Es ist ungefähr zwei Jahre her. Supplierstunde. Geschichte in einer vierten Klasse. Wunderbar. Keine Ironie. Alles ernst gemeint. Top motiviert betrete ich die Klasse. Ich arbeite gerne mit den Großen. Emsig teilt ein ebenfalls topmotiviertes Kind die Geschichtsbücher aus. Der nächste bohrt mir beim Aufzeigen mit dem Zeigefinger fast in der Augenhöhle. Noch ein Topmotivierter. Ob ich denn wissen wolle, auf welcher Seite im Buch gearbeitet wird. Einäugig blinzle ich ihn an. Nein, keine Bücher. Jubelschreie. Freistunde? Darf ich mein Handy holen? Darf ich mich zu Agon setzen? Ich habe es drauf. Meine leicht quirlige Art steckt an. Nein, keine Freistunde. Wir reden.

Über die Pubertät? Gekicher. Nein! Enttäuschte Gesichter. Sie werden darüber hinwegkommen. Schließlich haben wir Geschichte und nicht Biologie. Mir stand anderes im Sinn, nämlich die bevorstehenden Nationalratswahlen. Keiner der Schüler/innen war zu der Zeit wahlberechtig, noch nicht.

Wer also weiß, was in einer Woche ist? Schweigen, aber zumindest höre ich die Synapsen klicken. Sie denken nach. Ich versuche ihnen auf die Sprünge zu helfen. Ein bisschen anzutauchen. Endlich die Erlösung, für kurze Zeit. Halloween? Ja, gebt mir Saures, denke ich mir und lüfte das Geheimnis. Ein bisschen scheint der Groschen gefallen zu sein. Zaghafte Wortmeldungen. Ich gebe nicht auf, will die politischen Parteien Österreichs wissen. SPÖ, FPÖ und noch eine. ÖBB ruft einer hinaus.

Ich will hier nicht Schüler/innen bloßstellen. Mit ziemlicher Sicherheit traue ich mich zu behaupten, dass mir mit 14 Jahren die Parteien zum einem ein Rätsel und zum anderen ziemlich egal waren. In diesem Alter war ich noch herzerfrischend unpolitisch, und das trotz der Tatsache, dass in meinem Elternhaus Politik sehr wohl Thema war. Zwei Jahre später war ich ein Hippie und malte meine Jeans mit Anarchie-Zeichen an. Politische Parteien waren zum Begriff geworden. Nur, mir stand der Sinn nach Anarchie. Wen hätte ich wählen sollen?

Heute ist das offizielle Wahlalter 16 Jahre. Das ist in meinen Augen verdammt jung. Welches Programm hat welche Partei? Welchen Einfluss hat meine Stimme? Was passiert, wenn ich nicht zur Wahl gehe? Das ist nur ein Auszug von den Fragen, die sich jeder Wähler oder jede Wählerin stellen sollte. Sind Jugendliche mit 16 Jahren wirklich dazu in der Lage? Haben sich im Gegenzug die politischen Parteien mit dieser jungen Wählerschaft auseinandergesetzt? Einer fällt mir ein, der angeblich nicht nur die Sprache des Volkes, sondern auch die der Jugend spricht. Seine Parolen sind simpel und unreflektiert. Für Teenager verständlich und nachvollziehbar. Ich fürchte auch in dieser Altersklasse, wird nämlicher Herr einiges an Wählerstimmen rekrutieren.

Kommentare auf Facebook und anderen Social-Media-Plattformen fallen mir ein. Ich lasse sie mir widerwillig durch den Kopf gehen. Ihre Schreiber sind sehr oft in dem erwähnten Alter. Leichtes Unwohlsein kündigt sich an. Mein Magen rebelliert. Denn Wählen ist mehr als einem Mainstream zu folgen. Wählen bedeutet verantwortungsvoll zu handeln und setzt ein minimales Interesse an Politik voraus. Ob das mit sechszehn Jahren in der Blüte der Pubertät gegeben ist, bezweifle ich.

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irmi

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fischundfleisch

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Darpan

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