Ein Mann, der mit Kind und Frau aus Syrien geflohen ist, hält den Entwurf eines Bühnenbildes in die Kamera. Das Gesicht von tiefen Falten, fast schon Furchen, durchzogen. Das Schicksal hat sich unter seine Haut gefräst. Die Heimat verlassen, damit seine Tochter wieder Cello spielen kann.

Der Tänzer, der im Sommer 2015 nach Österreich kam. Der, wenn zu viele Menschen um ihn sind, Angst bekommt. Menschenmassen erinnern ihn an die Flucht, als er tagelang nur gegangen ist. Als er keine Ahnung hatte, wo ihn dieser Weg hinführen würde. Gefolgt sind viele einem Traum. Dem Traum von einem Leben ohne Bomben, Hunger und Not.

Auch ich habe Träume unterschiedlicher Art. Mal betreffen sie nur mich, gehören ausschließlich mir. Ein anderes Mal beziehen sie auf die momentane Situation in Europa. Immer noch halte ich daran fest, dass sich vieles zum Positiven wenden wird. Träumerin zu sein, ist zurzeit nicht gerne gesehen. Wer träumt lebt fern der Realität und hat keine Ahnung. Wird irgendwann aufwachen.

Träume. Ich bin 1962 geboren. Das Ende des zweiten Weltkriegs und damit der Krieg an sich, waren Geschichte. Jahre später, als ich alt genug war zu verstehen, habe ich ein bisschen etwas über diese finstere Zeit erfahren. Meine allererste Frage war: Wie habt ihr das überlebt? Es waren Träume, die sie durch diese Abgründe getragen haben. Meine Mutter träumte von einem Fress-Korb. Mein Vater von einem warmen, weichen Bett. Meine Oma, von der Zeit nach dem Krieg. Alles hat sie sich ausgemalt. Wie das sein wird, wenn keine Bomben mehr fallen. Von einem Spaziergang in der Praterhauptallee. Von einem Schrebergarten mit Obstbäumen und Rosenbeeten. „In meinen Träumen habe den Duft der Rosen gerochen“, erzählte meine Oma. Diese Visionen waren ihre Antriebsfeder. Haben ihr Mut gemacht. Haben ihr Kraft gegeben weiterzukämpfen, für sich selbst, für ihre Kinder und für ein besseres Leben.

Waren alle diese Menschen deshalb realitätsfern? Oder haben sie sogar die Realität verweigert? Mit Sicherheit nicht. Das ging gar nicht. Wer mit zwei Kindern an der Hand und einem Koffer, gepackt mit dem Nötigsten, bei Fliegeralarm zum nächsten Luftschutzbunker rennt. Wer bei Entwarnung, oft erst nach Stunden, diesen wieder verlässt, der ist so nahe an der Wirklichkeit, dass es weh tut. Da gibt es nichts zu verweigern. Da hat dich die Realität derartig fest im Griff, dass du sie atmen musst.

Realität. Ich gehe arbeiten und das meistens gerne. Und wenn nicht, dann muss ich trotzdem in die Schule gehen, denn die Arbeit nährt nicht nur mich. So viel Realität, dass es manchmal auch zu viel werden kann. Wenn die Kids mies drauf sind oder meine Mutter einen ganz schlechten Tag hat. Wenn ich mir am Abend die Nachrichten ansehe, volle Kanne Realität.

Dennoch halte ich an meinen Träumen fest, immer noch. Mag sein, dass ich irgendwann aufwachen werde. Aber selbst wenn alles sich in eine ganz schlimme Richtung entwickeln sollte, wie es vielerorts prophezeit wird, muss ich erst recht an meinen Visionen festhalten. Wie sonst sollte ich überleben?

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Monikako

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