Wie funktioniert Gaslighting?

Wir alle sind von Gaslighting betroffen. Wir müssen uns nur einmal etwas intensiver mit der aktuellen Politik im In- und Ausland beschäftigen, um zur Erkenntnis zu gelangen: Irgendwas stimmt hier nicht. Wer Gaslighting anwendet, der will auch genau das erreichen. Gezielte Manipulation soll andere verwirren. Denn wer verwirrt ist, kann sich nicht mehr wehren. Schließlich weiß derjenige, der das Gas abbekommt, nicht, wogegen er sich wehren soll. Der Geruch von Gas ist höchst subtil.

Manipulation beschränkt sich aber nicht nur auf die Politik. Auch in der Wirtschaft ist es ein gern eingesetztes Mittel zur Steuerung anderer. Gaslighting ist ein Massenphänomen. Das einzige, worin sich die Techniken unterscheiden, ist deren Intensität. Einem Phänomen, wie wir es aus der Werbung kennen, kann man sich eher entziehen, als aggressiver Sabotage.

Was ist Wahrheit?

Was wir, wenn wir derzeit die Medien verfolgen, alle langsam mitbekommen: Wahrheit ist nicht statisch, sondern dynamisch.

Mit ein bisschen Kreativität biegt man sich die Wahrheit so zurecht, wie man sie selbst haben möchte. Das lehren uns diverse Kommunikationstechniken, wie beispielsweise NLP, dessen Methodik uns erlaubt, Dinge zu unseren Gunsten zu „framen“.

Begebenheiten können auf unterschiedliche Weise wahrgenommen werden. Das ist nichts Neues. Jeder Mensch erlebt aufgrund seiner subjektiven Wahrnehmung eben auch nur seine eigene subjektive Wahrheit. Wir alle sind also nichts anderes als Handwerker, die ihr „Werkstück“ den eigenen Erfahrungen und Wünschen entsprechend passend machen. Wir adaptieren gewissermaßen mithilfe unserer Sprache unsere Sicht auf Dinge. Das ist nur allzu menschlich. Unmenschlich wird es erst dann, wenn man unter rhetorische Kunsthandwerker gerät, die ebendiese Technik dafür anwenden, um anderen zu schaden.

Eines haben alle Intensitäten von Gaslighting gemeinsam: Es geht immer um das Erlangen von Macht. Denn wer er schafft, seine Wahrheit einer Personengruppe als allgemeingültig zu verkaufen, der kann sich in ebenjener Gruppe gewinnbringend positionieren. Auch das ist etwas, das man als „nur allzu menschlich“ bezeichnen kann. Es gibt jedoch eine pathologische Persönlichkeit, die dieses Spiel so gut beherrscht, wie keine andere. Wir sprechen hier vom Meister seines Fachs.

Nicht jeder Mensch kann die Methoden von Gaslighting gleichermaßen skrupellos umsetzen. Solange man noch einen Funken an Moral oder Anstand in sich trägt, schafft man es nie unter die Top-Plätze im Ranking. Diese eine Persönlichkeit aber, die kennt diese Gefühle nicht.

Diese Persönlichkeit kann zweifellos als das Genie unter den Gaslightern bezeichnet werden.

Wenden wir uns wieder dem eigentlichen Thema zu: Wie Gaslighting funktioniert, möchte ich Ihnen hier an einem fiktiven Beispiel demonstrieren. Die Techniken, die Sie hier kennenlernen werden, sind nicht ganz so drastisch, wie diejenigen, die unter Stasi-Zeiten angewandt wurden, verfehlen aber dennoch nicht ihre Wirkung.

Begeben Sie sich im Folgenden in die fiktionale Welt einer Totalen Institution: Ins Gefängnis.

Phase 1: Verunsichern

Die fiktive Geschichte handelt von einer Frau. Nennen wir sie einfach Irene. Der Einfachheit halber. Irene versieht ihren Dienst in Wilhelmberg, einem Abschnitt, der zu einem kleinen Tal mit dem klingenden Namen Josefstal gehört.

Irene will sich verändern. In einer Zeitung sieht sie eine Anzeige. Gesucht werden Wärterinnen und Wärter, die ihren Dienst im Gefängnis versehen. Die Ausbildung dauert ein Jahr und wird finanziell abgegolten. Irene sieht dies als eine Chance für sich, vorwärts zu kommen.

