Lieber Yunus!

Warum ich dir schreibe? Ich habe in letzter Zeit viele, viele Bilder über dein neues Zuhause in Traiskirchen gesehen. Im Fernsehen gibt es unzählige Berichte und Filme, die von Traiskirchen erzählen. Manchmal, wenn ich diese Filme und Bilder sehe, würde ich am liebsten den Fernseher abdrehen. Mir wird richtig schlecht und mein Herz klopft wie verrückt. Ich sehe, wie du im Freien schläfst. Ich sehe, wie deine Eltern neben dir liegen. Ich sehe, wie du dich anstellst und hoffst, dass du vielleicht ein paar Schuhe, ein paar Stifte oder einen Ball bekommst. Trotzdem, alle diese Bilder erzählen nicht viel von dir und ich würde so gerne mehr von dir wissen.

Wie lange hat es gedauert, bis du hier angekommen bist? Fünf Tage, sechs Wochen oder noch länger? Wahrscheinlich weißt du gar nicht mehr, wie lange du mit deinem Vater und deiner Mutter unterwegs warst. Konntest du in dieser Zeit schlafen? Hast du genug zum Essen gehabt? Warst du durstig? Musstest du laufen? Konntest du mit den Erwachsenen Schritt halten? Wie oft bist du hingefallen? Wie oft bist du wieder aufgestanden? Hattest du Angst? Diese ganz fürchterliche Angst, die dich wie mit tausend Armen festhält? Diese Angst, die sofort wiederkommt, wenn du die Augen schließt und schlafen willst? Wie oft hast geweint am Weg? Wie viele Tränen hast du vergossen, weil du deine Freunde nicht mehr sehen wirst? Wie viele Tränen hast du nicht geweint? Wie oft hast du gefürchtet, dass du deine Mutter oder deinen Vater für immer verlieren könntest? Wie oft hast du deinen Eltern Fragen gestellt? Wann hast du aufgehört zu fragen? Wie oft hast du geglaubt, dass du sterben wirst? Wovon träumst du?

Ich möchte dir ein bisschen etwas von Österreich erzählen. Österreich ist ein kleines Land. Du kommst aus Syrien? Gut also, wenn du dir Österreich und Syrien wie ein Bild vorstellst, dann könntest du das Bild von Österreich zwei Mal in das Bild von Syrien hineinlegen. Und da wäre oben und unten sogar noch ein bisschen Platz. In Österreich gibt es viele Berge, Seen und viele Wälder. Es gibt große und kleine Städte. Die Hauptstadt von Österreich ist Wien. Da wohnen sogar ein bisschen mehr Menschen, als in Damaskus, der Hauptstadt deiner Heimat. Heimat? Heimat ist der Ort, wo du dich zuhause fühlst. Wo deine Familie lebt, deine Freunde sind und wo du vielleicht zur Schule gehst. Wo du draußen Fußball spielst und wo du gemeinsam mit deinen Freunden Pläne schmiedest, was ihr später einmal werden wollt. Erwachsene sagen auch, Heimat ist dort, wo die  Wurzeln sind. Das ist wie mit einem alten Baum, der ganz fest in der Erde steht. Diesen Baum kann man fällen, aber die Wurzeln, die bleiben unter der Erde.

Ich wollte dir von Wien erzählen. Natürlich gibt es in Wien  Kinder. Wenn sie  Babys sind, leben sie fast alle bei ihrer Mama oder ihrem Papa. Mit drei Jahren gehen viele Kinder in den Kindergarten. Weißt du was ein Kindergarten ist? Es ist eine Art Haus, in das die Kinder von ihren Müttern oder Vätern in der Früh gebracht werden. Dort können sie spielen, essen und schlafen. Am Nachmittag werden sie von ihren Müttern oder Vätern wieder abgeholt. Mit sechs Jahren muss jedes Kind in die Schule gehen. Das finden die meisten nach einer bestimmten Zeit gar nicht mehr lustig. Denn anders als im Kindergarten, wo sie spielen durften, müssen sie jetzt viele Dinge tun. Sie müssen aufmerksam zuhören, die  Hausaufgaben machen,  Lesen und Rechnen üben und am Abend zeitig ins Bett gehen, damit sie am nächsten Tag in der Schule noch besser aufpassen können.

Du findest Schule gar nicht so schlecht? Du konntest nicht in die Schule gehen, weil deine Schule von Bomben zerstört wurde? Oder weil in deiner Schule Menschen untergebracht waren, die flüchten mussten?

In Wien gibt es viele Parks. Parks haben Spielplätze und natürlich einen Fußballplatz. Auch in Wien leben Kinder, die arm sind. Die meisten haben genug zu essen und ein Bett, in dem sie schlafen können. Warum sie trotzdem arm sind? Weil sie nicht genug Geld haben, um ins Kino zu gehen, oder auf Urlaub zu fahren oder um sich die Dinge zu kaufen, die ihre Freunde richtig gut finden. Darum sind die Parks gut, denn da können die Kinder spielen so viel sie wollen. Das kostet nichts. Aber das wirst du sicher wissen. Denn, wenn du draußen gespielt hast, musstest du dafür auch nichts bezahlen.

Wo die Kinder in Wien hinlaufen, wenn Bomben vom Himmel fallen? Wo sich die Kinder in Wien verstecken, wenn auf den Straßen geschossen wird? Wo sich Kinder in Wien mit ihren Eltern verstecken, wenn böse Menschen kommen?

In Wien sind schon lange keine Bomben mehr vom Himmel gefallen. In Wien wird nicht einfach so auf den Straßen geschossen. In Wien wird keiner von bösen Menschen abgeholt, weil die Eltern anders denken, als die Anführer.

Warum du trotzdem am Boden schlafen musst? Warum du trotzdem hungrig bist? Warum du eingesperrt bist? Warum du schon wieder Angst haben musst, dass deine Mutter oder dein Vater von dir getrennt werden? Warum du immer noch Angst vor dem nächsten Tag haben musst?

Das kann ich dir leider nicht erklären. Ich könnte es versuchen, aber ich fürchte so richtig verstehen könntest du es nicht. Denn nicht einmal ich verstehe es. Warum ich diesen Brief geschrieben habe? Ich möchte mich bei dir und deinen Eltern vom ganzen Herzen entschuldigen, dass du so leben musst. Ich kann dir gar nicht sagen, wie unendlich leid es mir tut, dass dir noch immer niemand deine Angst nehmen konnte. Ich würde dich so gerne in den Arm nehmen und dir sagen, dass alles gut wird. Heute kann ich das nicht, aber vielleicht schon morgen.

Maria

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