Nämliches Bild, das vor ein paar Tagen unter einen Kommentar von mir gepostet wurde, fällt mir. Menschen, Menschen, nichts als Menschen. Stimmt, man hatte mir abgeraten. Mich für verrückt erklärt. Dennoch, ich hatte immer schon meinen eigenen Kopf. Ich habe ihn auch noch. Zum Glück. Denn ich weiß nicht, wie oft ich mit demselben durch die Wand wollte. Stur oder konsequent sagt man dazu. Eine Eigenschaft, die mich seit meiner Kindheit begleitet. Mit einer Rodel kannst du nicht bergauf fahren, erklärte mir meine Mutter geduldig. Der Schwerkraft zum Trotz versuchte ich es solange, bis ich kopfüber im Schnee landete. Verletzt war ich nicht. Wutentbrannt schleuderte ich die Rodel den Hang hinauf und meinen kleinen Bruder in den Schnee, der sich vor Lachen kaum mehr halten konnte. Nachdem ich im Laufe der Jahre älter, aber nicht weniger stur geworden bin, konnte mich nichts, aber rein gar nichts von meinem Vorhaben abbringen.

Da bin ich jetzt. Sicher ein paar tausend Menschen um mich. Es ist laut. Extrem laut. Manche wirken verwirrt und erschöpft. Andere haben glänzende Augen. Ein Mann ruft mir etwas zu. Kein Wort verstehe ich. Die Stimmung latent aggressiv. Zum Fürchten. Ich habe das Gefühl, dass eine endlos lange Lunte ausgelegt ist. Nur ein Funken, dann würde es hier explodieren. Das Ausmaß so einer Explosion? Nicht auszudenken. Die Folgen? Bitte nicht, denke ich mir. So viele Menschen. Manche wirken schwach und mitgenommen. Ein Mann lässt sich auf eine freie Sitzgelegenheit fallen. Eine Frau schafft es nicht mehr. Kurz bevor sie ihr Ziel erreicht, bricht sie zusammen. Bleibt am Boden liegen. Kaum einer interessiert sich dafür. Egoisten, denke ich mir. Jeder nur auf seines bedacht. Doch dann. Ein junger Mann erbarmt sich der Frau, will ihr helfen. Möchte sie auf die Beine stellen. Dankbar ist diese nicht. Im Gegenteil, sie schlägt um sich. Schreit, dass sie sich von einem Mann nicht angreifen lassen würde. Fühlt sich belästigt.

Nein, so habe ich mir das nicht vorgestellt. Ich habe genug vom Wirbel, dem Sprachenmischmasch und diesen fremden Menschen, deren Kultur mir Angst macht. Ich kämpfe mich ins Freie. Einmal tief durchatmen. Ich blicke mich um. Auch da, ein Bild des Grauens. In einer Wiese schlafen Menschen. Am helllichten Tag. Mitten in Abfällen, die achtlos am Boden geworfen wurden. In der Ferne ertönt ein Martinshorn. Schon wieder. Dauereinsatz für die Rettung. Ich habe davon gelesen. Zwei Schwerverletzte soll es geben. Beide auf der Intensivstation. Raufereien. Das Potential an aggressiven Menschen scheint groß zu sein. Polizisten führen einen Mann in Handschellen ab. Der lässt sich das nicht gerne gefallen. Schimpft und schreit. Die Sprache, kann ich nicht verstehen. Klingt fremd, so undeutlich, so verwaschen.

Auf einer Bank finde ich einen Platz. Es ist mir alles zu viel. Die Menschenmassen, der Geruch, der Lärm. Eine Frau sinkt neben mir auf die Bank. Will mir etwas erzählen. Schon wieder diese fremde, verwaschene Sprache. Keine Ahnung, ich verstehe sie nicht. Vielleicht hat sie Durst? Mit sorgenvollem Blick reiche ich ihr meine Wasserflasche. Nein, durstig ist sie nicht. Die Wasserflasche landet in der Wiese. Sie hat sie mir aus der Hand geschlagen. Dankbarkeit kennen die wirklich nicht.

Ich will da weg. Endgültig. Macht alles keinen Sinn. Hätte ich nur auf die gehört, die mich gewarnt haben. Verzweifelt krame ich in der Tasche. Mir ist nach Ansprache. Die Undankbare in ihren eigenartigen Gewändern ist eingeschlafen. Jetzt lehnt sie ihren Kopf an meine Schulter. Mitleid überkommt mich. Ich könnte ihr einen Schlafplatz in meiner Wohnung anbieten. Schwierig. Ich kenne sie gar nicht. Wer weiß, was ihr einfällt, wenn sie morgen in der Früh aufwacht. Besser nicht. Sie ist eine Fremde. Schon wieder die Rettung. Schon wieder wird einer auf einer Liege vorbeigetragen. Ich stehe auf, vorsichtig. Lege die Frau auf die Bank und decke sie mit einem Tuch zu. Sicherheitshalber informiere ich die Sanitäter, die mir über den Weg laufen.

Am Weg zur Ubahn erreiche ich endlich meine Schwester. „Du hattest recht“, schluchze ich ins Telefon, „diese Menschen sind nicht von unserer Welt. Da habe ich nichts verloren. Nie wieder gehe ich aufs Oktoberfest.“

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Erkrath

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G. Szekatsch

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