Was Irene an diesem Punkt der Geschichte noch nicht weiß: Ein Gefängnis ist eine Totale Institution. Und in Totalen Institutionen gibt es eine Persönlichkeit, die in diesen Gebäuden öfter vertreten ist, als in allen anderen Bereichen. Diese Persönlichkeit blüht in solchen Institutionen regelrecht auf. Kein Wunder, wird es ihr doch in keiner anderen Institution so einfach gemacht, ihr Wesen so offen auszuleben.

Irene schließt die Ausbildung zur Wärterin mit Auszeichnung ab und versieht ihren Dienst zunächst in einem Büro. Unter anderem ist sie für die getätigten Einkäufe der Insassen zuständig. Die frisch gebackene Wärterin erfüllt ihre Aufgaben genau und zeichnet alle Einkäufe gewissenhaft auf. Zu dieser Zeit kommt es immer wieder vor, dass die Mappe, in der sie ihre Aufzeichnungen ablegt, verschwindet.

Irene kann sich nicht vorstellen, dass jemand so etwas absichtlich tut. Wer sollte denn so etwas tun? Und warum? Sie möchte niemanden beschuldigen. Manchmal taucht die Mappe nach einem Tag wieder an ihrem alten Platz auf, manchmal wird Irene angerufen und darauf hingewiesen, dass sich die Mappe an Orten befinde, an denen sich Irene niemals aufgehalten hat. Irgendwie kommt Irene das nun doch komisch vor. Aber jemandem erzählen? Und wem? Und was soll es bringen, wenn sie jemandem erzählt, dass ihre Mappe immer wieder verschwindet?

Eine der ersten Methoden, die der Antagonist Gregory Anton im Film „Das Haus der Lady Alquist“ anwendet, ist das Verschwindenlassen von Gegenständen. Seine Ehefrau Paula berichtet im Verlauf des Filmes dem alten Inspektor, dass ihr Gatte ihr immer wieder Dinge - wie beispielsweise eine Brosche - gibt, die aber dann plötzlich, wenn er sie von ihr fordert, nicht mehr da sind. Uhren verschwinden. Bilder hängen plötzlich nicht mehr an der Wand. Und die Schuld trägt immer seine Frau Paula. Die arme Seele kann sich dabei noch so vehement verteidigen. Auch, wenn sie noch so oft bestreitet, an dem Verschwinden Schuld zu sein: Es kann sonst einfach niemand anderer gewesen sein. Taktisch klug von Mr. Anton. Er weiß nämlich nur zu gut, was solch eine Vorgehensweise bei Menschen, die ihm vertrauen, auslöst: Es verunsichert das Opfer in seinen Grundfesten. Denn warum sollte ihr Mann ihr vorwerfen, so etwas getan zu haben? Kann es denn wirklich mit ihr zu tun haben? Schlafwandelt sie etwa, und versteckt in dieser Zeit Broschen und Bilder? Wenn ihr Mann, den sie doch über alles liebt, den sie respektiert und dem sie vertraut, ihr so etwas sagt, dann muss es doch einen Grund haben! Er sagt ihr das doch nicht einfach so, aus einer Laune heraus! Menschen, die so etwas absichtlich tun, gibt es doch gar nicht!

Es gibt Menschen, die so etwas tun, und dabei genau wissen, was sie damit anrichten

„Wer sollte so etwas tun? Patrick doch wohl nicht. Und Holger? Dem traue ich sowas auch nicht zu. Das sind doch intelligente und ehrliche Kollegen, die sich nichts zu Schulden kommen lassen! Vielleicht hat es ja doch etwas mit mir zu tun? Und wem kann man so etwas mitteilen?“ Diese und ähnliche Fragen gehen Irene seitdem nicht mehr aus dem Kopf. Aber mitteilen kann sie das doch niemandem. Was sollte sie sagen? Und wem? Damit macht sie sich doch nur lächerlich.

Das Verstecken oder Verschwindenlassen von Dingen ist eines der ersten Methoden von Gaslighting. Es ist sehr subtil und führt zunächst zu einer allgemeinen Verunsicherung, da diese Geschehnisse Fragen aufwerfen. Das Opfer beginnt damit, sich selbst und seine Gefühle zu hinterfragen. Bleibt es „nur“ beim Verstecken von Dingen, kann man ja leicht zu dem Schluss kommen, man sei nur ein bisschen übersensibel.

