmetterlinge im Bauch gehabt, dass sie Angst hatte, sie würde auf der Stelle explodieren. Die Schmetterlinge sind vom Magen ins Gehirn geflogen. Dann war der Mann weg und die bunten Falter auch. Die Hochschaubahn des Lebens ist bergab gefahren. So schnell, dass Hermine die Luft weggeblieben ist. Bergabfahren macht nur in der Achterbahn im Prater Spaß. Also rennt im Leben die Hochschaubahn in die falsche Richtung.

Mit der Liebe wird das nichts mehr, war sie sich seitdem sicher. Noch eine Talfahrt? Nie wieder. Später stand eines Abends der Gemüsehändler vor ihrer Türe. Statt Blumen hatte er einen Bund Karotten und drei Stangen Lauch in der Hand. „Hermi“, lallte er, „ich bin alleine und du auch. Komm wir tun uns zusammen und werden glücklich.“ Mit einem Plumps ist er, weil er vermutlich den ganzen Nachmittag beim Branntweiner verbracht hatte, kerzengerade vor Hermines Füße gefallen. Die hat zuerst das Gemüse eingesammelt und danach den Gemüsehändler. Ordnung muss sein. Hat ihn ins Wohnzimmer gezogen, mit einer Decke zugedeckt. Tot war er nicht, dafür hat er zu laut geschnarcht. Eine Zeitlang hat sie ihn angeschaut, ganz intensiv. Hat die Augen zugekniffen und wieder aufgemacht. Hat den Kopf nach links und nach rechts bewegt, ganz bedächtig. Hat sich vorgestellt, dass er immer bei ihr wohnen würde. Ist ein Stückchen näher zu ihm gerutscht, wollte ihm ein Busserl auf seinen besoffenen Kopf geben. Aber er hat so nach dem Branntweiner seiner Medizin gestunken, dass sie gleich wieder einen halben Meter weggerückt ist. Mit dem in der Hochschaubahn? Entschieden schüttelte sie den Kopf. Vielleicht bis in die erste Kurve, aber spätestens dann, würde ich abspringen. Lieber ein gebrochenes Bein, als ein gebrochenes Herz.

Die Kaffeetasse war leer, der Kopf voll vor lauter Denken. „Hermine“, ermahnte sie sich selbst, „es ist Zeit fürs Abendessen. Ordnung muss sein.“

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