Hast du dir eigentlich überlegt, dass du dich, nur zur Sicherheit, in einem Seniorenheim anmelden solltest. In den wirklich guten Einrichtungen sind die Plätze rar.

Diese Frage aller Fragen stellte mir mein Sohn vor sechs Jahren. Abgesehen davon, dass mir ein derartig zukunftsorientierter Denkansatz bei ihm neu war, war ich eine Spur verstimmt. Zum Nachdenken habe ich trotzdem angefangen. Ein neuerliches Resümieren erfolgte im Jänner, als meine bisher betreuungsbedürftige Mutter innerhalb von fünf Wochen zum totalen Pflegefall wurde.

Für meine Geschwister und mich standen nur zwei Modelle zur Auswahl, entweder Pflegeheim oder 24 Stunden Betreuung. Wir entschieden uns für Option Nummer zwei. Ich hätte gerne eine dritte Wahlmöglichkeit gehabt, eine Senioren Wohngemeinschaft. Es gibt diese schon, aber nicht für Menschen, die richtige Pflegefälle sind. Zudem sind Plätze dieser Art rar.

Das Modell Wohngemeinschaft wurde im Bereich der Kinder – und Jugendfürsorge flächendeckend eingeführt. Weg von großen Heimen, hin zu kleinen überschaubaren Einheiten. Behindertenbetreuung geht auch im Sinne von Inklusion und Normalisierungsprinzip immer mehr in Richtung der kleinen Wohneinheiten.

Warum gelingt das nicht bei der Versorgung und Unterbringung von älteren, pflegebedürftigen Menschen? Warum leben immer noch so viele Senior/innen in Pflegeeinrichtungen, die zu einem großen Teil unüberschaubar und unpersönlich sind?

Betreuungsintensive Modelle verlangen nach mehr Personal, viel mehr Personal, das es nicht gibt. Der Mangel an Pflegekräften besteht und wird weiter bestehen. Selbst wenn noch so ausgiebig für diesen Berufsstand geworben wird, Änderung ist keine in Sicht.

Als meine Mutter so fit war, dass sie von Heimhilfen betreut werden konnte, hatte ich die Gelegenheit viele Menschen kennenzulernen, die diesen Beruf ausüben, richtig viele. Die Betreuung meiner Mutter erfolgte fast neun Jahre durch den gleichen Verein. Die Fluktuation der Mitarbeiter/innen war unglaublich. Manche blieben ein Jahr, andere nur drei Monate und dann gab es noch zwei Betreuer/innen, die zumindest drei Jahre durchgehend immer wieder bei meiner Mutter erschienen. Irgendwann haben auch diese das Handtuch geworfen. Eine von ihnen arbeitet jetzt in einer Supermarktkette. Glücklich ist sie darüber nicht, versichert sie mir, aber sie hätte keine Wahl gehabt, irgendwie müsse sie mit ihren Kindern auch finanziell überleben. Diese hochambitionierte Frau, die so liebevoll im Umgang mit meiner Mutter war, bringt es mit dieser Aussage auf den Punkt. Die Bezahlung für diese Tätigkeit unrealistisch und spiegelt in meinen Augen eine Haltung wider, die besagt, dass nämliche Arbeit keinen hohen Wert hat. Gehalt und Wertigkeit stehen für mich in einem direkt proportionalen Verhältnis. Je mehr Geld, desto mehr Ansehen.

Der Bedarf an Pflege und Betreuung wird in den nächsten Jahren deutlich mehr werden. Dieser Umstand ist der Tatsache geschuldet, dass viele Menschen ein immer höheres Alter erreichen. Nur, wie genau soll das weitergehen, wenn von staatlicher Seite keine Bereitschaft besteht, die Arbeitskräfte dementsprechend zu entlohnen?

Es wird Engagement und hohe zwischenmenschliche Kompetenz gefordert, zu Recht. Berufe, die im sozialen Bereich verortet sind, verlangen Berufung. Berufung alleine ist aber zu wenig. Bezahlung, die der geleisteten Arbeit entspricht, wäre endlich angebracht. Idealismus hin oder her, auch ein Gehaltszettel sollte Anlass zur Freude und nicht zur Sorgen geben.

Wo werde ich sein?

Meinen Lebensabend werde ich in einer Wohngemeinschaft, geschaffen für Schriftsteller/innen, Sänger/innen, Maler/innen und andere Künstler/innen, verbringen. Umgeben von Pflegepersonal, das die Liebe zu alten Menschen und zur Kunst eint.

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