Sensibel sein, das ist etwas, das sich Irene als Wärterin nicht erlauben kann. Sie arbeitet mit den harten Jungs. Da zeigt man keine Schwäche. Und als Frau schon gar nicht. Irene entscheidet sich, die Begebenheit auf sich beruhen zu lassen und versperrt ab sofort die für sie wichtige Mappe in ihrem Spind.

Nachdem einige Tage vergangen waren, bemerkt Irene wieder, dass etwas verschwunden ist. Dieses Mal fehlen Dateien. Für ihre Arbeit wichtige Daten sind weg. Dieses Mal möchte Irene jedoch etwas dagegen tun. Sie geht zum Kommandanten und bittet darum, ab sofort nicht mehr in diesem Büro zum Dienst eingeteilt zu werden. Zwar versteht ihr Kommandant nicht, warum. Aber Irene´s Bitte wird entsprochen.

Phase 2: Isolieren

Bevor es soweit kommt wie im Fall von Irene, ist bereits viel passiert, von dem Irene natürlich keine Ahnung hat. Vielleicht wurde hinter vorgehaltener Hand schon länger getuschelt.

Irene bekommt solche Aussagen immer nur dann mit, wenn es sich nicht um ihre Person dreht, sondern um andere Frauen. Seit sie ihren Dienst auf der Männerabteilung versieht, bekommt sie solche Geschichten des Öfteren zu hören. Erstmals erzählen ihr ihre Kollegen die Geschichten von Veronika und Andrea. Kollegin Veronika, die sei ein bisschen eigenartig gewesen. Da seien immer so komische Dinge vorgefallen, die irgendwie immer mit ihr in Verbindung standen. Letztendlich sei sie an einem Tag aus dem Dienst gegangen und nie wieder zurückgekommen. Eigenartig. Aber die hatte halt irgendwas. Andrea wiederum, die war einfach nur deppert. Das ist eine von denen, die einfach so, aus heiterem Himmel, Kollegen anzeigt. Auch sie erschien von einem Tag auf den anderen nicht mehr im Dienst.

Irene fühlt sich irgendwie verwirrt. Warum passieren hier so viele eigenartige Dinge? Und kann das wirklich stimmen, was man sich so über Veronika und Andrea erzählt? Solche kruden Geschichten können doch gar nicht wahr sein! Entweder gab es diese Frauen gar nicht und man will ihr nur Angst machen, oder irgendetwas wurde bei diesen Geschichten absichtlich vergessen zu erwähnen.

Rufschädigung passiert zunächst immer hinter vorgehaltener Hand. Rufschädigung führt, wird sie nur oft genug wiederholt, bei den Zuhörern zu zwei Reaktionen: Die eine Gruppe distanziert sich und will ihre Ruhe, die andere Gruppe empfindet Freude daran, bei dem Spielchen mitzumachen. Die Leute aus der zweiten Gruppe werden zu Flying Monkeys. Auch das ist etwas, das gewisse Persönlichkeiten sehr genau wissen. Zu genau. Schließlich haben sie die Verhaltensweisen von Einzelpersonen und Gruppen sehr gut studiert. Und ihr gesammeltes Wissen wenden sie gut und gern - in meisterlicher Manier - an.

Die Persönlichkeit, die so meisterhaft, so geschickt wie ein Schachspieler mit Menschen taktiert, ist der Psychopath. Psychopathen begegnen uns überall. Der FBI-Profiler Joe Navarro behauptet in einem Spiegel-Interview, dass jeder einzelne von uns zumindest einen Psychopathen kennt. Die „Zeit“ hat über dieses Thema ein Interview mit Dr. Jens Hoffmann, Psychologe und Berater am Institut für Psychologie und Bedrohungsmanagement, geführt. Er bestätigt, was für uns eigentlich kein Geheimnis ist: Psychopathen kommen besonders oft in Machtpositionen. Geheimnisvoll erscheint jedoch weiterhin seine Methodik, die ihn in diese Positionen bringt.

Der Psychopath weiß nicht nur haargenau, was bei Rufschädigung passiert. Er hat auch ein Gespür dafür, bei wem er welche Informationen platzieren muss, um an sein Ziel zu gelangen. Und er weiß haargenau, welche Auswirkung die Platzierung welcher Information hat.

