Da saßen sie also wieder. Es war tatsächlich immer dieselbe Stelle an der Marlene ihr begegnete. Auch die Uhrzeit, immer dieselbe.

Die alte Frau war nie alleine. Mit ihrem Begleiter plauderte sie oft so angeregt, dass sie die Menschen, die an ihr vorbei gingen, gar nicht wahrnahm. Marlene begnügte sich anfangs damit die Frau zu beobachten, die Unterhaltung stören wollte sie nicht. Manchmal sah die alte Frau auf, nickte Marlene zu und wandte sich sofort wieder ihrem Partner zu. Was gesprochen wurde, verstand sie schlecht. Ihre Neugierde ließ es zu, dass sie sich jeden Tag diesem seltsamen Paar immer mehr näherte. Jeden Tag ein Stücken. „Ich mag die Beiden“, sagte Marlene laut zu sich selbst, in der Hoffnung sie würde beachtet werden.

Die Zeit bevor Marlene die Gespräche mitverfolgen konnte, hatte sie damit verbracht, sich das Äußere der Frau einzuprägen. Ihre Beine waren so kurz, dass sie nicht einmal bis zum Boden reichten. Sie baumelten in der Luft. Es waren kurze stämmige Beine mit kleinen Füßen. Marlene musste grinsen. Große Füße würden da gar nicht passen. Nein, die Füße waren genau richtig. Der Rock, den die Frau trug, immer derselbe Rock, vermittelte Marlene eine gewisse Vertrautheit. Ihre Oma hatte genau dieses Modell besessen. Ein Muster in dem man sich selbst verlor. Ein Muster, das sich wölbte. Ein Muster, das immer in Bewegung war. Schwarz und weiß, sonst nichts. Als Kind konnte Marlene, wenn sie lange genug auf Omas Rock gestarrt hatte, kleine Männchen erkennen. Männchen, die stramm standen, sich an den Händen hielten. Eine Reihe der Männchen ging nach links, die andere Reihe nach rechts. Pepita, du Zauber meiner Kindheit, dachte Marlene.

„Du weißt noch wie das war? Weißt du es noch?“ Die alte Frau blickte ihren Gesprächspartner fragend an. Dieser sagt gar nichts. Aber das schien die Alte nicht zu kümmern. Sie plapperte munter darauf los.

Ich mag ihren Mund, dachte sich Marlene. Für diesen zarten kleinen Kopf war er ungewöhnlich groß. Volle Lippen, die Marlene eine Spur zu blass erschienen. Über der Oberlippe unzählige kleine Falten. Links und rechts waren diese nahezu parallel. In der Mitte, unterhalb der Nase gab es eine Querfalte. Auch von der Unterlippe weg verliefen die Falten parallel. Wenn Marlene ein Auge zukniff, hatte sie das Gefühl ein perfektes Gemälde vor sich zu haben. Ihre Haut war wie gegerbt, die Augen sehr klein und wieder diese Falten. Jetzt lächelte die alte Frau. Zuerst verhalten, um dann wenige Sekunden später in schallendes Gelächter auszubrechen. Das Lachen war ansteckend. Auch Marlene musste lachen. Der Witz, den die alte Frau ihrem Gesprächspartner erzählt hatte, war uralt. Aber aus dem Mund der Frau klang er neu und frisch. Ihr Gesprächspartner zeigte keine Regung. Er grinste nicht einmal. „Dieser Kerl hat keinen Humor“, stellte die Alte nüchtern fest und kicherte weiter. Seit kurzem saß Marlene mit den Beiden auf der Bank. Die alte Frau schien sich nicht daran zu stoßen. So nahe sie sich waren, wirklich gesprochen hatte sie nie mit ihr. Nie fragte sie Marlene nach ihrem Namen oder nach ihrem Befinden. Nie wollte sie wissen, ob Marlene wiederkäme? Wann sie wiederkäme?

Marlene kam täglich. Nicht immer konnte sie so lange bleiben, wie sie wollte. Manchmal ging sie nach zehn Minuten. Manchmal waren es zwei Stunden, die sie zuhörend auf immer derselben Bank am See verbrachte.

Der Herbst hatte den Sommer endgültig abgelöst und es dämmerte immer früher. Die Bank lud nicht mehr zum Sitzen ein. Trotzdem saßen sie da. Die alte Frau mit ihrem Gesprächspartner und Marlene. Sie lachten, schwiegen und weinten auch manchmal. Jede für sich, nie gemeinsam.

„Heute“, sagte Marlene sehr laut zu sich selbst, „heute frage ich sie, ob sie nicht mit zu mir kommen wollen?“ Marlene sah sich mit den Beiden in ihrem wohlig warmen Wohnzimmer sitzen. „Ob sie wohl Tee oder Kaffee trinkt? Genau und einen Kuchen werde ich backen.“ Sechs Monate stille Bekanntschaft müssten reichen. Da war sich Marlene sicher. Sie wusste genau, dass ihre Einladung nicht unerwidert bleiben würde. Mit hastigen Schritten, die Hände tief in die Taschen der Winterjacke vergraben, näherte sich Marlene der Bank. Sie machte sich Vorwürfe, dass sie die letzten Tage nicht mehr am See gewesen war. Sie war zu müde, zu erschöpft und nicht sehr gut gelaunt. Der Herbst nahm ihr ein bisschen die Lebensfreude, laugte sie aus. Erschrocken blieb Marlene stehen. Die Bank war leer. Wen wunderte es bei diesem Wetter. Trotzdem ging Marlene näher an die Bank. Ihr Herz klopfte laut. Es war nicht die leere Bank, die sie beunruhigte. Sondern das, was dreckig und unbeachtet neben der Bank lag. Schwarze Knopfaugen. Ein stumpfes Fell, das früher warm und weich war. Verdrehte Beine und nur ein Arm. Vorsichtig hob Marlene den Stoffbären auf. Putzte ihn sorgfältig ab und setzte ihn auf die Bank. „ Hallo schwarzer Bär. Wenn das so ist, dann wird es wohl Zeit, dass du meinen Geschichten zuhörst“, sagte sie und nahm neben ihm Platz.

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Darpan

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