troubadix

Kommunikation virtuell vs. Kommunikation real

Vor einigen Tagen in der S45, eine Schnellbahn, die friedlich innerhalb der Stadt hin- und herfährt. Es war Sonntag. Einen Sitzplatz zu bekommen kein Problem. Ich mag Zugfahren, auch wenn es nur für 7 Minuten ist. Erinnert mich alles ein bisschen an früher. In Ermangelung eines Autos waren wir zum Zugfahren vergattert. Damals war mir das ein bisschen peinlich, dass meine Eltern kein Auto hatten. Umweltbewusstsein in den 1970er Jahren, nicht unbedingt en vogue. Eher eine Sache für Spinner, die unbedingt wieder am Baum oder im Urwald leben wollten.

Der Geruch der Sitze, überhaupt der Geruch in einem Eisenbahnwaggon hat sich seit meiner Kindheit nicht geändert. Dringt dieser Duft in meine Nase, dann entwickle ich schlagartig ein Bedürfnis, nach belegten Broten und heißen Würsteln vom Linzer Hauptbahnhof.

Ich setzte mich nieder, öffnete meine Jacke. Auch so eine Art kindliche Konditionierung. „Kind, mach dir die Jacke auf, sonst verkühlst du dich beim Aussteigen.“

Der Waggon also halbvoll. Mir schräg gegenüber saßen zwei Frauen. Ich schätze so um die Vierzig. Wobei, das Alter spielt in Wahrheit keine Rolle. Die zwei Damen waren in ein Gespräch vertieft, in ein ziemlich lautstarkes. Streit war das keiner. Vielmehr gibt es Menschen, die selbst wenn sie flüstern, immer noch schreien. Jene Menschen zwingen dich förmlich in die Rolle des Gasthörers. Das Thema war jenes, das zurzeit die Wogen hochgehen lässt. Flüchtlinge, Asylanten und die möglichen Folgen. Die Conclusio der Auseinandersetzung lautete: Ein Asylant müsste man sein.

Außer mir hatten auch andere das zweifelhafte Glück der Mithörerschaft. Ich habe mir meinen Teil gedacht, bin ausgestiegen. Ich bin überzeugt, dass sich einige Mitreisende Gedanken zu diesem Gespräch, egal in welche Richtung, gemacht haben. Eingemischt hat sich dennoch keiner.

So funktioniert Kommunikation im realen Leben. Jeder wägt ab, ob Einmischen Sinn macht oder eben nicht. Schließlich ist eine private Diskussion, die im öffentlichen Raum geführt wird. Im Prinzip geht mich die Meinung dieser zwei Tanten nichts an.

Am Heimweg, wieder in der S45, fiel mir das Gespräch wieder ein. Diesen Satz, ein Asylant müsste man sein, sollte ich auf Facebook stellen. Alles rein hypothetisch, weil ich es nie tun würde. Es würde sich ebenfalls eine private Diskussion in einer Art öffentlichen Raum ergeben. Nur, dass in diesem Raum die Menschen einfach nicht weghören und sich ihren Teil denken. Völlig enthemmt wird gepostet bzw. geschrieben, was einem auf der Zunge liegt. Frei nach dem Motto: Woher soll ich wissen, was ich denke, bevor ich es gelesen habe. Es ist unglaublich welche Hemmschwellen fallen. Ich habe gestern mitverfolgt, was aus Menschen so hinausblubbert. Die Diskussionen auf Facebook folgen ihren eigenen Regeln, nämlich gar keinen. Schimpfwörter, Anschuldigungen und Beleidigungen, für die ein starker Magen von Vorteil ist.

Zurück in die Schnellbahn. Wie würde es aussehen, wenn Menschen im realen öffentlichen Raum genau die gleiche Gesprächskultur hätten, wie im virtuellen Bereich. Asterix, Obelix und die Gallier fallen mir ein. Troubadix beginnt zu singen. In Sekundenschnelle liegt sich das ganze Dorf in den Haaren. Jeder gegen jeden. Die Fäuste fliegen. Beleidigungen ohne Ende. Ja, in der Tat. Würden Menschen real in ähnlicher Weise argumentieren, dann hätten wir jeden Tag in Wien dutzende Massenschlägerein.

Ich bin mir durchaus dessen bewusst, dass das Internet dazu beiträgt, reale Hemmschwellen zu minimieren. Weil es eben Menschen gibt, die die widerlichsten Kommentare als eine Art Auftrag zum Handeln auffassen. Diese sind zum Glück aber in der Minderheit, immer noch.

Was können wir, die Anhänger/innen eines zivilisierten Diskurses machen? Knifflige Frage, in der Tat. Kommentare, die menschenverachtend sind ignorieren? Besser nicht. Verbaler Domino-Day könnte die Folge sein. Argumentieren? Nicht immer ratsam. Das Einzige was mir dazu einfällt ist, Kommentare melden. Es geht leider nicht anders. Das hat weder mit Zensur noch mit Verpetzen zu tun. Melden bedeutet, es wird überprüft. Ob dann ein User oder eine Userin gesperrt wird, ist ein anderes Paar Schuhe. Kein noch so genaues Moderatorenteam kann allen Unsinn, der unter Beiträge gepostet wird, in einem, zwei oder drei Blicken erfassen. Die Antwort, auf die Antwort, auf die Antwort ist nicht greifbar, wenn keiner darauf aufmerksam macht. Wer für den Erhalt einer Gesprächskultur auch im virtuellen Raum ist, der wird um den Akt des Meldens nicht herumkommen.

Eine kleine Ergänzung meinerseits: Die Frage kam auf, warum ich auf Facebook sei? Ich mag Facebook. Sinnvoll genützt ist es eine geniale Plattform. Sie ermöglicht mir mit Freunden und Bekannten weltweit in Kontakt zu bleiben. Nicht Facebook ist das Problem, sondern der Umgang damit.

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Erkrath

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MarieRedelsteiner

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