Sein allergrößtes Ass im Ärmel: Ein Psychopath erscheint zu jeder Zeit sehr charmant, wird als seriös wahrgenommen, und daher als glaubwürdig eingeschätzt. Erzählt der Psychopath den richtigen Leuten – dem Arzt, der Sozialarbeiterin, der Gleichbehandlungsbeauftragten oder ähnlichen Menschen in wichtigen Positionen - beispielsweise von seiner Vermutung, eine Kollegin sei psychisch krank, dann wird man ihm zunächst einmal Glauben schenken.

Aber soweit ist der Cluster B in unserer fiktiven Geschichte noch nicht. Was nützt es ihm, einen Verdacht auszusprechen, wenn das Opfer noch gar keine Anzeichen psychischer oder somatischer Natur zeigt? Der Psychopath muss sich also noch ein wenig gedulden bis zum Showdown.

Warum tut der Psychopath das?

Die Antwort ist so einfach wie plump: Weil er es kann.

Begibt man sich in einen Wettstreit mit einem Psychopathen, zieht man ausnahmslos den Kürzeren. Zu sehr sind uns „Normalos“ nur allzu menschlichen Gefühle im Weg, die der Psychopath schlicht und ergreifend nicht kennt.

Phase 3: Verunsicherung aufrechterhalten / Verwirren

Phase 3 ist eigentlich eine Zwischenphase. Sie dient einzig und allein dem Zweck, die Verunsicherung weiterhin aufrechtzuerhalten. Denn aus Verunsicherung wird mit der Zeit Verwirrung. Und genau das sollen die kommenden Manipulationen erreichen.

Irene bekommt jetzt immer öfter zu hören, dass ihre Schminke irgendwie nicht passt. Das sagt ihr nicht nur eine Person, sondern am selben Tag gleich mehrere, was die Verunsicherung natürlich verstärkt. Was Irene noch dazu stutzig macht, ist der Umstand, dass in letzter Zeit immer bei ihr der Aufzug stecken bleibt. Das sagen ihr sogar einige Kollegen. „Komisch. Immer bei dir, gell?“

Mit diesen Kleinigkeiten, die sich nun tagtäglich zutragen, wächst die Verunsicherung, und wächst sich aus zur Verwirrung. Irene ist sich nun tatsächlich nicht mehr sicher, ob sie den Aufzug nicht vielleicht falsch bedient. Vielleicht drückt sie zu schnell oder zu langsam? Bei jeder weiteren Fahrt baut sich noch mehr innerlicher Druck auf. Aus Druck wird allmählich Angst.

„Was mach ich falsch?“ würde Irene am liebsten fragen, als sie wieder einmal aus dem Aufzug geholt wird. Aber sie verkneift es sich.

Im Film „Gaslicht“, der Neuverfilmung von „Das Haus der Lady Alquist“ sagt der Antagonist Jack Manningham zu seiner Frau, als diese davon spricht, wie sehr sie unter den Blicken einer Bediensteten leidet: „Hör auf damit! Das grenzt ja schon an Paranoia!“ Also versucht Mrs. Manningham weiterhin verbissen, ihre Erinnerungen und Gefühle zu unterdrücken.

Gibt es eine Möglichkeit zur Gegenwehr?

Bis zu diesem Zeitpunkt überhaupt nicht. Alles, was Irene bisher erlebt hat, ist nicht greifbar. Wer beschwert sich denn darüber, dass seine Arbeitsutensilien verschwinden oder dass der Aufzug immer stecken bleibt, wenn man damit fährt? Damit würde sich Irene nur lächerlich machen. Und das wiederum würde dem Psychopathen in die Hände spielen. Auch zu einem späteren Zeitpunkt ist es fast unmöglich, sich zu wehren. Denn auch, wenn Irene irgendwann zu begreifen beginnt, dass sie manipuliert wird - gegen solche Machtspielchen ist sie – so wie jeder und jede andere - vollkommen machtlos.

In dieser Zeit hat Irene ihre erste Panikattacke, aber sie nimmt die Symptome nicht ernst. Einige Zeit später fühlt es sich so an, als hätte sie einen Frosch im Hals. Auch hier kann sie den Zusammenhang zwischen den Manipulationsspielchen und ihrer Gesundheit noch immer nicht erkennen. Da sie auch unter Schluckproblemen leidet, lässt sie sich eine Kur zur Behandlung ihrer Atemwege verordnen.

