Schwarz oder weiß? Zur Radikalisierung junger Menschen

Es ist ungefähr eine Woche her, dass ich M einen ehemaligen Schüler, auf der Straße getroffen habe. Er wirkt müde und lustlos. Gibt im Gespräch mit mir auch gleich zu verstehen, dass es ihm schlecht geht. Er hat keinen Schulabschluss, liegt hauptsächlich im Bett und schläft. „Schauen sie mich an“, erklärt er mir, „ich habe schon Bart. Und wer bin ich? Nichts!“

Wer bin ich? Eine Frage, die Jugendliche durch den größten Teil der Pubertät begleitet. Warum das so ist? Antworten darauf bietet eine Vielzahl an wissenschaftlich fundierten Modellen. Das Elternhaus, die allererste Peer-Group tritt in den Hintergrund, wird von anderen Gruppen abgelöst. Die Infragestellung der eigenen Identität ist ebenso normal, wie das Hinterfragen von Strukturen allgemein. Es kommt ausnahmslos bei allen jungen Menschen zu Brüchen in der Biographie. Daraus ergibt sich eine Phase, geprägt von Unsicherheit und hoher Sensibilität.

Wo sieht mich die Gesellschaft? Jedem jungen Menschen ist Teilhabe an der Gesellschaft ein Anliegen. Er oder sie ist sich dessen bewusst, dass es eine Reihe an Erwartungen gibt, die er oder sie erfüllen möchte. Viele Eltern haben bestimmte Vorstellungen, wie das spätere Leben der eigenen Kinder aussehen soll. Kluge Eltern wünschen sich in erster Linie, dass die Kinder glücklich sind. Nicht so kluge Eltern setzen den Kids ihre eigenen Visionen wie einen zu großen Hut auf. Ich wollte immer Ärztin werden. Bei mir hat es nicht geklappt, also ist es erwünscht, dass mein Sohn/meine Tochter eben diese Richtung einschlägt. Dann gibt es noch die Wünsche der Großeltern, der Lehrer/innen und anderer Bezugspersonen. Egal wie vorsichtig Eltern es anlegen, Jugendliche geraten unter Druck.

Diese zwei Fragen sind maßgeblich an Identitätskrisen von Teenagern beteiligt. Auf der einen Seite wollen sie ihre Ideen und Träume realisieren. Auf der anderen Seite den Erwartungen der Eltern gerecht werden. Sie wünschen sich eine eigene Welt , werden aber gleichzeitig von den Strukturen, die sie im Elternhaus erleben, geprägt. Dieser permanente Zwiespalt führt dazu, dass in jedem Jugendlichen das Potential zur Radikalisierung aufkeimt. Alles erscheint kompliziert, nichts ist mehr so einfach, wie es in Kindertagen war. Die Sehnsucht nach einfachen Antworten und klaren Strukturen wächst. Jugendliche hören nur ungern zu, wenn es um Kompetenzen, Orientierung und Selbstfindung geht. Schon wieder etwas, das unendlich kompliziert klingt.

Die Anknüpfungspunkte von radikalen Organisationen liegen genau hier. Sie bieten den Jugendlichen einfache Antworten auf schwere Fragen. Die Welt wird, den geheimen Wünschen der jungen Menschen entsprechend, ausschließlich in den Farben Schwarz und Weiß gemalt. Gut und Böse. Arm und Reich. Gläubig und Ungläubig. Ist doch alles ganz einfach. Zudem kommt das Angebot, dass nichts hinterfragt werden muss. Nimm es einfach, wie es ist. Die Verantwortung für sich selbst wird abgegeben, in die Hände von Menschen gelegt, die schon wissen werden, was sie tun.

Was diese Menschen noch bieten? Klare, sehr einfache Strukturen. So lange du dich so benimmst, bist du gut. Übertrete nie die Grenze, sonst bist du einer von den Bösen. Strukturen haben den Vorteil, dass Jugendliche sie als Halt empfinden. Manche Teenager begeben sich so lange auf halsbrecherische Gratwanderungen bis Gefängnismauern sie halten.

Jidhadisten betreiben aufsuchende Jugendarbeit. Besonders beliebt, abseits vom Internet, sind Parkanlagen. Nein, keiner wird von heute auf morgen radikalisiert. Zu Beginn wird Freundschaft vorgegaukelt. Junge Männer nehmen planlose Jugendliche in den Arm, sagen ihnen, dass sie so wie sie sind, annehmen und achten. Kommunikation auf Augenhöhe. Erst zum Ende kommt die Religion ins Spiel, als Vehikel mit der Endstation Jihad. Religion spielt lange eine untergeordnete Rolle. Damit erklärt sich auch das Phänomen, warum jene jungen Menschen erreicht werden, die vorher kaum mit Religion per se zu tun hatten.

Aber nicht nur Jihadisten arbeiten mit diesen Methoden. Alle radikalen Gruppierungen, bis hin zu Sekten bedienen sich dieses Systems. Denn Radikalisierung unter Jugendlichen nimmt im Allgemeinen zu. Immer mehr suchen Halt in den Fängen von Extremisten, unterschiedlicher Einstellungen. Ein Blick nach Deutschland zeigt auf, dass Rechtsradikalismus unter Teenagern immer mehr zum Thema wird.

Was können wir tun? Aufklären, reden, Halt bieten und Jugendliche in dieser sehr schwierigen Phase angemessen begleiten. Ihnen klar machen, dass auch sie ein wertvoller Teil der Gesellschaft sind. Aufzeigen, dass es nicht nur eine sondern viele Lösungsmöglichkeiten gibt. Dass sie gebraucht werden, unabhängig von Herkunft oder Bildungsstand.

Kinder brauchen ein solides Fundament. Haben sie dieses nicht, dann besteht die Gefahr, dass sie zu Fundamentalisten werden.

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Susannah Winter

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