Phase 4: Dinge zerstören

Als Irene eines Tages aus dem Nachtdienst geht, bemerkt sie, dass die Windschutzscheibe ihres Autos einen riesigen Sprung hat. Der Sprung verläuft spinnennetzartig von einer Beschädigung in der Mitte nach außen. Es sieht fast so aus, als hätte jemand die Scheibe absichtlich mit einem schweren Gegenstand wie einem Stein beschädigt.

Eigentlich hat Irene absolut keine Lust darauf, irgendetwas dagegen zu unternehmen. Zu sehr wurde sie bereits verunsichert. Bisher weiß sie noch immer nicht, wer dahintersteckt. Was es umso schwieriger macht, auch nur irgendetwas gegen die systematischen Vorkommnisse zu unternehmen. Sie weiß nur: Sie hat Andy mit einigen anderen Leuten in der Nähe ihres Autos gesehen.

Was sind Flying Monkeys?

Flying Monkeys sind für Cluster-B-persönlichkeitsgestörte Menschen die Deppen vom Dienst. Sie sind diejenigen, die die Drecksarbeit für den Psychopathen erledigen. Oft zählen sie selbst zur Cluster-B-Gruppe und leiden selbst an einer narzisstischen oder antisozialen Persönlichkeitsstörung, oder schließen sich den dysfunktionalen Verhaltensweisen des Cluster-B´s an, um in deren Schatten stehen, und dadurch ein paar Brotkrumen Macht erhaschen zu können. Sie erhoffen sich Gruppenzugehörigkeit und mehr Macht. Manchmal erhoffen sie sich auch einfach nur Ruhe.

Phase 5: Vertrauen wiederherstellen

Eine Zeitlang sieht es so aus, als würde Ruhe in das Chaos einkehren. Norbert wurde strafversetzt, und seither ist es still geworden. Irene übernimmt die Bibliotheksleitung und fühlt sich sowohl von ihren Kollegen als auch von den Insassen respektiert und wertgeschätzt. Es sieht so aus, als hätte Irene eine für sie schwierige Zeit überwunden. Sie freut sich, dass es nun endlich bergauf geht, und schmiedet Pläne für die Zukunft.

Phase 6: Schwächen

Seit Norbert wieder von seiner Strafversetzung zurückgekehrt ist, ist er für die Diensteinteilung zuständig. Da Irene Norbert nicht riechen kann, bittet sie ihn niemals um einen freien Tag oder um Urlaub.

Dass sie ihn nicht ausstehen kann, hat einen Grund: Sie hat von Kollegen, mit denen sie sich gut versteht, erfahren, wie er über sie spricht, und welche rufschädigenden Dinge er hinter ihren Rücken über sie verbreitet.

Irene wird öfter in ungeliebte Dienste eingeteilt als andere. Freie Tage werden erst nach einer viel zu hohen Anzahl an Diensttagen angesetzt. Diese Vorgehensweise zehrt an Irenes Körper. Irene fühlt sich zu diesem Zeitpunkt matt, schwach, müde und kraftlos.

Phase 7: Öffentlicher Rufmord

Nachdem die Windschutzscheibe von Irene ausgetauscht, und wieder beschädigt wurde, sieht sie sich gezwungen, den Vorfall beim Kommandanten zu melden.

Diese Neuigkeit macht schnell die Runde unter den Kollegen. Daraufhin wird sie von einer Gruppe von Leuten öffentlich mit den von ihr getätigten Beschuldigungen konfrontiert. „Wie kannst du nur auf die Idee kommen, einer von uns könne so etwas tun? Das könnte doch jeder gewesen sein!“ Es hilft auch nichts, dass Irene darauf aufmerksam macht, dass sie ihr Auto in einem für die Öffentlichkeit gesperrten Bereich geparkt hat. Sie wird mit der Frage konfrontiert, ob sie sich sicher sei, dass es überhaupt im Nachtdienst passiert sei. Obwohl Irene dies bejaht, wurde sie schon lange vorher – in den Phasen 1 – 5, in eine Position gedrängt, in der es ihr schwer gemacht wird, dass man ihr allgemein Glauben schenkt.

Da die Attacken gegen sie immer intensiver werden, schaltet Irene die Gleichstellungsbeauftragte ein. Diese erkennt zwar, dass hier etwas falsch läuft, hat aber keine Ahnung, womit sie hier tatsächlich konfrontiert wird. Wirklich helfen kann die Beauftragte Irene jedoch nicht. Der Ratschlag an Irene lautet: Versetzen lassen.

Ein anonymes Schreiben taucht auf, in dem Irene als depressiv bezeichnet wird. Auf solche Hinweise reagiert die Zentrale von Josefstal sofort. Schlechte Publicity kann sich das kleine Tal nämlich nicht leisten, schon gar nicht, nachdem sich erst vor kurzem eine dienstjunge Kollegin mit der Dienstwaffe das Leben genommen hat.

Irene muss sich einer amtsärztlichen Überprüfung unterziehen. Das Ergebnis: Irene ist kerngesund und kann ihren Dienst wieder antreten. Der Vorwurf allerdings liegt seither wie ein Schleier über ihr. Nicht nur die Kollegen, sogar die Insassen tuscheln über sie. Und auch der Häfmarzt und die Sozialarbeiterin fühlen sich bemüßigt, Irene zu beobachten. Schließlich haben sie von seriösester Quelle gehört, dass Irene sich in letzter Zeit sehr, sehr eigenartig benimmt.

Als Mrs. Manningham sich im Film „Gaslicht“ gegen die Behauptung ihres Mannes wehrt, sie hätte das Bild von der Wand genommen, lässt sie sich zu der Aussage hinreißen, dass nur sie und das Dienstmädchen zur Zeit des Verschwindens im Haus gewesen wären. Darauf holt Jack Manningham das Dienstmädchen ins Arbeitszimmer und erzählt ihr von der Verdächtigung, die Mrs. Manningham geäußert hat. Das Dienstmädchen ist empört, und fortan schlecht auf die Frau des Hauses zu sprechen.

Irene ist körperlich und seelisch bereits in einem kritischen Stadium. Auf der einen Seite kann sie nach allem, was ihr bisher widerfahren ist, noch immer keine Täter nennen, auf der anderen Seite weiß sie nun, dass hier irgendetwas vor sich geht, das sie nicht beeinflussen kann. Zu ihren Halsschmerzen kommen in weiter Folge Magenverstimmungen dazu. Auch die Panikattacken werden immer intensiver. An manchen Tagen leidet sie unter einem Schwindelgefühl. Außerdem hat sie ständig Angst davor, dass man ihr nicht glaubt. Der Gedanke, jedem beweisen zu müssen, dass sie sich im Recht befindet, wird zwanghaft.

Phase 8: Kompetenzen absprechen

Als Irene im Wachzimmer ihren Dienst versieht, teilt ihr Vorgesetzter Norbert ihr lediglich minderwertige Arbeiten zu. Und sogar diese Arbeiten beschreibt er ihr in gespielt langsamer und einfacher Sprache, Schritt für Schritt. Ganz so, als sei Irene zu dumm, um auch nur eine Tür aufzuschließen. Irene kann zu diesem Zeitpunkt nur noch trotzig reagieren. Zu mehr fehlt ihr nach all den Angriffen bereits die Kraft.

Irene ist nun in einem Zustand, in dem sie das schädigende Verhalten der anderen toleriert. Und diese Reaktion ist – auch, wenn das für Irene in dieser Situation nicht tröstlich ist – auch sehr oft bei Opfern sexueller Gewalt zu erkennen. Auch, wenn solche sich im Nachhinein dafür schämen: Sie können sich an einem gewissen Punkt nicht wehren, und lassen den Missbrauch über sich ergehen.

Phase 9: Beschuldigen

Irene wird von Norbert bezichtigt, etwas gesagt zu haben, das ihrer Hierarchie nicht entspreche. Er lässt Irene beim Kommandanten antanzen. Dort sitzt er seelenruhig, und hört zu, wie der Kommandant Irenes „Vergehen“ vorträgt. Beide fordern von Irene eine Entschuldigung. Irene entschuldigt sich unter Tränen für etwas, das so niemals vorgefallen ist.

Auch im Film „Gaslicht“ fühlt sich Mrs. Manningham für etwas schuldig, das sie nicht getan hat. Laut Jack Manningham hat sie ihr kleines Hündchen absichtlich verletzt. Seitdem sieht sich Jack „gezwungen, ihr nicht länger die Verantwortung für Tiere übertragen zu können.“

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INFO: Psychische und Körperliche Anzeichen von Gaslighting:

1. Häufig Gefühle der Verunsicherung oder Verwirrung.

2. Unfähigkeit, sich an Details zu erinnern, die dem Opfer mit dem Täter passiert sind.

3. Halsschmerzen

4. Probleme mit dem Magen

5. Schwindelgefühle

6. Hyperwachsamkeit

7. Selbstaufgabe: Die Misshandlung tolerieren

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Phase 10: Heimlich Demütigen

Auch hier sind die Deppen vom Dienst, die Flying Monkeys, am Werk. Sie rotten sich zusammen und holen zum nächsten Schlag aus. Irene wird an passender Stelle, nämlich dann, wenn niemand da ist, der sich in einer wichtigen Position befindet und sich gegen solches Verhalten aussprechen könnte, durch wüste Beschimpfungen gedemütigt. In dieser Phase fallen Worte, die man nicht einmal seinem ärgsten Feind an den Kopf werfen würde.

Sie sprechen mit ihr in einer veränderte Tonlage. Der Psychopath hat nämlich in den von ihm arrangierten vorherigen Phasen schon dafür gesorgt, dass Irene alle Kompetenzen, jegliche Intelligenz, jegliches Gefühl – also alle menschlichen Eigenschaften – abgesprochen wurden. Nun wird sie von den Flying Monkeys konsequent so behandelt.

Ab sofort kommen zu allen Störungen, die Irene bereits entwickelt hat, noch eine Hyperwachsamkeit hinzu. Sie ist immer auf der Hut. Zwar ist ihr jetzt klar, wer die Flying Monkeys sind, und hält sich ihre Namen tapfer vor Augen. Trotzdem kann sie sich nicht sicher sein, ob neben Martin, Patrick und Andy nicht noch weitere Personen dazugehören, von denen sie es nur noch nicht weiß.

Phase 11: Nachtreten und Showdown

Spätestens zu diesem Zeitpunkt hätte Irene die Notbremse ziehen müssen. Sie hätte freiwillig aufgeben müssen. Aber Irene hat gelernt: Kämpfe bis zum Schluss! Und das tut sie auch. Trotz des Umstands, dass sie in der Kampfarena gar nicht mehr richtig steht, sondern nur noch taumelt. Zu diesem Zeitpunkt würde bereits ein Stupser genügen, um sie zu Fall zu bringen. Irene aber bekommt keinen Stupser, sondern einen ordentlichen Tritt, so wie es sich für Cluster-B´s gehört. Und als sie schon am Boden liegt, tritt ein Flying Monkey nach.

Als Irene nach einigen Tagen Krankenstand wieder im Dienst erscheint, sagt Flying Monkey Martin: „Du bist zu früh wieder zurück“. Irene hat keine Ahnung, was Martin meint, geht aber auch nicht weiter darauf ein. Zu sehr wurde sie bereits verstört, verwirrt und verunsichert. Und das wissen auch die Flying Monkeys.

Irene soll erfahren, was während ihrer Krankenstandstagen geplant wurde: An dem Tag, an dem sie „zu früh zurück“ kam, wurde sie von Martin mit einem Messer bedroht. Anschließend setzt sich Flying Monkey Patrick zu ihr, wohlwissend, wie es ihr geht, um ihr zu erzählen, dass er eine psychisch gestörte Großmutter hat, die sich schon zwei Mal das Leben nehmen wollte. „Beim dritten Mal wird´s sicher klappen.“ lächelt er.

Das ist Irene nun zu viel. Nach Dienstschluss steigt sie in ihr Auto, und fährt nach Hause. Sie wird – so wie Veronika und Andrea und die dienstjunge Kollegin vor ihr - nie wieder im Dienst am Wilhemsberg erscheinen.

Während der Heimfahrt erinnert sie sich noch an die Worte eines tollen und ehrlichen Kollegen: „Es tut mir leid, was sie dir alles angetan haben.“ Erst in diesem Moment lichtet sich der Schleier der Verwirrtheit, und ihr wird ihr klar: Das hat System.

Es gab genug Eingeweihte, die ihr hätten beistehen können. Es hätte genügend Leute gegeben, die etwas sagen hätten können. Und was sollte sie nun machen? Alle werden stumm bleiben. Die Flying Monkeys werden stumm bleiben, weil sie mitgemacht haben. Und die anderen werden stumm bleiben, weil sie ihre Ruhe haben wollen. Irene hat keine Chance auf Wiedergutmachung.

Seitdem kennt Irene das System, das bisher keinen Namen hatte. Das System, das in vielen Totalen Institutionen immer wieder gern gespielt wird. Dieses System nennt sich Gaslighting.

Einige Tage später lässt sich Irene alle Phasen, die sie gezwungenermaßen durchlaufen musste, nochmals durch den Kopf gehen. Sie weiß nun Bescheid über Cluster-B-Persönlichkeiten, sie weiß Bescheid über die Flying Monkeys und über den Psychopathen. Ihr wird auch bewusst, dass Gaslighting in seiner intensivsten Form immer dort gespielt wird, wo sich zumindest ein Psychopath aufhält.

Die Flying Monkeys hatte sie ja irgendwann leicht durchschaut.

„Aber wer“ fragt sich Irene daraufhin „ist nun eigentlich der Psychopath?“

Nach kurzer Überlegung löst sie das Rätsel.

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INFO: Richtiges Verhalten bei Gaslighting:

1. Halten Sie Abstand vom Täter.

2. Konfrontieren Sie den oder die Täter nicht, er wird ohnehin eine Verteidigungshaltung einnehmen.

3. Versuchen Sie nicht, die „Wahrheit aufzudecken“.

4. Akzeptieren Sie, dass er ein Gaslighter ist und dass er vielleicht sogar an seine eigene verzerrte Realität glaubt.

5. Geben Sie dem Gaslighter keine Macht mehr über sich.

6. Wehren Sie sich, auch wenn er Ihr Verhalten „unreif“, „trotzig“ oder auch „gestört“ nennt.

7. Lassen Sie die Vergangenheit los, und fokussieren Sie sich auf die Zukunft.

8. Nehmen Sie sich selbst wichtig, glauben Sie an sich und bauen Sie Ihr Selbstbewusstsein wieder auf.

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Kann Gaslighting jeden treffen?

Grundsätzlich ja, im besonderen Maße betroffen ist jedoch das weibliche Geschlecht. Frauen bringen oft genau die Eigenschaften mit, die sie zu guten Opfern machen. Sie wollen gefallen. Sie wollen alles richtig machen. Sie wollen geschätzt werden. Sie sehen sich gern in der Helferrolle und empfinden Konflikte oft als unangenehm. In einer Totalen Institution trifft man sehr oft auf erstarrte und überholte Frauen- und Männerrollen. Oft versuchen die Frauen daher, dort zu gefallen. Sie machen sich schön, um in der Gunst der Männer zu stehen, um nicht in eine ähnliche Rolle zu fallen wie Irene. Das ist die größte Angst dieser Frauen. Und daher spielen sie auch mit, wenn andere Frauen manipuliert werden. Sie werden ebenfalls zu Flying Monkeys.

Gibt es irgendeine Möglichkeit, einen Psychopathen (oder eine andere Persönlichkeit aus dem Cluster B Spektrum) im Vorfeld zu erkennen?

Psychopathen bestehen alle psychologischen Eingangstests. Sie genießen auch ein hohes Ansehen und Vertrauen, denn sie sind gebildet, intelligent, charmant und sympathisch. Einen Psychopathen als solchen zu erkennen ist fast unmöglich. Möglich war es – um nochmals zu unserer fiktiven Geschichte zu kommen – für Irene, ihn auszumachen. Auch in ihrem Fall nicht ohne eine gewisse Anstrengung. Und auch erst, als es schon längst zu spät war. Denn der Psychopath achtet auf seine Deckung, und unternimmt schier Unmögliches, um nicht erkannt zu werden.

Die Personen und die Handlung der hier erzählten fiktiven Geschichte sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Begebenheiten oder lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.

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Nachwort

Jeden Tag, jeden einzelnen Tag haben wir es mit Menschen aus dem Cluster B Spektrum zu tun. Heute, in dieser normopathischen Gesellschaft, ist Aufklärung darüber wichtiger denn je. Es muss sich etwas verändern. Narzisstischer Missbrauch darf nicht mehr als normal angesehen werden. Er ist es nämlich, der das gesamte Übel, von Depression bis zu Suizid, anrichtet. Dieser Weckruf soll durch das gesamte Land - und darüber hinaus - ziehen. Unsere Community wächst jeden Tag. Immer mehr Menschen bemerken, worum es hier wirklich geht und erheben ihre Stimme. Es müssen noch viel mehr Stimmen lauter werden. Ich bin eine dieser Stimmen.

Sie aber ist noch eine viel lautere Stimme:

Passt auf euch auf!

In Erinnerung an diese Frau, deren Namen und Geschichte ich nicht kenne, die es aber verdient hat, hier einen Platz zu finden:

https://noe.orf.at/news/stories/2583300/

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